Hohe Sachschäden und Stromausfall Vor zehn Jahren: Schneechaos im südlichen Emsland

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Emsbüren. Norbert Verst war schockiert. Emsbüren wie das gesamte südliche Emsland lag an diesem 26. November 2005, ein Samstag, unter einer dichten Schneedecke. Das war es aber nicht, was dem damaligen Bürgermeister der Gemeinde einen Schock versetzt hatte.

Das Dach des Logistikbereichs von „Emsflower“, der Pflanzenproduktionsbetrieb des niederländischen Unternehmers Bennie Kuipers, hatte die Schneemassen nicht mehr halten können und war in sich zusammengefallen. Fassungslos stand Verst vor einem Bild der Verwüstung.

Nur wenige Kilometer weiter in Spelle. Im Gewerbegebiet Südfelde  waren Strommasten unter der Last des Schnees umgeknickt und hatten Leitungen abgerissen. 9000 Bürger in 4000 Speller Haushalten waren am Samstag von den Stromausfällen betroffen. Bis zum Sonntagabend waren es immer noch 500 bis 600 Haushalte.

Tief „Thorsten“ mit Sturmtiefstärke

Zehn Jahre ist dieses Schneechaos nun her, das am Freitag angefangen hatte. Tief „Thorsten“ mit Sturmtiefstärke hatte an jenem 25. November 2005 in einem Streifen über das Münsterland und Osnabrücker Land bis ins südliche Emsland für ungewöhnlich starke Schneefälle von bis zu 50 Zentimetern gesorgt. Viele dicke Äste knickten unter der weißen Last ab, auch ganze Baumstämme zerbrachen, Hochspannungsmasten brachen zusammen.

Unternehmer Bennie Kuipers hatte in Emsbüren noch Glück im Unglück. Während der Logistikbereich weitgehend zerstört war, blieben das Kernstück des Betriebs, die verglasten Produktionshallen, die Heizungs- und Wasseraufbereitung mit der hochkomplexen Regelungstechnik, unversehrt. In den Logistikhallen sah es allerdings wüst aus. Als ob ein Riese mit einer gewaltigen Faust auf den vorderen Bereich der Hallen geschlagen hätte. Die Verformungen der Wände erstrecken sich über die komplette Länge der Hallen von fast 600 Metern.

Glücksfall für Emsbüren

„Das hat uns damals sehr getroffen“, erinnert sich Verst, heute Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Emsland. Die größte Sorge sei zunächst gewesen, ob jemand verletzt worden sei. „Das war glücklicherweise nicht der Fall“, so der Emsbürener.

Aber dann der zweite Gedanke: Lässt sich die Vision für die Gemeinde Emsbüren, die mit der Ansiedlung von Kuipers in der Nähe des Autobahnkreuzes verbunden war, noch verwirklichen? „Wir hatten in diese Ansiedlung enorm viel Arbeit investiert und nun das – es war der Hammer“, beschreibt Verst im Rückblick seine damaligen Gefühle.

Aber Kuipers ließ sich von den Naturgewalten nicht unterkriegen und baute rasch wieder auf, was die Schneemassen niedergedrückt hatten. „Emsflower“ ist zu einem Glücksfall für Emsbüren geworden“, unterstreicht Verst auch zehn Jahre später.

Und in Spelle? Dort rückte an diesem schneereichen und kalten Wochenende 2005 alles zusammen. Wie wichtig funktionierende Nachbarschaften in Notlagen sind, wurde an diesen beiden Tagen deutlich. Bürger, die zu Hause über einen Kamin verfügten, luden Nachbarn zum Klönen an prasselndem Feuer ein.

Was kann man tun, wenn der Strom ausgefallen ist?

Improvisieren war angesagt an diesen stromlosen Tagen in Spelle. Was kann man tun, wenn der Strom ausgefallen ist, die eigenen vier Wände schnell auskühlen und das Fleisch im Gefrierfach abzutauen beginnt? Ganz einfach: Man nimmt das Fleisch mit zum Nachbarn in die Garage, wo ein Gasofen steht und der Grill schnell aufgebaut ist. Die Nachbarschaft in der Speller Pastor-Dreyer-Straße verbrachte auf diese Art und Weise noch einen halbwegs gemütlichen Sonntag.

Zwischen 8.30 und 9 Uhr waren am Samstagmorgen in Spelle die Lichter ausgegangen, kühlten die Heizungen ab, funktionierte kein Telefon mehr und kaum noch ein Handy. Im Modehaus Kleine blieben Kunden im Fahrstuhl stecken und mussten von der Feuerwehr befreit werden.

Spelles Samtgemeindebürgermeister Bernhard Hummeldorf richtete umgehend im Rathaus eine Leitstelle ein. Mithilfe von Notstromaggregaten war es (mit wenigen Ausnahmen) ständig telefonisch erreichbar. Während die Gaststätte Spieker-Wübbels in Venhaus die Leute in der Grundschule mit heißer Suppe versorgte, belieferte die Gaststätte Geiger das Rathaus, wo fleißige DRK-Helfer die Suppenkelle schwangen. Mit Lautsprecherdurchsagen hatte die Feuerwehr die Bewohner über die Situation auf dem Laufenden gehalten.

Speller Großbetriebe atmen auf

Als um 22 Uhr am Sonntag die Stromversorgung endlich wieder überall gesichert war, konnten auch die Speller Großbetriebe aufatmen. Andernfalls hätten Betriebe wie Rekers und Krone der Frühschicht am Montagmorgen absagen müssen. So fiel in dem Betonunternehmen lediglich die Spätschicht am Sonntagabend aus. Da die Lackiererei bei Krone über eine eigene Stromversorgung verfügt, konnte dort am Sonntagabend gearbeitet werden. Das Altenpflegeheim hatte ein Notstromaggregat, sodass es nicht evakuiert werden musste. Landwirten, die anfragten, wie sie ihre Kühe melken sollten, wurde ein Aggregat zur Verfügung gestellt.

Zehn Jahre später: An diesem Donnerstag hat die Gemeinde Spelle um 18 Uhr in den Wöhlehof alle Hilfsorganisationen eingeladen, deren Zusammenspiel damals so hervorragend funktioniert hatte. Zwei Aspekte seien ihm vor allem in Erinnerung geblieben, blickt Verwaltungschef Hummeldorf zurück. Zum einen die enorme Abhängigkeit von einer funktionierenden Stromversorgung. „Beeindruckt hat mich besonders das starke Zusammenrücken in Nachbarschaften oder unter Freunden. Viele Bürger haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt, damit diese Extremsituation bewältigt werden konnte“, so der Samtgemeindebürgermeister.

Vermehrte Geburten in Spelle im Spätsommer 2006 als Folge des „näheren Zusammenrückens“ beim Stromausfall hat es übrigens nicht gegeben…

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