21-Jähriger ist Autist In seinen Bildwelten kommt Messinger Jonas Reinken zur Ruhe

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Freren. Der 21-jährige Jonas Reinken aus Messingen hat seit einigen Tagen seine erste eigene Kunstausstellung. Mehr als 40 Bilder von ihm hängen im Frerener Rathaus. Reinken ist kein gewöhnlicher Künstler. Er ist Autist. Das Malen hilft ihm, seinen Alltag zu bewältigen.

„Karen“. Laut ruft Jonas schon beim Gang durch das Treppenhaus der Kunstschule Spuk (Spiel und Kunst) in Freren. Es ist Donnerstag und damit der Tag, an dem der junge Mann hier unter Anleitung von Karen Prekel malen darf. Die Dozentin wartet schon auf ihn und Jonas ist die Freude auf die bevorstehenden zwei Stunden anzusehen. Ausnahmsweise ist an diesem Tag auch seine Mutter Elisabeth dabei, weil ja „die Frau von der Zeitung da ist“.

Gold als bevorzugte Farbe

Während Jonas die ersten Pinselstriche in seiner zurzeit bevorzugten Farbe Gold auf das große weiße Blatt aufträgt, erzählt seine Mutter von der Entwicklung ihres Sohnes, der noch einen Zwillingsbruder und einen 17-jährigen Bruder hat. Es war schon sehr früh klar, dass bei Jonas etwas anders ist, sodass er bereits seine Kindergartenzeit in der Einrichtung des Christophorus-Werkes in Lingen verbrachte. Die endgültige Diagnose kam dann erst im Grundschulalter. „Zu der Zeit bis zu seinem Schulabschluss war Jonas immer sehr angespannt und ständig unter Strom,“ erinnert sich seine Mutter. Schließlich wechselte er auch noch die Schule und beendete sie in Meppen an der Jakob-Muth-Schule, die dem Vitus-Werk angeschlossen ist.

Beim Malen entspannen

Mit 19 Jahren hat Jonas begonnen, im Autismus-Zentrum (ATZ) in Meppen zu arbeiten. Rund 30 Stunden in der Woche verbringt er hier, wo er nach seinen Fähigkeiten eingesetzt wird. Unter anderem ist er mit Klebearbeiten für Karten beschäftigt oder fertigt Dekosachen aus Gips und aus Holz. „In diesem kleinen Rahmen fühlt er sich wohl und seine Anspannung lässt nach,“ sagt Elisabeth Reinken. Genauso sei es beim Malen: „Dabei kann er total in sich versinken und entspannen.“

Freude am Umgang mit Farbe

Elisabeth Reinken hatte Karen Prekel vor ungefähr zwei Jahren in der Kunstschule beim offenen Atelier, an dem sie regelmäßig teilnimmt, angesprochen und gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, mit ihrem Sohn gemeinsam in den Spukräumen zu arbeiten. Jonas Reinken hatte schon einmal mit einem Künstler – Thomas Siegmann – gearbeitet und sehr viel Freude am Umgang mit Farbe gezeigt. Karen Prekel, die während ihres Studiums auch das Fach Kunsttherapie belegt hatte, ließ sich gern auf „dieses Abenteuer“ ein und hat es bis heute nicht bereut.

Vorliebe für großformatige Bilder

Wie sie berichtete, stellte sich sehr schnell heraus, dass Jonas Reinken eine Vorliebe für großformatigen Bilder und viel Farbe hat. Ein Eingreifen von ihr in den Schaffensprozess ist nach ihren Erfahrungen nicht förderlich. So bereitet sie stets nur den Arbeitsplatz vor. Arbeitsmaterialien wie Pinsel, Spachtel, Rollen oder Schwämme sucht Jonas Reinken sich selbst ganz gezielt aus, ebenso die Farben. Meist werden auch mehrere verschiedene Utensilien für ein Bild verwendet. Ob und wann das Werk beendet ist, liegt ebenfalls allein im Ermessen des 21-Jährigen. Allein ihre Anwesenheit gibt Sicherheit.

600 bis 700 Werke

„Wenn ein Bild fertig ist, wird es sofort mit dem nächsten Blatt Papier abgelöst und es gibt Tage, an denen Jonas bis zu neun Bildern fertigstellt“, erzählt Karen Prekel. Sie ist fasziniert davon, wie gekonnt er die Farben kombiniert und zu einem Ganzen zusammenfügt. In den zwei Jahren sind so zwischen 600 und 700 Werke zusammengekommen, von denen nun ein kleiner Teil im Rathaus zu sehen ist.

„Wie eine große Welle“

In der Eröffnungsrede zu seiner Ausstellung sagte die Dozentin: „Jonas ist manchmal darum zu beneiden, mit welcher Leichtigkeit er Farben und Formen aneinander und übereinandersetzt. Er übermalt, überrollt und dabei entstehen wunderschöne abstrakte Bildwelten, in denen man lustwandeln und träumen kann,in denen Gelassenheit und Ruhe spürbar sind. Manchmal ist es, als wenn eine große wilde Welle über einen hinweg rollt.“

Ausstellung bis Ende April

Auch vielen Besuchern der Ausstellung scheinen die Arbeiten des jungen Künstlers zu gefallen. Denn die ersten Werke wurden gleich am ersten Tag verkauft. Jonas‘ Bilder sind noch bis Ende April im Frerener Rathaus ausgestellt.


Was ist Autismus?

Fachärzte erkennen Autismus anhand bestimmter Verhaltensmuster: Betroffene haben oft Probleme in der zwischenmenschlichen Interaktion, sie weisen Auffälligkeiten in der Kommunikation auf oder haben spezielle Interessen und Aktivitäten, die sie wiederholen. So beschreibt es die Osnabrücker Autorin Heike Drogis in ihrem Buch „Aut ist in“. Darin zeigt sie an vielen Beispielen auf, wie unterschiedlich die Ausprägung des Autismus sein kann. Autismus-Spektrum-Störung lautet daher auch der wissenschaftliche Begriff. Drogies setzt sich dafür ein, dass zumindest die hochfunktionalen Autisten auf dem Arbeitsmarkt eine Chance bekommen. Unterstützung bekommen Betroffene dabei von den Autismustherapiezentren in der Region.

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