Berufsunfähig durch Nanopartikel Hustenkrämpfe wegen Tonerstaub zwingen Geesterin in Rente

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Unzählige Arztbesuche und Termine vor Gericht hatte die Erkrankung durch Tonerstaub bei Regina Cassian aus Geeste zur Folge. In dicken Ordnern hat sie alles dokumentiert. Foto: Konstantin StumpeUnzählige Arztbesuche und Termine vor Gericht hatte die Erkrankung durch Tonerstaub bei Regina Cassian aus Geeste zur Folge. In dicken Ordnern hat sie alles dokumentiert. Foto: Konstantin Stumpe

Geeste. Regina Cassian aus Geeste ist durch den Tonerstaub aus Laserdruckern erkrankt und nun sogar arbeitsunfähig. Sieben Jahre lang arbeitete sie in einem Copyshop in Lingen. Zum Schluss wurde sie von schweren Hustenanfällen mit Brechreiz geplagt, ihr Chef kündigte ihr wegen zu häufiger Krankschreibungen. Nun hilft sie der Stiftung nano-Control bei der Präventionsarbeit.

Im Jahr 2004 trat die gelernte Schrift- und Grafikmalerin eine Stelle als Werbetechnikerin in einem Copyshop an. Dafür war die zuvor Arbeitslose aus Ostdeutschland nach Geeste gezogen. Sie erstellte Layouts für Werbeflyer, übernahm aber auch Kopierarbeiten für Laufkundschaft. Die ersten eineinhalb Jahre hatte Cassian keine Probleme an ihrem Arbeitsplatz. Dann wurde dieser jedoch in den hinteren Teil des Gebäudes verlegt, in dem auch große Produktionsdrucker standen, mit denen Hefte und Prospekte gedruckt wurden. Der Raum hatte keine Fenster oder andere Belüftungsmöglichkeiten. (Weiterlesen: Drucker im Büro mindestens eine Armlänge entfernt aufstellen)

Ein halbes Jahr danach traten bei der heute 58-Jährigen die ersten Beschwerden auf. „Es fing an mit Halsschmerzen, also bin ich zum HNO-Arzt gegangen“, erinnert sich Cassian im Gespräch mit unserer Redaktion. Ein Allergietest brachte jedoch keine befriedigenden Ergebnisse. „Er hat herausgefunden, dass ich auf irgendetwas reagiere, aber nicht auf was.“

Brechanfälle

Noch schlimmer wurde es, als im Jahr 2009 ein großer Druckauftrag einging. „Wir haben Unmengen gedruckt. Die Geräte liefen quasi den ganzen Tag“, blickt Cassian zurück. Ihre Atemwegsbeschwerden verschlimmerten sich. Zudem erhöhte sich ihr Blutdruck auf 200 zu 110, optimal ist ein Wert von 120 zu 80. „Ich habe immer versucht, es durchzuhalten, ich habe ja an der Arbeit gehangen“, sagt Cassian. Doch die Hustenanfälle nahmen zu. Sie steigerten sich zu Brechanfällen und einem Brennen in Rachen und Nase.

Ärzte wissen nicht weiter

Cassian versuchte es bei einem Umweltmediziner. Der wusste auch nicht weiter und schickte sie zur Uniklinik Münster, wo ihr auch nicht geholfen werden konnte. Schließlich stellte ein Lungenfacharzt in Nordhorn bei einer Messung an ihrem Arbeitsplatz Asthma fest. Bei Bedarf solle sie Asthmaspray nehmen, sagte der Arzt. Dies half jedoch nur bedingt. Zu den Atembeschwerden gesellten sich Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit sowie ein metallener Geschmack im Mund und Ekzeme an der Hand, bis hin zu Magen-Darm-Beschwerden, Gelenkschmerzen und Muskelkrämpfen. Längst wusste Cassian, dass ihre Krankheit direkt mit ihrem Arbeitsplatz zusammenhängt, denn immer zwei Stunden nach Arbeitsbeginn stellten sich die ersten Symptome ein. „Ich habe mich nach den Wochenenden gesehnt, um mich auszukurieren.“ (Lesen Sie auch: Gefährlicher Feinstaub in vielen Büros)

Wegen Krankheit gekündigt

Dann bekam Cassian innerhalb von drei Monaten mehrmals eine Bronchitis und wurde über längere Zeit krankgeschrieben. Ihr Zustand verbesserte sich etwas. „Nachdem ich dann wieder 14 Tage bei der Arbeit war, setzte der Husten erneut ein und mir blieb die Stimme weg, da habe ich gedacht: ,Jetzt ist Schluss‘.“ Ihr Hausarzt in Lingen sagte ihr, dass sie nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkönne. In einem anschließenden Gespräch mit ihrem Chef habe dieser gesagt, dass er auch nicht wisse, was er mit ihr machen solle. Also habe er ihr gekündigt.

nano-Control vermittelt Spezialisten

Nach der Kündigung im Jahr 2011 wurde Cassian dann auf die Stiftung „nano-Control“ aufmerksam. Die will die Gesellschaft über die Gefahren von Tonerstaub aus Laserdruckern und Kopieren aufklären und kämpft für den Einsatz von umweltfreundlichen Tintenstrahldruckern. Die Stiftung vermittelte Cassian zu einem Arzt bei Nürnberg, der auf die Tonerstauberkrankungen spezialisiert ist. Er führte einen Provokationstest durch, ließ sie Tonerstaub einatmen. Dieser Test brachte endlich Klarheit: Cassian ist durch Tonerstaub erkrankt und hat nun eine vielfache Chemieunverträglichkeit (MCS). Duftstoffe von Parfüm, Deo und Spülmittel sowie der Rauch aus Kaminöfen lösen bei ihr sofort schwere Hustenanfälle aus. Daher hat sie derartige Mittel restlos aus ihrem Haushalt verbannt. (Mehr zum Thema: Nanopartikel: Forscher untersuchen Wirkung aufs Nervensystem)

Berufsunfähig geschreiben

Sie wurde in ihrem Beruf unfähig geschrieben. Ihr stand die gesetzliche Erwerbsminderungsrente wegen ihrer Geburt vor dem Jahr 1961 zu. Zunächst erhilet sie jedoch Krankengeld. Dies musste sie sich aber hart erkämpfen. Trotz eines medizinischen Gutachtens, das sie in vollem Umfang als arbeitsunfähig einstufte, wurden ihr nicht die vollen Bezüge ausgezahlt. Sie sei noch bis zu acht Stunden arbeitsfähig. Sie sagt, es habe an einer Unstimmigkeit in ihrem Arbeitsvertrag gelegen. Dagegen reichte sie Klage beim Sozialgericht ein. Anhand ihrer ausgeführten Tätigkeiten konnte sie klar belegen, dass sie in ihrem Beruf gearbeitet hatte. Sie bekam recht und erhielt rückwirkend die vollen Bezüge. Zudem wurde ihr ein Schwerbehindertenausweis mit einem Behinderungsgrad von 50 Prozent ausgestellt.

Klage abgewiesen

Mit ihrer Klage gegen die Berufsgenossenschaft auf Anerkennung einer Berufskrankheit scheiterte sie jedoch. „Die Genossenschaft schreibt in ihrem Urteil, dass ich den Emissionen nur in geringem Umfang ausgesetzt war.“ Cassian holte sich das Gewerbeaufsichtsamt ins Boot. Dieses bestätigte nach einer Begehung des Arbeitsplatzes, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber die Arbeitsstättenverordnung nicht eingehalten hatte. Weil der Copyshop zu der Zeit jedoch schon dabei war, in andere Räume umzuziehen, habe das Gutachten keine Konsequenzen gehabt.

Um andere auf die Gefahren des Tonerstaubs aufmerksam zu machen, engagiert sich Cassian nun so gut es geht für die Stiftung nano-Control und betreut andere Geschädigte. Denn noch immer ist sie schnell erschöpft und leidet an Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit.


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