Interview nach Olympia 2016 Krajewski: „Rio macht natürlich Hunger auf mehr“

Julia Krajewski mit ihrem Pferd Samourai du Thot. Foto: Helmut DiersJulia Krajewski mit ihrem Pferd Samourai du Thot. Foto: Helmut Diers

Lingen. Eine wahre Gefühlsachterbahn hat Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski vom RFV Lingen bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erlebt. Im Interview mit der Emslandsportredaktion verrät die 27-Jährige, warum sie am Ende trotz vorzeitigen Ausscheidens doch glücklich ist, wie sie den Zoff mit ARD-Mann Carsten Sostmeier wahrgenommen hat und wo sie in vier Jahren bei den Spielen in Tokio sein möchte.

Frau Krajewski, Sie sind als Ersatzreiterin ins Flugzeug nach Rio gestiegen und als Silbermedaillengewinnerin zurückgekehrt. Mehr als Sie sich tatsächlich erträumt haben?

Ja, natürlich. Ich war tatsächlich sehr glücklich und zufrieden mit meiner Position als Reservereiterin. Auch wenn ich lesen durfte, dass das ja auch nicht richtig ist, dass man als Reserve zufrieden ist. Aber ich habe die Nominierung als fünften Reiter schon als Ehre und absoluten Erfolg empfunden. Man kommt ja auch nicht einfach so zu den Olympischen Spielen, sondern das hat sich über mehrere Jahre entwickelt. Das Pferd hat sich gut gezeigt, wir hatten in diesem Jahr tolle Erfolge. Das heißt, dass es sich natürlich schon irgendwo angedeutet hat. Aber dass es am Ende dann wirklich dazu kommt, habe ich vor einem halben Jahr noch nicht unbedingt so sicher gesehen. Man hofft natürlich, aber es ist am Ende natürlich trotzdem eine sehr, sehr große Ehre. Als Ersatzreiter hat man auch immer noch eine große Aufgabe. Man kann das Team unterstützen, ohne dass man tatsächlich reitet, sondern einfach für das Team da ist. Ich habe das auch als Aufgabe empfunden und auch so wahrgenommen.

Doch am Ende ging es ganz schnell. Sie rückten ins Team. Wie fiel Ihre Reaktion aus?

Dass sich meine Rolle dann kurzfristig geändert hat, war im ersten Moment schon irgendwo ein Schock. Darauf folgten auch diverse Diskussionen. Ich weiß, dass es im Internet hoch herging. Das habe ich mir selbst gar nicht alles so durchgelesen. Ich denke, es ist das Beste, wenn man sich auf sich konzentriert und erst mal sein Ding macht, bevor man sich mit den ganzen äußeren Einflüssen befasst. Aber mir war schnell klar, dass der Druck jetzt doppelt so hoch ist.

War der Druck vielleicht zu groß?

Ich glaube nicht, dass das am Ende Einfluss auf meine Leistung hatte. Wir haben uns rechtzeitig zur Prüfung als Team zusammengefunden und gesagt, wir haben ein Ziel. Dass es dann am Tag, wo es drauf ankommt und wo man das abliefern will, worauf man sich seit Jahren vorbereitet, und wozu ich und mein Pferd in der Lage sind, nicht funktioniert hat, das war schon sehr, sehr bitter. Darüber bin ich auch mit Sicherheit noch nicht hinweg. Es sind mehrere Dinge, die da mit reinspielen. Mein Pferd und ich sind seit fünf Jahren ein Team und Sportpartner. Und wenn sowas auf einmal nicht so funktioniert und man nicht die gewohnte Abstimmung findet, dann ist es ungefähr so, als wenn man sich mit seinem besten Freund zerstreitet. Da weiß man auch manchmal nicht, woran es liegt. Man ist total überrascht und auch traurig, dass man die in sich gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte. Dann lief es auch für Ingrid (Klimke, Teamkollegin, Anm. d. Redaktion) und Sandra (Auffarth) auch nicht ganz rund, sodass die Stimmung am Abend nach dem Gelände schon ziemlich weit unten war. Das klare Ziel war natürlich Gold, denn in den letzten Jahren gab es immer Gold. Das war uns auch klar. Da wurde auch mit Kritik von außen nicht lange gewartet.

Wie sehr tröstet die Medaille?

Die Silbermedaille am letzten Tag, als wir als Vierte ins Springen gegangen sind, war nochmal richtig ein Teameffort. Zwar leider ohne mein Beitragen, aber ich habe mich dann irgendwann morgens wieder gesammelt und gesagt, dass ich jetzt fürs Team da sein muss. Es geht gemeinsam in den letzten Tag. Diese Silbermedaille hat natürlich allen unheimlich geholfen. Das Gefühl war auch tatsächlich, dass man Silber gewonnen und nicht Gold verloren hat. Insgesamt waren das natürlich unheimlich viele Emotionen, und ich denke, das wird immer noch eine ganze Weile brauchen, bis ich das verarbeitet habe. Mein Pferd und ich werden in den nächsten Tagen auch mal Geländetraining machen und zusehen, dass wir wieder zur alten Form finden, weil eins ist sicher: Für mich ist er ein ganz tolles Pferd und hat das auch schon bewiesen. Ich denke, dass wir in Zukunft auch wieder gut unterwegs sein werden.

Nach der Dressur lagen Sie mit 44,80 Strafpunkten auf Platz 18 . Wie stufen Sie rückblickend ihren Auftritt ein?

Ich habe vorher gesagt, dass ich mit unter 45 Punkten zufrieden bin. Mit unter 40 wäre ich glücklich gewesen. Ich weiß, dass es noch besser geht. Nun ist die Atmosphäre in einem olympischen Stadion schon sehr, sehr besonders und mit nichts, was vorher war, zu vergleichen. Man konnte auch insgesamt am Verlauf der Prüfung sehen, dass viele Pferde untypisch viele Fehler gemacht haben. Im Hintergrund wurde geschossen. Ich glaube, das waren Schießübungen auf irgendeiner Militärbasis. Die Musik war unheimlich laut. Ich denke, dass man am Ende natürlich trotzdem seine Leistung irgendwo abliefern muss, aber wir arbeiten halt mit Pferden. Da kann man nicht einfach einen Knopf drücken und los geht es. Dementsprechend weiß ich natürlich, dass es noch besser geht, aber ich war nicht unzufrieden. Es war ein durchaus ordentliches Ergebnis. Ich war jetzt nicht euphorisch, aber es war alles im Soll.

Im Gelände schieden Sie nach drei Verweigerungen aus. Haben Sie heute eine Erklärung dafür oder ist es aus Ihrer Sicht einfach unglücklich gelaufen?Im Gelände schieden Sie nach drei Verweigerungen aus. Haben Sie heute eine Erklärung dafür oder ist es aus Ihrer Sicht einfach unglücklich gelaufen?

Das ist für mich immer noch schwer zu begreifen. Normalerweise wissen die Pferde ziemlich genau, was am Geländetag verlangt wird. Normalerweise können wir fast die Zügel auf den Hals legen. Als wir dann am ersten Wasser die erste Verweigerung hatten, was noch nie vorgekommen ist, da habe ich schon gemerkt, irgendwas läuft hier heute nicht rund. Teamintern war abgesprochen, dass ich am Hindernis 6ab den längeren Weg reiten soll, weil der direkte Weg immer noch ein größeres Risiko darstellt. Sicherheit geht in diesem Fall vor. Einfach fehlerfrei bleiben, und an die Teamorder hält man sich. Das hat dann soweit erst mal auch ganz gut funktioniert. Natürlich sind schmale Hindernisse wie bei der zweiten Verweigerung dafür gebaut, dass die Pferde da auch mal vorbeilaufen. Aber das ist etwas, was wir seit Jahren üben. Das macht das Pferd das erste Mal, wenn es fünf ist. Ich muss nur in die Richtung lenken und dann funktioniert das. Warum es nicht ging, dafür habe ich nach wie vor keine richtige Erklärung. Eins weiß ich sicher: Pferde machen nichts absichtlich. Mit Sicherheit war die Abstimmung irgendwo nicht richtig, woran es auch immer lag. Ich glaube, das braucht noch Zeit, bis man wirklich einen Grund dafür findet. Was man bestimmt sagen kann, dass auch im Gelände die Atmosphäre sehr speziell war. Es hat mich von Anfang an gewundert, dass viele, auch sehr erfahrene Pferde anders reagiert haben als es die Reiter gewöhnt sind. Ich will keine Namen nennen, aber es waren viele Reiter, von denen man erwartet hätte, dass sie relativ problemlos durch den Kurs reiten. Die dann doch Probleme hatten. Was immer ein Zeichen dafür ist, dass es nicht nur an den Sprüngen liegt, sondern auch die Rahmenbedingungen anders sind als sonst.

Wären es nicht die Olympischen Spiele gewesen, hätten Sie die Geländeprüfung abgebrochen?

Normalerweise hätte ich nach der zweiten Verweigerung gesagt, es läuft heute nicht rund. Wir beenden das hier, weil man als Reiter immer noch die Verantwortung hat, auf sein Pferd aufzupassen. Das Letzte, was man möchte, ist, dass das Pferd sich erschreckt oder in so einem Geländekurs ein schlechtes Gefühl bekommt. Oder noch schlimmer sich vielleicht noch verletzt. Nun geht man aber für eine Mannschaft an den Start, und dann versucht man natürlich alles, um so gut wie möglich nach Hause zu reiten. Also stand das jetzt nicht zur Debatte. Nach der zweiten Verweigerung hatte ich auch das Gefühl, wir kommen gut in Tritt. Aber man hat am Ende gemerkt, dass an der Tischecke letztlich nicht genug Mut da war. Die Pferde müssen im Prinzip losspringen, ohne dass sie wirklich wissen, was hinter dem Hindernis passiert. Warum das so war, weiß ich nicht. Aber ich hoffe, dass ich dafür irgendwann eine Erklärung finde. Oder wir wieder in unsere alte Form zurückfinden und ich dann vielleicht einen Haken dranmachen kann.

Wie sind Sie persönlich mit dieser Enttäuschung umgegangen. Brauchten Sie Zeit für sich selbst und kam gleich jemand, um Trost zu spenden?

Erst mal bin ich natürlich zehn Minuten zurückgeritten. Ich war erst geschockt und etwas ungläubig, dass das jetzt so passiert ist. Ich war natürlich total enttäuscht. Auch das Gefühl, dass man das Team jetzt hängenlassen hat. Nicht das abgeliefert hat, was die Aufgabe war. Mein Freund und noch ein anderer guter Freund waren mitgereist und waren dann auch sehr schnell bei mir. Sie haben zwar nicht viel gesagt, aber mich erst mal in den Arm genommen, weil sie auch sehr genau wussten, wie schwer das für mich ist. Dann muss man ja fast leider erst zur Presse und das ist natürlich unheimlich hart. In so einem Moment etwas zu erklären, woran es lag, wenn man selber gar nicht fassen kann, was da gerade passiert ist, das ist schon schwer. Da kommt man nicht drumherum, aber man muss da natürlich durch. Der Abend war sehr, sehr hart. Ich war persönlich sehr enttäuscht und wusste nicht, warum es passiert ist. Ich haben selten soviel geweint wie an dem Abend. Ich habe natürlich auch viel Zuspruch bekommen. Ich konnte erst mal nicht soviel darüber reden. Ich habe mich um mein Pferd gekümmert und danach Ingrid angeschaut. Nach und nach bin ich wieder zu Atem gekommen.

Obwohl Sie nicht mehr im Wettbewerb waren, standen Sie weiterhin wegen der Häme von ARD-Kommentator Carsten Sostmeier in den Schlagzeilen. Sie haben dessen Entschuldigung zunächst nicht angenommen, wofür Sie viel Zuspruch geerntet haben. Wie werden Sie sich denn in Zukunft begegnen? Wird es eine Versöhnung geben? Oder lehnen Sie die Entschuldigung weiter ab?

Ich habe sie ja insofern erst mal abgelehnt , dass ich gesagt habe, ich muss mir das erst mal angucken. Ich hatte mein Ritt bis dahin gar nicht gesehen, weil uns weder das Material zur Verfügung stand, noch wir einen Ton dazu hatten. Ich muss ehrlich sagen, dass ich erst so nach und nach mitbekommen habe, was da los war. Ich hatte das Gefühl, dass die Presse davon gerne ein größeres Ding machen will. Ich muss ehrlich sagen, am liebsten will ich das hinter mir lassen. Weil ich die Letzte bin, die ein Interesse daran hat, sich öffentlich mit irgendjemanden zu streiten. Herr Sostmeier hat mich angerufen, weil er gemerkt hat, dass das definitiv am Ziel vorbei war und sowas nicht wieder vorkommen wird. Ich vermute mal, dass wenn er mich in Zukunft kommentiert, dass es entsprechend im Rahmen bleiben wird. Das ist aber definitiv nicht meine größte Sorge. Und ich hoffe, dass das Kapitel damit auch abgeschlossen ist.

Was haben Sie von Rio gesehen? Welche Sportarten haben Sie noch verfolgt? Welche Sportler kennengelernt? Oder hatten Sie keine Zeit?

Ja, doch. Ich war dann ja noch zwei, drei Tage länger da. Ich war zum ersten Mal überhaupt beim Rugby. Was ich sehr, sehr cool fand. Dazu waren wir noch einmal beim Hockey und beim Beachvolleyball. Fand ich auch schön, denn wie oft hat man schon die Gelegenheit, bei olympischen Wettbewerben vor Ort zu sein, wenn es nicht gerade vielleicht im eigenen Land oder um die Ecke ist? Bevor es losging, waren wir einmal oben bei Christo. Das war auch sehr schön und etwas, was man mal gemacht haben muss, wenn man in Rio war. Aber dann gingen natürlich die Wettbewerbe los, und man interessiert sich eigentlich für nichts Anderes mehr als die Prüfung. Ich muss auch sagen, wenn ich eine Sache beeindruckend fand, dann war es die Freundlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft eigentlich von jedem, den ich getroffen habe. Das war schon toll. Selbst wenn man mit der Bahn unterwegs war und fragend auf die Anzeigetafeln geschaut hat, hat sofort jemand gefragt, ob man Hilfe braucht. Das war schon toll.

Welchen Platz bekommt die Medaille zuhause? Sie werden sie sicher nicht den Stall hängen, oder?

Nein (lacht). Im Stall staubt sie ja nur ein. Aktuell liegt sie bei mir auf einer kleinen Anrichte neben Fotos und Erinnerungen. Diese Medaille ist meine hoffentlich erste olympische Medaille und hat eine etwas bittersüße Erinnerung. Ich habe schon gesagt, die Zeit in Rio war im Prinzip meine beste und meine schlimmste Woche, die ich im Sport so bisher erlebt habe. Daher kann ich im Moment nur sagen, dass ich froh bin, dass olympische Spiele nur alle vier Jahre stattfinden. Aber trotzdem macht es natürlich irgendwie Hunger auf mehr. Das Verlangen, es nochmal zu beweisen und wirklich zu beweisen, dass man da abliefern kann, ist schon da. Daher ist so eine Medaille für die Ewigkeit und natürlich schon etwas sehr, sehr Besonderes.

Inwiefern werden diese Spiele in Rio Ihre weitere sportliche Karriere beeinflussen? Wie planen Sie die nächsten vier Jahre bis Tokio?

Jetzt im Moment muss ich mich einfach darauf konzentrieren, dass Sam und ich wieder unsere „normale“ Form finden. Sicherlich müssen wir auch im Hinblick auf ein Championat im nächsten Jahr doppelt beweisen, dass wir zuverlässig sind. Dass man natürlich doppelt hinschaut. Dementsprechend werde ich mir erst mal keinen Druck machen, sondern schauen wie es geht und das Pferd reagiert. Fürs nächste Jahr bleibe ich erst mal entspannt. Ich muss auch sagen, dass das schon mit allem Drumherum eine sehr spezielle Erfahrung war, die man auch erst mal so verdauen muss. Weil natürlich Europameisterschaften, die im nächsten Jahr anstehen würden, wesentlich weniger mediale Begleiterscheinungen haben. Langfristig habe ich drei sehr gute Pferde, die in Tokio zehn, 12 und 14 Jahre alt wären. Mein Ziel wäre, mit drei guten, qualifizierten Pferden 2020 dazustehen und dann schon nochmal einen Vorstoß zu wagen. Aber ich denke mal, dass sich über die nächsten vier Jahre mit drei Championaten hoffentlich Stabilität in den Championaten und im Team einstellt. Und man hoffentlich mit Richtung nächste olympische Spiele einfach erfahrener ist und das alles besser einschätzen kann, was da auf einen zukommt.


Julia Krajewski wurde am 22. Oktober 1988 in Langenhagen geboren. 1994 kam sie mit ihrer Familie (Vater Paul, Mutter Christina und die zwei jüngeren Schwestern Greta und Clara) ins Emsland. Ihr Abitur machte sie in Lingen.

Im Urlaub saß sie zum ersten Mal auf dem Pferd. Im Alter von fünf Jahren ritt sie regelmäßig. Krajewski ist nicht Berufsreiterin. Vormittags verrichtet sie in Warendorf bei der FN Büroarbeit. Nachmittags kümmert sie sich um fünf Pferde. Den täglichen Trainingsaufwand schätzt sie auf fünf Stunden. Sieben Tag in der Woche beschäftigt sie sich mit dem Reiten. Zudem ist sie seit mehreren Jahren als Bundesnachwuchstrainerin unterstützend tätig. Gut 30 Stunden der Wochen widmet sie sich dem Training. Im Stall wird sie beim Füttern und Ausmisten unterstützt.

Obwohl Julia Krajewski seit mittlerweile neun Jahren in Warendorf lebt und arbeitet, startet sie weiterhin für den RuFV Lingen. „Ich finde, dass der Bezirksverband viel macht für seine Reiter. Und die Sportförderung ist immer noch einmalig. Deshalb starte ich immer noch gerne fürs Emsland“, sagt sie.

In einem Steckbief ihres Vereins gab Krajewski einst an, was sie tue, wenn sie nicht reite: Lesen, Fernsehen, Kino, Feiern, Ausschlafen. Das meiste trifft heute noch zu. „Feiern ist ein bisschen weniger geworden“, lacht sie. Leider habe sie neben den Pferden wenig Zeit für andere Hobbies. „Es dreht sich einfach alles um die Pferde und bleibt nicht viel Zeit für anderes.“

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