Buch ist erschienen Bundesweit erste Professorin kam aus Messingen im Emsland

Von Johannes Franke

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Messingen. Um über Mathilde Vaerting, die 1923 als erste Frau in Deutschland eine Professur im Bereich der Geisteswissenschaften erhalten hat, mehr zu erfahren, waren zahlreiche Besucher nach Messingen gekommen. Der Heimatverein hatte zu einem Themennachmittag in den Garten der Familie Rohe, die das Vaerting’sche Geburtshaus heute bewohnt, eingeladen.

Über den privaten Lebensweg und ihre vielfältigen wissenschaftlichen Arbeiten informierte Hans-Gerd Jöhring als Mitautor des Buches „Mathilde Vaerting und ihre Familie“. Georg Barkmann, Vorsitzender des Heimatvereins , begrüßte die zahlreichen Gäste aus der Politik, Vereinen sowie Verwandte der Familie Vaerting aus Holland und dem Emsland.

Und Messingens Bürgermeister August Roosmann freute sich über die Anwesenheit der Ehrenlandräte Josef Meiners und Hermann Bröring als Vorsitzender des emsländischen Heimatbundes – dieser dankte Georg und Ursula Kottebernds, „die zusätzlichen Schwung in den Heimatverein und in die Koordination dieser Veranstaltung“ gebracht hätten.

Das Kompliment von Hermann Bröring an den Heimatverein Messingen war verbunden mit der Frage, worin die Zukunft der Heimatvereine liege: „Dieses vorzeigbare Projekt braucht Nachahmung. Man muss sich intensiver mit bedeutenden Personen unserer Heimatgeschichte auseinandersetzen. Im Emsland-Jahrbuch werden wir Mathilde Vaerting einen Beitrag widmen.“

Ursula Kottebernds freute sich sehr darüber „dass meine Eltern Franz und Maria Kottebernds sowie mein Schwager Hans-Gerd Jöhring dieses Buch geschrieben haben“. Als Mitautor dankte Jöhring zudem der Familie Rohe, „dass wir mit Zollstock und Fotoapparat das ganze Haus vermessen und dokumentieren duften“.

Das Geburtshaus von Mathilde Vaerting , 1832 errichtet, steht in Messingen an der Frerener Straße 11. Den „ungewöhnlichen Lebensweg“ skizzierte Jöhring. Geboren am 10. Januar 1884 in Messingen, war sie das fünfte von zehn Kindern der Eheleute Johann Heinrich Vaerting und Anna Mathilde, geborene Siering, aus Hopsten. „Sie besuchte die Volksschule, erhielt im elterlichen Haus Privatunterricht und war drei Jahre auf einer höheren Mädchenschule in Köln.“

1903 legte sie in Münster ihr Examen ab und erhielt in Düsseldorf eine Anstellung als Lehrerin. Nach der allgemeinen Reifeprüfung 1907 in Wetzlar studierte sie in Bonn, München, Marburg und Gießen bis 1911 Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie und promovierte zum Doktor der Philosophie. „Eine beachtliche Leistung, denn in Preußen erhielten Frauen erst 1908 Zugang zum akademischen Studium“, erklärte Jöhring.

Ab 1912 unterrichtete sie in Berlin als Oberlehrerin an einem Oberlyzeum. Zudem widmete sie sich weiter der Wissenschaft und veröffentlichte ihre Forschungsergebnisse. „Jeden Tag klapperte von früh bis spät die Schreibmaschine.“ Manchmal schrieb sie unter einem männlichen Pseudonym, denn „ihre Themen waren aus der Zeit gefallen“. 1923 beruft sie das Thüringische Volksbildungsministerium auf einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften an der Universität Jena.

Die 39-jährige, nicht habilitierte Wissenschaftlerin, zählt mit Margarete von Wrangel zu den ersten beiden Frauen, die in Deutschland einen Lehrstuhl erhielten. Frauen war es ausdrücklich verboten, sich zu habilitieren. „Die Zeit in Jena stand aber unter einem schlechten Stern. Die Uni wollte sie nicht, sie ist nicht umzugsbereit, beschränkt ihre Vorlesungen auf das Nötigste oder lässt sie ausfallen.“

Innerlich kämpft sie gegen viele Widerstände, setzt sich mit den Machtverhältnissen zwischen Mann und Frau auseinander. Sie zählt laut der Jenaer Universitätsgeschichte zu den „als Sozialisten bekannten Professoren“, derer man sich mithilfe des gleich zu Beginn der NS-Zeit erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entledigte und sie 1933 entlässt.

Nach dem Krieg schafft sie sich mit dem Wiedergutmachungsgeld im Schwarzwald ein neues Zuhause. In Schöneberg lebt sie mit einer Schwester und ihrem Lebensgefährten Edwin Elmerich. „Und das Klappern der Schreibmaschine geht weiter.“ Von 1954 bis 1971 gibt sie die „Zeitschrift für Staatssoziologie“ heraus. Die 72-Jährige verfasst gesellschaftspolitische Aufsätze, gibt Radiointerviews, arbeitet unermüdlich. 1977 stirbt sie und wird in einem Urnengrab auf dem Neuen Friedhof in Lingen beigesetzt. „Bis heute namenlos.“

Ursula Feldmann von der Emsbürener Geschichtswerkstatt schilderte anschließend das Leben und Wirken der Lehrerinnen Ida Schartmann aus Beesten und Anni Bolte aus Listrup: „Ihre tiefreligiösen, katholischen Wurzeln gaben ihnen Kraft, Mut und Rückgrat, sich dem Druck während der NS-Zeit zu widersetzen.“

Mechthild Kümling, Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Freren, skizzierte abschließend die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen für Frauen.

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