Walz bis nach Kanada Wandergeselle aus Andervenne kehrt nach vier Jahren zurück

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Andervenne. Nach vier Jahren und einem Tag ist der 26-jährige Wandergeselle Arne Peters in sein Heimatdorf Andervenne zurückgekehrt. Am Ende seiner Wanderschaft durch Deutschland, Europa und Kanada kletterte er, wie es die Tradition vorsieht, über das Ortsschild und konnte unter dem Beifall der Bewohner seine Eltern wieder in die Arme schließen.

Sein Schlüsselerlebnis hatte er bereits als Achtklässler. Aus dem Fenster der Franziskus-Demann-Schule in Freren blickend sah er im Sommer einen eigenartig gekleideten jungen Mann – ohne zu ahnen, dass er einige Jahre später in der gleichen Wanderkluft unterwegs sein würde. Sein Vater habe ihm die Tradition und Regeln des Wanderlebens erklärt, „und seitdem ließen mich die Gedanken nicht mehr los“. Nach dem Schulpraktikum und der dreijährigen Ausbildung in der Zimmerei Gerhard Mertens in Fürstenau stand für ihn fest: „Ich will andere Städte sehen und in anderen Unternehmen arbeiten.“

Abschied am 12. März 2012

Nach Ausbildung, Gesellenprüfung und Festanstellung hieß es 2012: „Ich werde Wandergeselle, jetzt oder nie. Der abwechslungsreiche Beruf machte mir viel Freude. Und es war die richtige Entscheidung“, sagt Peters rückblickend. Gemischte Gefühle bei seinen Freunden. Seine Eltern unterstützten ihn, waren stolz und fanden es gut, „dass ich etwas von der Welt sehen möchte“.

12. März 2012, der Abschiedstag ist gekommen. Der 22-Jährige geht los, betritt „komplettes Neuland“, weiß tagsüber nicht, wo er abends schlafen wird. Allein ist er in den ersten drei Wochen dabei aber nicht. Sven, sein „Exportwandergeselle“, ist während der Probezeit an seiner Seite, hat ihn mit sieben Wandergesellen von zuhause abgeholt und „losgebracht“. In ihrer Wandergesellenkluft erwecken sie Aufsehen, werden angesprochen, per Autostopp mitgenommen und erreichen ihre erste Station: Emden.

Rot als Erkennungszeichen

In ihrer schwarzen Kluft mit Perlmuttknöpfen sind sie nicht zu übersehen. Die rote Farbe dient den Zimmerern als Erkennungszeichen. Die funktionsgeschneiderte Jacke und Hose mit Schlag zieren rote Streifen, so genannte Biesen, und die Weste schmückt ein rotkariertes Innenfutter. Ein Zylinder ist bei jedem Wetter die Kopfbedeckung. Der Stenz, ein naturgedrechselter Wanderstab, wird unterstützender Begleiter, und im Charlottenburger, ein bedrucktes Tuch, ist das notwendige Hab und Gut verschnürt. Seinen Ohrring trägt Arne auch nach vier Jahren. Hätte er ihn nicht mehr, hätte er sich etwas zu Schulden kommen lassen und wäre ein „Schlitzohr“. Zur schwarzen Kluft trägt der Zimmerer ein weißes Hemd, dazu die „rote Ehrbarkeit“, eine rote Krawatte, die oben eingehängt wird. Kenner sehen sofort: Der Wandergeselle gehört zur Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“. Mit der Zeit merkt er nicht mehr, dass die Menschen ihn an- oder nachschauen.

Öffentliche Verkehrsmittel und Handy verpönt

Arne Peters hält während seiner Wander- und Reisezeit an überlieferten Regeln fest. Zu Fuß oder per Anhalter kommt er zum gewünschten Ort – oder auch nicht. Mal dauere es drei Minuten, dann wiederum Stunden. „Verpönt sind öffentliche Verkehrsmittel und Handy“, und das sei auch kein Problem. Viele wissbegierige und hilfsbereite Menschen habe er kennengelernt, sodass die Schlafsack-Übernachtungen im Freien eher die Ausnahme waren. Die Probezeit lief bestens. Sein Wandergesellenbuch weist für die erste Zeit viele norddeutsche Städte auf, zudem Leipzig, Dresden und Amsterdam. Dort trifft er sich zum Frühlingserwachen mit über 50 Schacht-Wandergesellen; bis 2015 jeweils in einer anderen europäischen Metropole.

Kirchendachstuhl restauriert

„Einige reisen, um zu arbeiten, einige arbeiten, um zu reisen. Ich habe eine gute Mischung gefunden“, sagt Peters. Kreuz und quer habe er Deutschland erwandert und erfahren. Zufällig habe ihn ein Zimmermeister mitgenommen, bei dem er mit zwei Wandergesellen arbeiten konnte. „Einen Kirchendachstuhl haben wir komplett restauriert und mussten in großer Höhe auf uns und die darunterliegenden Freskenmalereien besonders aufpassen.“ Ob Innenausbau oder Fachwerk, Häuser, Bauernhöfe oder große Hallen wie ein 30 mal 40 Meter großer Kuhstall in Bremerhaven.

Vier Monate durch Kanada

„Bei allen Bauten und Firmen konnte ich etwas dazulernen und mein Wissen einbringen.“ Mit fast allen, vor allem mit den Meistern, habe er sich gut verstanden – wie die Stempel und lobend-anerkennenden Worte aus allen Bundesländern und fremden Ländern es im Wanderbuch beweisen. Die Schweiz, Österreich, Italien, Griechenland, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Polen, Schweden, Finnland, Norwegen bis zum Nordkap zählen dazu, „wo ich überall nette Leute kennenlernte, auch wenn ich die Sprachen nicht immer verstand“. Viel eigenständiger und selbstsicherer sei er mit der Zeit geworden, und so stand einem fast viermonatigen Trip durch Kanada nichts im Wege. Mit Wandergeselle Benjamin habe er das große, wunderschöne Land per Anhalter bereist – mal schneller vorankommend, mal knapp acht Stunden immer wieder den Daumen hochhaltend, bis ein Riesentruck sie mitnahm und von der Mückenplage erlöste. Zum Hochseeangeln wurden sie eingeladen und plötzlich von Schwertwalen begleitet.

Sorge nach Arbeitsunfall

Drei Jahre und einen Tag musste Arne auf Wanderschaft sein, durfte sich Andervenne bis auf 50 Kilometer nicht nähern. Er schrieb Briefe, rief die Eltern hin und wieder an. Doch einmal waren sie sehr in Sorge um ihren Sohn, der nach einem Arbeitsunfall im Krankenhaus lag und anschließend in die Reha musste. Doch alles wurde wieder gut.

Der Meisterbrief soll folgen

Genau ein Jahr hängt der Wandergeselle an die vorgeschriebene Zeit dran, dann kommt der Tag der Rückkehr. Von Osnabrück kommend über Freren begleiten ihn fünf Wandergesellen zu Fuß bis nach Andervenne, wo er übers Dorfschildschild klettert. „Und erst einmal realisieren muss, dass ich wieder zuhause bin“. Jetzt möchte er die Meisterschule absolvieren und wer weiß, ob nicht eines Tages Wandergesellen auch in Andervenne ihren Meister finden werden.

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