Vor 25 Jahren in Berlin Junge aus Emsbüren will durch die Mauer klettern

Von Heinz Krüssel

Wegen der Eisenstäbe in der Mauer durfte der Emsbürener Dennis Lewing vor 25 Jahren noch nicht durch das Loch in der Berliner Mauer kriechen. Darauf wies ihn damals ein freundlicher Volkspolizist hin. Foto: privatWegen der Eisenstäbe in der Mauer durfte der Emsbürener Dennis Lewing vor 25 Jahren noch nicht durch das Loch in der Berliner Mauer kriechen. Darauf wies ihn damals ein freundlicher Volkspolizist hin. Foto: privat

Emsbüren. Der Fall der Mauer in Berlin am 9. November 1989 ist dem Emsbürener Tierarzt Bernd Lewing noch gut in Erinnerung. Er gehört mit zu den Ersten, die an diesem Tag in der Nähe des Brandenburger Tores oben auf der Mauer gestanden und sich gemeinsam gefreut haben.

Die Mauer wird geöffnet.“ Mit diesem kurzen Hinweis informierte am 9. November der Professor die angehenden Tiermediziner im Fachbereich Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin. „Wir standen morgens in den Prüfungen zum dritten Staatsexamen“, erinnert sich Bernd Lewing; das Thema lautete übrigens „Tiergeburtshilfe“.

Nach Abschluss der Prüfung schwang sich Lewing gemeinsam mit einigen Kommilitonen aufs Fahrrad, und man radelte in Richtung Brandenburger Tor. Dort waren bereits Leitern an die Mauer angelehnt, sodass man bequem auf die Mauer klettern und auf den Todesstreifen in Richtung Osten blicken konnte.

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„Es war eine unglaublich euphorische Stimmung“, schildert der Tierarzt die erlebte Situation. Einige Mutige kletterten oder sprangen in Richtung Osten auf DDR-Territorium. Dort wurden sie sofort von Volkspolizisten „in Empfang“ genommen. Wie sie in den Westen zurückkehrten, konnte man nicht erkennen, erzählt Lewing in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

In den folgenden Tagen gab es eine merkwürdige Stimmung in der Stadt. Das Einkaufen in den Berliner Einzelhandelsgeschäften war kaum noch möglich. Riesige Schlangen bildeten sich vor den Geschäften, weil viele Ostberliner und DDR-Bürger zum Einkaufen nach Westberlin kamen.

Einige Wochen später, die Prüfungen waren inzwischen abgeschlossen, kamen Ehefrau Gabi und der dreijährige Sohn Dennis zu Besuch nach Berlin. „Natürlich wollten wir die Mauer sehen“, erzählt Gabi Lewing. Das Brandenburger Tor war zu dem Zeitpunkt gerade geöffnet. Als die junge Familie aus dem Emsland zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstag ein großes Loch in der Mauer entdeckte, wollte Sohn Dennis zwischen den Eisenstäben durchkriechen. Im gleichen Moment erschienen zwei Vopos auf der anderen Seite. „Wir bekamen einen Riesenschreck“, sagt Bernd Lewing. Immerhin hatte er fünfeinhalb Jahre in Berlin studiert und war ständig von Emsbüren aus nach Berlin und zurück über die Transitstrecke gefahren.

„Ich kannte Vopos an den Grenzübergängen Marienborn und Dreilinden nur als grimmige, Angst einflößende, unnahbare Typen, denen niemals ein Lächeln oder ein freundliches Wort über die Lippen kam“, erinnert sich der Emsbürener an oftmals erlebte Situationen. Man habe ständig Angst vor Schikanen und vor intensiven Kontrollen der „Beschützer des antifaschistischen Schutzwalls“ gehabt.

Selbst auf der Transitstrecke sei man nicht vor der Willkür der Vopos sicher gewesen: „Plötzlich sprang einer mit einer kleinen Kelle auf die Fahrbahn, bezichtigte mich, ich hätte die vorgeschriebene Fahrgeschwindigkeit überschritten und forderte eine Strafe in D-Mark.“ Einen Nachweis für den Verstoß geschweige denn eine Quittung für die Strafe gab es nicht.

Doch am Berliner Mauerloch war plötzlich alles anders. Die beiden Volkspolizisten waren höflich und freundlich: „Hier darfst du, Kleiner, nicht durch“, hieß es, und die beiden Polizisten stellten sich gern zu einem Erinnerungsfoto auf – von Westen nach Osten.

Dennis Lewing ist inzwischen 28 Jahre alt und hat sein Studium als Diplomchemiker abgeschlossen.

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