Ein Artikel der Redaktion

Email aus Uganda (10) Fürstenauer Florian Fromme besucht Ruanda

Von Florian Fromme | 29.06.2016, 18:19 Uhr

Für ein Jahr unterrichtet Florian Fromme aus Fürstenau im Rahmen des Freiwilligen Dienstes des Bistums Osnabrück im afrikanischen Land Uganda Grundschüler. Für das „Bersenbrücker Kreisblatt“ berichtet der 18-Jährige via E-Mail regelmäßig über seine Erlebnisse. Hier sein zehnter Reisebericht.

Während in Deutschland gerade die Sommerferien begonnen haben, hatten die Schüler (und natürlich auch die Lehrer) in Uganda hingegen gerade drei Wochen frei. Bevor ich im nächsten Artikel noch mal etwas intensiver über das ugandische Schulsystem und das Problem der Armut berichten möchte, erzähle ich heute, was ich in den Ferien gemacht habe. Denn im Gegensatz zu den meisten meiner Schüler musste ich nicht auf dem Feld arbeiten, sondern konnte mir den Luxus leisten, zusammen mit fünf anderen Freiwilligen ins benachbarte Ruanda zu reisen und das Land zu erkunden.

Nach einem anstrengenden Tag in einem der großen ugandischen Reisebusse haben wir uns am Anfang unserer Reise zuerst einmal an einem wunderschönen See vom Schulstress erholt. Der Lake Bunyonyi liegt beinahe direkt an der ruandischen Grenze und lädt geradezu zu einem Zwischenstopp ein.

Anschließend ging es mit einem Shuttle-Auto weiter nach Ruanda. Da wir ein Arbeitsvisum für Uganda haben und somit als Anwohner gelten, war der Grenzübergang für uns kein großes Problem: Stempel in Uganda abholen, das Niemandsland hinter uns lassen – und schon waren wir in Ruanda.

Das konnten wir nicht nur daran erkennen, dass wir eine Plastiktüten-Kontrolle über uns ergehen lassen mussten (Leichtplastik ist in Ruanda sinnvollerweise strikt verboten, während es in Uganda trotz Verbot überall die Gegend verschmutzt), sondern auch daran, dass wir von nun an auf einer tadellosen Straße weiterfuhren (in Ruanda oft mithilfe internationaler Unterstützung gebaut) und es plötzlich wieder an jeder Ecke Mülleimer gab.

Viele Schilder waren plötzlich Französisch beschriftet, denn Französisch ist neben der lokalen Sprache Kinyarwanda und Englisch aufgrund der Kolonial-Herrschaft der Franzosen immer noch Amtssprache. Überall sah man Motorrad-Fahrer mit Helmen, in Uganda eine Seltenheit!

Nach einigen Stunden Fahrt durch Ruandas hügeligen Norden, dessen Berghänge hauptsächlich von Teeplantagen bedeckt sind, konnten wir in der Ferne die ruandische Hauptstadt Kigali erkennen. Ganz offensichtlich nicht umsonst wird sie auch Stadt der tausend Hügel genannt.

In Kigali, das uns nach unseren Erfahrungen in Uganda wie der kleine streberhafte Bruder „unserer“ Hauptstadt vorkam, wurden wir angenehmerweise von einem bekannten Freiwilligen abgeholt, mit dem wir die nächsten zwei Tage in seinem Dorf im Nordosten Ruandas verbrachten. Nach dem Besuch seiner Einsatzstelle (es ist immer wieder interessant zu sehen, was andere Freiwillige für Aufgaben, aber auch für Lebensbedingungen haben) , ging es wieder zurück nach Kigali, denn dort gab es noch viel zu sehen.

Nachdem wir zuerst einmal mit Kigalis Innenstadt vertraut gemacht haben, die ziemlich europäisch, inklusive Hochhäuser und Fußgängerzone, aufgebaut ist, haben wir uns unter anderem das Genozid-Museum angesehen.

Wenn man über Ruanda redet, ist der Genozid an der Tutsi-Minderheit durch den Volksstamm der Hutu, dem bis zu eine Millionen Menschen zu Opfer fielen, meist das Erste, was einem in den Sinn kommt. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Katastrophe, die sich 1994 ereignete.

Seit die belgischen Kolonialherren die ruandische Gesellschaft anhand von finanziell-rassistischen Kriterien in verschiedene Gruppen eingeteilt hatten (Tutsi: ab mehr als 10 Rinder; darunter: Hutu und Minderheiten) und fortan beschlossen, dass die sesshafte, reichere (und damit „überlegenere“) Gruppe einer anderen Ethnie zugehörig sei, die sie bevorzugte und ausnutzte, um ihre Kolonialherrschaft zu sichern, herrschte in Ruanda eine neid- und hasserfüllte Stimmung im Land.

Nachdem der Konflikt jahrelang vor sich hinschwelte, sollte eigentlich gerade ein Friedensvertrag ausgehandelt werden, als die Situation eskalierte, weil der ruandische Präsident, ein Hutu, ermordet wurde. Damit begann das Massaker an den verantwortlich gemachten Tutsis, das erst durch eine Rebellenarmee der im Exil lebender Tutsis (zum Beispiel auch aus meinem Dorf Kahunge in Uganda, das aus einem Flüchtlingslager hervorgegangen ist) gestoppt werden konnte.

Die Ausstellung hebt unter anderem auch das Versagen der internationalen Gemeinschaft hervor (UN-Soldaten haben damals nur Ausländer evakuiert, anstatt in den Genozid einzugreifen), zeigt aber auch auf, wie man einen Weg zur Versöhnung gefunden hat.

Dass das Thema Völkermord in Ruanda aber immer noch sehr aktuell ist, obwohl zumindest die meisten von uns Freiwilligen noch gar nicht geboren waren, kann man zum Beispiel an aktuellen Fahndungsplakaten erkennen. Ziemlich schockierend war es für uns herauszufinden, dass auch in der Kirche direkt neben unserer Unterkunft in Kigali viele Menschen durch Beihilfe eines Priesters ermordet wurden.

Wenn man nach dieser bedrückenden Erfahrung, die einem radikal vor Augen führt, wohin Rassismus und Hass gegen Minderheiten führen kann (auch Deutschland war übrigens als Kolonialmacht in Ruanda daran beteiligt, dass die ethnischen Differenzen zwischen Hutu und Tutsi überhaupt entstehen konnten), deutsche Nachrichten liest, fragt man sich , wie wenig der Mensch dazugelernt hat. Natürlich sind Genozid und Fremdenhass zwei verschiedene Paar Schuhe. Trotzdem ist es unfassbar, dass auch in Deutschland, wo sogar noch ein grausamerer Genozid stattgefunden hat, rassistische Hetze immer wieder laut wird und es genug Leute gibt, die dazu kräftig Beifall klatschen.