Ein Artikel der Redaktion

Herkunft bis heute unklar Das Geheimnis des Emsland-Schatzes - Bauer fand Mitte des 19.Jahrhunderts Gold und Silber

Von Stefan Prinz | 01.08.2011, 18:44 Uhr

Eins der größten Geheimnisse des Emslandes wird wohl nie gelöst werden. Ein Bauer entdeckte im Jahr 1847 in der heutigen Gemarkung Lohne bei Freren (Landkreis Emsland) einen Schatz aus der Römerzeit. Obwohl ein Pastor zumindest einen Teil der Kostbarkeiten retten konnte, rätseln Wissenschaftler seit 164 Jahren über die Herkunft.

„Hier muss es etwa gewesen sein“, sagt Hermann-Josef Hanneken und deutet auf eine kleine Lichtung in einem Wald bei Freren. Irgendwo ganz in der Nähe der vier mächtigen Buchen inmitten des Kiefernwaldes wurde Mitte des 19. Jahrhunderts der wohl spektakulärste Schatzfund des Emslandes gemacht: Mehr als 1000 Silber- und Goldmünzen, dazu wertvoller Schmuck und römische Orden. Nach Ansicht von Archäologen ist das sogar der bedeutendste Fund aus der Antike in Nordwestdeutschland.

Seine Entdeckung löste damals eine regelrechte Goldgräberstimmung aus, weiß Hanneken aus Überlieferungen. Die Menschen in der Region waren im Schatzfieber. „Hier wurde damals jeder Stein umgedreht – aber nichts mehr gefunden.“

Wenige Tage zuvor, im Frühjahr 1847, wollte ein Bauer namens Jürling einen großen Stein bei der Bauerschaft Sudderwehe zerkleinern, um mit dem Schotter eine Straße auszubessern. Unter diesem Findling entdeckte er mindestens 1147 römische Silberdenare aus der Zeit um etwa 100 nach Christus.

Jürling wälzte daraufhin auch zwei weitere Steine um, die ganz in der Nähe auf einer kleinen Anhöhe lagen; unter dem zweiten lagen „vorzüglich erhaltene Goldmünzen und Goldschmuck, von dem noch eine Zwiebelknopffibel, zwei Armringe, vier Fingerringe und vier Anhänger erhalten sind“, so Dr. Hans-Wilhelm Heine vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Die Funde unter dem dritten Stein, eine zerbrochene Silberschale und Münzen, sind bis auf eine einzige Münze verloren.

Der Finder wollte damals offensichtlich die Spuren zu seinem Schatz beseitigen und brachte das wertvollste Stück seines Fundes, einen goldenen Halsschmuck, zu einem Juwelier nach Fürstenau. Dort wurde das antike Geschmeide kurzerhand eingeschmolzen.

Ein Pastor aus Freren hörte damals von diesen Vorgängen und versuchte, die restlichen Schmuckstücke vor der Vernichtung zu retten. Seinen Bemühungen war es zu verdanken, dass zumindest ein Teil des Schatzes erhalten blieb. Im Jahr 1860 kaufte König Georg V. von Hannover einige Stücke für 120 Louis d’Or (französische Goldmünze mit einem Gewicht von jeweils 6,7 Gramm).

Heute lagern diese Teile im Landesmuseum von Hannover. Die Herkunft des Goldes ist bis heute ein Rätsel. „Diese Frage wird auch nie geklärt werden können“, glaubt Kreisarchäologin Dr. Andrea Kaltofen. Zumal im Laufe der Jahre sogar das Wissen um den genauen Fundort verloren gegangen ist. Die Steine, die einst die Kostbarkeiten bedeckten, sind längst weggeschafft worden. Und weil die Region damals wegen des riesigen Holzbedarfs, unter anderem für den Schiffsbau, nahezu baumlos war, gibt es auch keinen markanten Baum, der als Orientierung dienen könnte.

Hans-Wilhelm Heine vermutet, dass der Schatz einem Germanen, möglicherweise einem Franken, gehörte, der in römischen Diensten stand. Ob er sein Vermögen verstecken wollte, sei reine Spekulation. Denkbar sei auch, dass die Kostbarkeiten den Göttern geopfert wurden. In früheren archäologischen Studien finden sich Vermutungen darüber, dass der Fundort einst ein heiliger Platz der Germanen gewesen sein könnte. „Auffällig ist vor allem die goldene Zwiebelknopffibel, die herausragenden Persönlichkeiten als Zeichen ihres Amtes häufig vom Kaiser selbst überreicht worden ist“, so Heine. Auf dieser Zwiebelknopffibel existiert auch der einzige schriftliche Hinweis. Dort heißt es übersetzt: „Von Romanus gemacht in Reims“ – ein Verweis auf den Hersteller und die Herkunft. Auch wenn viele Fragen wohl nie geklärt würden, sei der Schatz eines von vielen Zeugnissen für die reichen Kontakte zwischen Germanen und Römern in der Endzeit des Römischen Imperiums, meint Heine.