Junge von Mutter misshandelt Schule in Emsbüren hat Kreis mehrfach über Vernachlässigung informiert

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Der Junge wurde körperlich und seelisch misshandelt. Warum kam ihm niemand zu Hilfe? Foto: imago/imagebrokerDer Junge wurde körperlich und seelisch misshandelt. Warum kam ihm niemand zu Hilfe? Foto: imago/imagebroker

Emsbüren. Betroffenheit, Fassungslosigkeit und Unverständnis prägen die Gespräche von Bürgern in Emsbüren nach Bekanntwerden von mutmaßlichen Misshandlungen eines Jungen durch die eigene Mutter.

Der Fall sorgt für Entsetzen in der Gemeinde Emsbüren und im ganzen Landkreis Emsland: Ein Junge soll ein Martyrium durchlitten haben – gequält von der eigenen Mutter. Seit 2002 wurde die Familie vom Jugendamt des Landkreises Emsland betreut. Die heute 37-Jährige steht einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zufolge unter schwerem Verdacht, ihren Sohn knapp zwei Jahre lang schwer misshandelt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erhob Anklage gegen sie. Es gehe um Misshandlungen, die „sowohl den körperlichen als auch den seelischen Aspekt betreffen“, sagte Staatsanwalt Christian Bagung.

Der Fall macht uns hier alle sehr betroffen“, sagt Hermann-Josef Pieper, Leiter der Liudger-Realschule in Emsbüren am Montag. Der Junge hatte nach Informationen unserer Redaktion die Schule an der Hanwische Straße zunächst von August 2011 bis Juli 2014 besucht und war dann in der achten Klasse für ein halbes Jahr an das Gymnasium Georgianum nach Lingen gewechselt. Zu Beginn des zweiten Halbjahres 2015 kehrte er wieder an die Liudger-Realschule zurück. Dort blieb er, bis ihn Anfang Januar 2017 die Polizei und das Jugendamt aus der Familie herausholte.

Wie Pieper im Gespräch mit unserer Redaktion betont, habe es während des Schulaufenthaltes des Jungen viele Gespräche mit der Mutter gegeben, sowohl persönlich, als auch telefonisch. Dabei sei es auch immer wieder um das Thema Vernachlässigung gegangen. Der SPIEGEL hatte berichtet, dass die Mutter dem Jungen irgendwann verboten hatte, das gemeinsame Badezimmer und die Toilette zu benutzen. Seine Wäsche habe er eigenhändig waschen müssen. Deshalb seien die Sachen auch nicht richtig sauber geworden. Es habe offensichtlich Hinweise auf Vernachlässigung gegeben, aber nicht auf Kindesmisshandlung, betont Pieper.

Pieper: Alle Hebel in Bewegung gesetzt

„Das Jugendamt des Landkreises ist mehrfach von uns informiert worden“, so der Schulleiter weiter. Die Schule habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dem Schüler zu helfen. So seien u. a. auch verschiedene psychologische Beratungsstellen eingeschaltet worden. „Das ist uns schon sehr zu Herzen gegangen, auch der Klassenlehrerin, die sich immer wieder sehr um den Schüler bemüht hat“, macht Pieper in dem Gespräch deutlich.

Auch Emsbürens Bürgermeister Bernhard Overberg äußert sich am Montag bestürzt. „Ich wünsche mir, dass der Fall vollständig aufgeklärt wird – zum Wohle des betroffenen Jungen und seiner Geschwister“, betont der Bürgermeister. Overberg rät von voreiligen Schuldzuweisungen ab. Er habe hohen Respekt vor der Arbeit von Erziehern und Sozialarbeitern. Was die soziale Kontrollfunktion einer Nachbarschaft anbelangt, rät er dazu, „dass man sich nicht scheuen darf, es zu melden, wenn etwas in die falsche Richtung läuft“.

Auch Markus Silies, stellvertretender Bürgermeister in Emsbüren, äußert sich am Montag betroffen. Silies, hauptberuflich Diözesansekretär beim Kolping, ist in der Kommune gut vernetzt. Er kennt die Vereine, Verbände und die Kirchengemeinden im Ort, die zum Beispiel eine intensive Jugendarbeit machen. Und somit auch einen Blick haben für die Jungen und Mädchen. Aber natürlich eben nur für jene, die auch dort mitmachen.

Netzwerk an Hilfen

Und er weiß auch um das Netzwerk an Hilfen für Familien, die Unterstützung brauchen. Wie „Seitenblicke“ zum Beispiel. So heißt ein Projekt in der Gemeinde Emsbüren, in der sich die Kirchengemeinde, die Kindertagesstätten und die politische Gemeinde engagieren mit dem Ziel, Frauen mit Unterstützungsbedarf in der Familie Hilfen anzubieten.

Voraussetzung ist, dass diese Angebote auch wahrgenommen werden. In vielen Gesprächen im privaten Kreis sei in den letzten Tagen über den Fall erzählt worden, berichtet Silies. Was in den häuslichen vier Wänden passiere, bleibe Außenstehenden verborgen, betont er.

Mittlerweile läuft auch die juristische Aufarbeitung des Falles. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hatte den Missbrauch beim Amtsgericht Lingen angeklagt. Von Lingen aus wurde der Fall aufgrund des zu erwartenden Strafmaßes an das Landgericht Osnabrück weitergeleitet. Dort werde zurzeit die Zuständigkeit geprüft, sagte die Sprecherin des Landgerichts, Katrin Höcherl, auf Anfrage der Redaktion. Sie rechne mit einer zeitnahen Entscheidung.

Landrat reagiert betroffen

„Dass eine Mutter das eigene Kind derart demütigt und misshandelt, macht mich betroffen und meine Mitarbeiter genauso“, erklärt Landrat Reinhard Winter am Montagabend auf Anfrage der Redaktion in einer Stellungnahme. „Wir wollen jedes Kind schützen, das Hilfe benötigt. Man stellt sich daher die Frage, ob etwas übersehen wurde oder eine solche Tat hätte verhindert werden können. Deshalb haben wir unsere Vorgehensweise im Nachgang natürlich hinterfragt und geprüft, aber es hat keine konkreten Anzeichen gegeben, die ein Eingreifen erforderlich oder möglich gemacht hätten“, so der Landrat.

Der Kreis verweist darauf, dass es dem Jugendamt nicht möglich sei, ohne jegliche Anhaltspunkte quasi flächendeckend Eltern und Personensorgeberechtigte zu kontrollieren. Vielmehr müssten hinreichend konkrete und ernst zu nehmende Hinweise auf eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegen.

Im vorliegenden Fall hätten sich seit dem Jahr 2002, mit einer Unterbrechung von 2009 bis Anfang 2015, in unregelmäßigen Abständen Hilfebedarf in Entwicklungs- und Erziehungsfragen ergeben. „Die zuständigen Bezirkssozialarbeiter haben direkten Kontakt zur Familie und anderen beteiligten Institutionen aufgenommen und Hilfen angeboten und eingeleitet“, heißt es in der Stellungnahme. Trotz des Hilfebedarfs habe es aber zu keinem Zeitpunkt gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung gegeben, die ein Verfahren zur Abschätzung der Gefährdung notwendig gemacht oder gar ein Einschreiten des Jugendamtes, auch gegen den Willen der Mutter, gerechtfertigt hätten.

Anonymer Hinweis

2015 habe es, so der Kreis, einen anonymen Hinweis auf den Verdacht einer möglichen Kindeswohlgefährdung gegeben. „In einem persönlichen Gespräch in der Schule hat der Junge aber sämtliche Vorwürfe glaubhaft in Abrede gestellt. Auch ein anschließender Hausbesuch zeigte keinen Handlungsbedarf auf.“ Zudem seien alle Hinweise durch die Schule überprüft, konnten aber ebenfalls nicht bestätigt werden.

Letztmalig wurde den weiteren Angaben des Landkreises zufolge am 12.Oktober 2016 ein Hausbesuch in der Familie durchgeführt, bei dem sich ebenfalls keine Auffälligkeiten zeigten, die konkreten Handlungsbedarf zur Folge gehabt hätten. „Erst mit der Bereitstellung entsprechenden Videomaterials durch ein Familienmitglied waren sehr konkrete Nachweise einer Misshandlung erbracht, die am 2. Januar 2017 zur sofortigen Inobhutnahme des Jungen und seiner Geschwister führten“, heißt es in der Stellungnahme des Kreises abschließend.


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