Verfahren beim Landgericht Misshandlungsverdacht in Emsbüren: "Er trug einen Müllsack, sonst nichts"

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Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten jahrelange Demütigungen und Misshandlungen des Sohnes beziehungsweise Stiefsohnes vor.  Foto: dpaDie Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten jahrelange Demütigungen und Misshandlungen des Sohnes beziehungsweise Stiefsohnes vor. Foto: dpa

Osnabrück. Am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Osnabrück wegen des Verdachts auf Kindesmisshandlung in Emsbüren haben zwei Polizisten geschildert, wie sie die Situation am 2. Januar 2017 im Haus der Familie erlebt haben.

In dem Verfahren gegen die 37-jährige Mutter und den heute 39 Jahre alten Stiefvater des Jungen wirft die Staatsanwaltschaft ihnen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht sowie, im Fall der Mutter, Freiheitsberaubung vor. Konkret geht es um den Zeitraum zwischen Anfang 2015 und dem 2. Januar 2017, als die Polizei gemeinsam mit dem Jugendamt den damals 16-Jährigen aus dem Haus der Familie in einer kleinen Wohnsiedlung in Emsbüren herausholte. 

Mit einer Liste und CD zur Polizei

Der Tag stand im Mittelpunkt der Befragung der beiden Zeugen, zwei Polizeibeamte aus Lingen und Salzbergen. An jenem Montag tauchte ein Jugendlicher mit seinem Vater auf der Polizeiwache in Lingen auf. Den Polizeibeamten zufolge berichtete der Jugendliche, dass seine Freundin ihm erzählt habe, ihr Bruder werde misshandelt. Dabei hatte er eine Liste mit weiteren Stichpunkten, wonach der Junge zum Beispiel gelbe Müllsäcke tragen müsse. Außerdem hatten Vater und Sohn eine CD dabei. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Spiegel" ist auf dem heimlich aufgenommenen Video der Halbschwester des Jungen zu sehen, wie die Mutter ihr in Säcken gekleidetes Kind verprügelte.

Die Beamten handelten sofort. Sie telefonierten mit dem Jugendamt des Landkreises, das in Lingen eine Außenstelle hat und seit mehreren Jahren mit der Emsbürener Familie Kontakt hatte. Ziel war wegen des Verdachts der Kindeswohlgefährdung die unverzügliche Inobhutnahme des Jungen und seiner Geschwister. Die beiden Angeklagten haben zwei gemeinsame Kinder, das dritte und älteste Kind, um das es im Verfahren geht, stammt aus einer früheren Beziehung.

Vor der Doppelhaushälfte der Familie in einer kleinen Wohnsiedlung in Emsbüren trafen sich dann zwei Vertreter des Jugendamtes und zwei Polizeibeamte – der Lingener Polizist und ein Kollege von der Polizeistation Salzbergen. Die Mutter machte auf. "Wir haben dann nach dem Jungen gefragt", schilderte der Lingener Polizeibeamte die Situation. Außerdem sei sie darüber informiert worden, dass das Jugendamt die drei Kinder in Obhut nehmen würde. 

Im Wohnzimmer stand der Tannenbaum

Den Angaben der Polizisten teilte die Mutter mit, dass der Junge bei einem Freund sei. Im Wohnzimmer, wo so kurz nach Weihnachten noch der Tannenbaum stand, spielte sein kleiner Halbbruder. Auch die Halbschwester war im Haus. Die Angaben der Mutter über den Aufenthalt ihres Sohnes erwiesen sich allerdings als falsch. Ein Polizist und ein Vertreter des Jugendamtes entdeckten ihn im Vorratsraum. 

"Es war ein erschreckendes Bild. Er trug einen Müllsack, sonst nichts und war völlig verstört"Ein Polizist als Zeuge im Landgericht

"Es war ein erschreckendes Bild. Er trug einen Müllsack, sonst nichts und war völlig verstört", gab der Polizeibeamte aus Salzbergen seinen Eindruck wieder. Sie deckten sich mit den Schilderungen des Lingener Kollegen. Den Müllsack habe er sich selbst angezogen, habe die Mutter auf eine Frage geantwortet. Die Polizisten fragten sie, ob sie auch in die oberen Räume nachschauen dürften. Dies habe die Frau bejaht. Einen Durchsuchungsbeschluss hatten die Beamten nicht. Die Mutter umfassend darüber belehrt, dass diese deshalb die anderen Räume nicht zeigen müsse, hatten sie offenbar nicht, wie eine Nachfrage ihrer Verteidigerin ergab.

Ein Kinderzimmer, das keines war

"Keine Matratze, keine Decke, kein Bettzeug", so beschrieb einer der Polizeibeamten das Zimmer des Jungen. "Es war nicht so, wie ein Kinderzimmer aussehen sollte", ergänzte sein Kollege. "Kein Spielzeug, spärlich." Licht gab es auch keines. In der Ecke auf dem Boden habe ein Wasserglas gestanden und eingepacktes Brot gelegen, so die weiteren Beobachtungen. "Die Mutter hat gesagt, dass das Zimmer renoviert werden solle", berichtete der Polizist.

Keine Aussage vor Gericht

Die Halbschwester des Jungen wird von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen und vor Gericht keine Aussage machen, teilte ihr Rechtsvertreter am Dienstag mit. Ihr Freund, der mit seinem Vater am 2. Januar 2017 zur Polizei gegangen war, wurde als Zeuge unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Der nächste Verhandlungstag ist für den 26. Februar angesetzt.


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