In Lingen und jetzt auch in Freren Ein Schlüssel für 12.000 barrierefreie Toiletten


Freren. Die von außen zugängliche barrierefreie Toilette im Frerener Rathaus kann ab sofort von Menschen mit einer Behinderung zu jeder Tages- und Nachtzeit genutzt werden. Dafür müssen Nutzer allerdings einen „Euro-WC-Schlüssel“ besitzen. Europaweit können damit mehr als 12.000 Behindertentoiletten genutzt werden.

Der Frerener Carsten Bäumer ist aufgrund einer Tumorerkrankung seit 1994 auf Gehhilfen und bei längeren Strecken auf einen Rollstuhl angewiesen und besitzt einen solchen „Euro-WC-Schlüssel“ seit vielen Jahren. Bei Fahrten, im Urlaub oder auch bei einem Besuch eines Fußballspiels oder einer Veranstaltungsarena hat er den Schlüssel immer dabei. „Das war schon viele Male sehr hilfreich. Gehbehinderte wie ich oder an anderen Krankheiten leidende Personen haben so in vielen Städten oder zum Beispiel auch bei einem Konzertbesuch in der Barclaycard-Arena in Hamburg oder ,Auf Schalke´ schnell Zugang zu einer behindertengerechten und zumeist sauberen WC-Anlage“, berichtet Bäumer in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Immer ein sauberes WC

Bäumer kann den Schlüssel gut gebrauchen, da er trotz seiner Mobilitätseinschränkungen sehr aktiv ist. Er spielt bei den Freren Falcons Rollstuhlbasketball und in der Frerener Samtgemeindeverwaltung ist er unter anderem für den IT-Bereich zuständig. In dieser Funktion hat er auch die Einrichtung einer solchen „Euro-WC-Anlage“ in Freren angeregt. Von außen zugänglich gibt es im Frerener Rathaus seit Langem neben einem Damen- und einem Herren- auch ein Behinderten-WC. „Nur wurde es oft auch von anderen Personen benutzt. Darunter litt trotz täglicher Reinigung natürlich die Sauberkeit“, erklärt Bäumer.

Jetzt ist das Behinderten-WC mit einer Euro-WC-Schlüsselanlage ausgerüstet worden und kann von Betroffenen an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr benutzt werden. Behinderte, die noch keinen Schlüssel besitzen, können sich zumindest zu den Öffnungszeiten im Rathaus aber auch einen Schlüssel holen.

Elf barrierefreie WCs in Lingen

Diese barrierefreien Sanitärräume sind laut dem Club Behinderter und ihrer Freunde in Darmstadt (CBF) gerade für Rollstuhlnutzer unentbehrlich – 1986 entstand in diesem Verein die Idee zur Einrichtung der Euro-WC-Anlagen. Zum Schutz vor Vandalismus oder Missbrauch sind die Anlagen mit einem sogenannten Euro-WC-Schloss gesichert. Durch dieses einheitliche Schließsystem können die Besitzer eines Euro-WC-Schlüssels alle Anlagen in Europa nutzen. Darunter sind auch einige der elf barrierefreien Toiletten, die es in der Stadt Lingen gibt. Die Informationen dazu auf der Homepage der Stadt sind gerade auf den aktuellen Stand gebracht worden. Auch die Neuauflage des Infoflyers „Barrierefreies Lingen“ ist laut einer Sprecherin der Stadt gerade in Planung.

Schlüssel nur für Berechtigte

Der CBF und der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter, bei denen der Schlüssel bestellt werden kann, ist darauf bedacht, dass der Schlüssel auch nur an Menschen ausgehändigt wird, die auf eine barrierefreie Toilette angewiesen sind. Das sind nicht nur Rollstuhlfahrer oder blinde Menschen. Ebenfalls sind Personen mit folgenden Erkrankungen berechtigt, den Schlüssel zu erwerben: Multiple Sklerose, Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa, chronische Blasen- oder Darmerkrankung sowie Stomaträger. Voraussetzung ist, dass im Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen: „aG“, „B“, „H“, oder „BL“ unabhängig vom Grad der Behinderung (GdB) oder „G“ und Grad der Behinderung (GdB) mindestens 70 Prozent enthalten ist. Falls kein entsprechender Grad der Behinderung vorliegt, muss eine ärztliche Bescheinigung vorgelegt werden.

Der Schlüssel ist für rund 25 Euro unter www.cbf-da.de.de oder per Post beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter in 74238 Krautheim erhältlich. Nähere Infos und Bestellung beim CBF montags bis freitags von 9 bis 12 und 13 bis 16.30 Uhr unter Tel. 06151/8122-0 oder per E-Mail info@cbf-darmstadt.de.


Der Euroschlüssel ist ein 1986 vom Club Behinderter und ihrer Freunde in Darmstadt und Umgebung (CBF) eingeführtes Schließsystem, das es körperlich beeinträchtigten Menschen selbstständig und kostenlos ermöglicht, mit einem Einheitsschlüssel Zugang zu europaweit inzwischen 12.000 behindertengerechten sanitären Anlagen zu erhalten. Die „Last mit dem Örtchen“ beschäftigte die Behindertenselbsthilfe seit Beginn ihrer Arbeit. 1985 gab es zwar ein vergleichsweise dichtes Netz an öffentlichen Behindertentoiletten, diese waren aber oft in einem desolaten Zustand. Hannelore Hofmann vom CBF ärgerte sich darüber und entwickelte mit weiteren Betroffenen die Idee für ein einheitliches Schließsystem. Unterstützung kam von der Gesellschaft für Nebenbetriebe (heute Tank und Rast AG): Innerhalb von drei Monaten wurden seinerzeit die Toiletten in den Autobahnrastanlagen umgerüstet.

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