Lathener Kinderstube für 500 Schafe Schauen, füttern, sortieren: Ablammzeit im Schafstall


Lathen/Dalum. Wenn Schäfer Norbert Rüschen in diesen Tagen seinen Stall betritt, dann weiß er nie, wie viele Tiere sich dort tummeln. Denn in seiner Moorschnuckenherde ist gerade Ablammzeit – bis zu 50 Lämmer kommen pro Tag zur Welt.

Rüschens „Schäferei Emstal“ steht in Lathen, ganz in der Nähe des früheren Transrapid-Bahnhofes. Der 58-Jährige hält seit 30 Jahren Schafe, aber erst seit einigen Jahren ist er mit seinen 500 Mutterschafen, 100 Jährlingen und rund 40 Holländischen Landziegen selbstständig. Ab dem Frühjahr und bis in den beginnenden Winter hinein weiden die Schafe im Natur- und Vogelschutzgebiet Dalum-Wietmarscher Moor. 380 Hektar halten die Tiere von Baumbewuchs frei und für Wiesenvögel attraktiv – „da braucht man schon so um die 1000 Tiere“, sagt Rüschen.

Stress im Stall

Und etwa die Hälfte davon kommt in diesen Tagen in seinem Stall zur Welt, und das bedeutet Stress. „Die Tiere halten sich nicht an normale Arbeitszeiten“, sagt Rüschen beim Reporterbesuch, „die Schafe lammen über den ganzen Tag verteilt, also auch in der Nacht.“ Praktisch immer geht dabei alles gut – Schafe sind vergleichsweise natürlich gebliebene Nutztiere, ihre Instinkte sind intakt und die Moorschnucken gute, fürsorgliche Mütter. „Aber manchmal will ein Lamm mit den Hinterbeinen zuerst auf die Welt. Dann bleibt es stecken und wir helfen nach.“

Mit „wir“ meint Norbert Rüschen sich und die Schäfermeisterin Martina, die noch bis April für ihn „saison arbeitet“ und stets die Stellung hält. Sie versorgt auch Flaschenlämmer, deren Mutter zu wenig Milch gibt oder bei der die Milch noch nicht ausreicht. Mit Kuhmilch werden dann ein paar Tage überbrückt.

Schauen, füttern, sortieren

Ansonsten heißt es für Norbert Rüschen: schauen, füttern, sortieren. Denn die Mütter, die noch nicht gelammt haben, stehen gemeinsam in einem Abteil in der Mitte des 60 mal 30 Meter großen Stalls. Bringen sie ein Lamm zur Welt, oder manchmal auch zwei, bringt Rüschen sie in eine Ablammbucht – ein kleines Abteil, in dem sie in Ruhe ihre Mutter-Kind-Beziehung aufbauen können. Durch das Ablecken des Lammes überträgt die Mutter einen individuellen Geruch, an dem sie den Nachwuchs später auch unter 1000 anderen Schafen wiedererkennt. Das Lamm wiederum merkt sich auch die Stimme der Mutter.

Foto: Tobias Böckermann

Rüschen füttert die Tiere mit Silage, 500 bis 600 Rundballen pro Winter benötigt er. Und einmal am Tag geht er mit einer Gießkanne durch die Stallgasse und träufelt eine dunkle Flüssigkeit ins silierte Gras. In diesem Augenblick wird aus dem ansonsten recht stillen Stall ein Tollhaus: Alle 500 Mutterschafe wollen etwas abbekommen vom braunen Leckerli – „flüssige Melasse“, erklärt Rüschen. Süß wie Zucker, energiereich und das Futterhighlight des Tages. Genüsslich mampfen die Schafe vor allem anderen jeden Grashalm herunter, auf den Melasse getropft war. Erst wenn alles verputzt ist, wird es wieder ruhiger.

Neuzugang Otto

Neben den Schafen und Ziegen hat Norbert Rüschen noch einige Hunde, unter anderem seinen Hütehund Sid, einen Border Collie, der ihm auf der Weide hilft. Und seit ein paar Wochen lebt auch noch Otto im Stall – ein Maremmano, seines Zeichens ein Herdenschutzhund. Solche Tiere benötigen immer mehr Schäfer, weil sie ihre Tiere gegen die sich ausbreitenden Wölfe schützen wollen. Aber dafür will ihn Rüschen gar nicht einsetzen: „Otto soll auf den Stall aufpassen“, sagt er. Und das kann der kleine, aber schon beeindruckende Rüde ganz gut. Fremde werden angebellt oder angeknurrt und erst wenn Rüschen ihm zu verstehen gibt, dass Reporter nicht vertrieben werden müssen, wedelt er mit dem Schwanz und legt sich auf seinen Lieblingsplatz – direkt in der Futtergasse bei den Schafen.

Mit seinen 500 Mutterschafen hält Rüschen einen der größten Bestände der Region und gehört zu einer seltener werdenden Berufsgruppe. Zwischen 2008 und 2017 hat die Zahl der Schafhalter in Niedersachsen von 14.000 auf 11.500 abgenommen, derzeit gibt es etwa 235.000 Schafe aller Altersklassen. Zum Vergleich: 1867 zählte man allein im Emsland und der Grafschaft Bentheim 218.157 Schafe.

60 fehlen noch

Der Rückgang der Zahl der Schäfer in jüngerer Zeit habe viele Ursachen, sagt Klaus Gerdes, Zuchtleiter beim Landesschafzuchtverband Weser-Ems in Oldenburg. Neue Krankheiten wie Blauzunge und Schmallenberg-Virus hätten vielen den Spaß an der Zucht verdorben, dazu aber auch steigende Bürokratie und fehlende Wirtschaftlichkeit, sagt er. „Zuletzt mag auch der Wolf eine Rolle gespielt haben.“

450 Lämmer sind in diesem Winter in der Schäferei Emstal schon zur Welt gekommen, 60 Schafe bekommen ihren Nachwuchs noch. „An einem Tag hatten wir 50 Ablammungen auf einmal“, sagt Rüschen. „Das bedeutet Stress pur, weil man die alle richtig einsortieren und dann unterbringen muss.“ Jetzt ist es wieder ruhiger geworden und bislang verlief die Saison erfolgreich, wie er sagt.


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