In Freren, Lengerich und Lingen Erinnerung an die Novemberpogrome vor 80 Jahren

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Mehr als 100 Bürger, darunter viele Schüler der Franziskus-Demann-Oberschule, gedachten am Gedenkstein in der Grulandstraße in Freren am 80. Jahrestag des Beginns der Novemberpogrome der jüdischen Opfer des NS-Regimes. Foto: Carsten van BevernMehr als 100 Bürger, darunter viele Schüler der Franziskus-Demann-Oberschule, gedachten am Gedenkstein in der Grulandstraße in Freren am 80. Jahrestag des Beginns der Novemberpogrome der jüdischen Opfer des NS-Regimes. Foto: Carsten van Bevern

Freren/Lengerich/Lingen. Mit Reden, Liedern und Gebeten haben am Freitag rund 250 Bürger in Freren, Lengerich und Lingen an die vor 80 Jahren am 9. November 1938 beginnenden Reichspogrome erinnert und der jüdischen Opfer des NS-Terrors gedacht. Vor allem in Freren nahmen daran auch viele Schüler teil.

Gut 100 Menschen, darunter viele Oberschüler, versammelten sich am Vormittag allein in Freren am Gedenkstein in der Grulandstraße. "Früher sind in dieser Straße auch viele schöne Dinge passiert", erinnerte Lothar Kuhrts an das lebendige jüdische Leben im südlichen Emsland vor der Machtübernahme Adolf Hitlers Anfang 1933. 

Samuel Manne starb mit drei Jahren

"Hier lebende jüdische Familien haben in der Grulandstraße zum Lichterfest Chanukka ihre achtarmigen Leuchter auf die Fensterbänke gestellt und das jüdische Purimfest haben sie mit Rasseln gefeiert. Von hier aus sind 1941 aber auch die letzten sechs jüdischen Frerener Bürger verschleppt worden." Darunter war auch der zu diesem Zeitpunkt zweijährige Samuel Manne, der keine vier Jahre alt war, als er 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde.

Im Lengericher Bürgerpark gedachten am späten Nachmittag knapp 70 Bürger der Schicksale der im Ort lebenden jüdischen Mitbürger. Foto: Carsten van Bevern


Schüler der 10a der Franziskus-Demann-Oberschule erinnerten mit kurzen Texten an Samuel und die weiteren Opfer des NS-Terrors. Heute lebt in Freren kein Bürger jüdischen Glaubens mehr. "Es gab Überlebende, die sind nach Ende des Krieges aber nicht mehr nach Freren zurückgekehrt", wie Kuhrts erklärte. An die Novemberpogrome mit den allein 1400 zerstörten Synagogen und Betstuben sowie Tausenden ebenfalls zerstörten Friedhöfen, Geschäften und Wohnungen jüdischer Bürger im ganzen Deutschen Reich erinnerte Gerd Otten.

"Beginn der Entrechtung"

"Diese Pogrome waren der Beginn der Entrechtung der deutschen Juden. Aber was bedeutete das ganz konkret? Es bedeutete, dass am 5. November 1938 die Reisepässe der Juden ungültig wurden. Ab dem 15. November durften sie keine deutschen Schulen mehr besuchen und ab dem 3. Dezember waren die Führerscheine und Kfz-Zulassungen nicht mehr gültig", erklärte der Mitbegründer des Elternvereins Restrisiko Emsland.

Auf die Entrechtung folgte der Holocaust mit rund sechs Millionen getöteten Juden. "Warum? Darauf habe ich bis heute keine befriedigende Antwort gefunden", erklärte Otten und ergänzte: "Aber eines weiß ich, wir müssen heute alles dafür tun, dass keine Bevölkerungsgruppe ausgegrenzt wird und auch anders denkende Menschen geachtet werden."

Bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 8. November 2018 in Lingen legten Heribert Lange (links), Vorsitzender des Forums Juden Christen im Altkreis Lingen und Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone am Gedenkort Jüdische Schule einen Kranz nieder. Foto: Carsten van Bevern


Auf aktuelle Ereignisse gingen neben dem Lengericher Samtgemeindebürgermeister Matthias Lühn und Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone auch der Vorsitzende vom Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen, Heribert Lange, in fast gleichlautenden Reden auf den Gedenkveranstaltungen am späten Nachmittag im Bürgerpark in Lengerich und am frühen Abend bei der Jüdischen Schule in Lingen ein: "Wir erinnern uns um der Zukunft willen." 

"Der Freiheit verpflichtet"

Dabei ging er unter anderem auf aktuelle Äußerungen des AfD-Politikers Gauland, die Vorkomnisse in Chemnitz, Äußerungen im Rahmen der Diskussionen um das in Lingen geplante Rosemeyer-Museum als auch die Diskussionen im Rat über – den letztlich abgelehnten – Beitritt der Stadt zur Initiative "Seebrücke" ein. "Eine Gesellschaft, die nicht der Humanität, nicht der Menschenwürde, nicht der Offenheit, nicht der Freiheit, nicht der Toleranz verpflichtet ist, wird nie eine miteinander befriedete Gesellschaft sein können", lautete ein Fazit Langes.

"80 Jahre sind diese Ereignisse nun her und doch haben sie eine bedrückende Aktualität. Das heute wieder mit Worten und Taten – auch auf offener Straße – gegen andere und auch jüdische Menschen vorgegangen wird ist ein Armutszeugnis für unser Land", erklärte Lingens OB Krone: "Wir alle zeigen hier, dass wir zu unserer Vergangenheit stehen und Verantwortung übernehmen." Es dürfe keine Relativierung des Geschehenen geben.

Neue Ausstellung in Jüdischer Schule

Vor der Gedenkveranstaltung hatte in der Reformierten Kirche bereits ein von Fachschülerinnen der Fachschule St. Franziskus mitgestalteter Gottesdienst stattgefunden. Auch wurde dem in dieser Woche verstorbenen ehemaligen Lingener Oberbürgermeister Bernhard Neuhaus gedacht, der sich laut Lange stets der Erinnerungskultur des Forums verbunden gefühlt habe: "Ohne ihn würden wir heute hier nicht stehen." Anschließend wurde die überarbeitete und neu gestaltete Dauerausstellung zur Geschichte der in Lingen wohnenden Juden im Gedenkort Jüdische Schule eröffnet.



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