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Prozess gegen Geschäftsführer Hero-Glas: Anklage wegen fahrlässiger Tötung

Von Dirk Fisser | 13.09.2013, 07:30 Uhr

Starb ein Auszubildender bei Hero-Glas im emsländischen Dersum, weil sein Chef aus Kostengründen Sicherheitsvorkehrungen an Maschinen demontieren ließ? Diesen Verdacht hegt die Staatsanwaltschaft und hat deswegen Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen den Geschäftsführer und vier weitere Führungskräfte erhoben. Ebenfalls angeklagt: Ein Beamter des Gewerbeaufsichtsamtes. Er soll versucht haben, die Manipulation zu vertuschen. Am Dienstag beginnt der Prozess.

Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärte der Geschäftsführer unter Verweis auf das laufende Verfahren, man wolle sich nicht zu den Anschuldigungen äußern. Die Prozessankündigung des Landgerichtes Osnabrück gibt allerdings detailliert Einblick, was den Beschuldigten vorgeworfen wird.

Demnach liegt der eigentliche Unfall bereits mehr als drei Jahre zurück: Am 20. Juli 2010 beugte sich der 20-jährige Lehrling nach den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft kopfüber in eine Schleifmaschine für Glas - vermutlich wollte er die Gerätschaft warten. Der junge Mann wurde dabei erfasst, zerquetscht und wenig später tot aufgefunden.

Zu diesem Unglück hätte es nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nie kommen dürfen: Eine Lichtschranke hätte die Maschine normalerweise genau in dem Moment abstellen sollen, als der Azubi seinen Oberkörper in den Gefahrenbereich beugte. Die Sicherheitsvorkehrung war nach den Ermittlungsergebnissen aber demontiert worden.

Hätte Unglück verhindert werden können?

Nicht nur an dieser Maschine, sondern an allen 40 bis 60 gleichartigen Geräten in der Dersumer Werkshalle, ist der Vorschau des Landgerichtes Osnabrück zu entnehmen. Warum? Bei jeder Sicherheitsabschaltung der Maschine - ausgelöst durch die Unterbrechung der Lichtschranke - wäre die jeweilige Glasplatte im Schleifgerät unbrauchbar geworden. Sollten durch die Demontage der Lichtschranke also Zeit und Kosten gespart werden?

Auf der Anklagebank müssen der Geschäftsführer von Hero-Glas , ein Prokurist, der Geschäftsführer einer Unterfirma sowie der Leiter der Instandhaltungsabteilung und der Ausbilder des Verstorbenen Platz nehmen. Geschäftsführer und Prokurist sollen die Demontage der Lichtschranken angeordnet, alle fünf Angeklagte von der damit verbundenen Lebensgefahr gewusst haben. Deswegen müssen sie sich jetzt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung verantworten. Im Falle einer Verurteilung droht ihnen eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

In einem Parallelverfahren ist ein Beamter des Gewerbeaufsichtsamtes wegen versuchter Strafvereitlung angeklagt. Der Papenburger soll für die Untersuchung des Unfallhergangs von behördlicher Seite aus verantwortlich gewesen sein. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft hat er von der Manipulation der Maschinen in Dersum gewusst, diese aber gegenüber der Polizei und in seinen Unterlagen vertuscht.

Mehrfach soll der Emsländer in diesem Zusammenhang gelogen haben. Etwa gegenüber der Berufsgenossenschaft, der er demnach mitteilte: Die betreffende Maschine sei in Ordnung, eine weitere Untersuchung durch die Genossenschaft nicht erforderlich.

Alle Angeklagten müssen sich vor der 10. Großen Strafkammer des Landgerichtes Osnabrück verantworten. Ungewöhnlich: Da die meisten Verfahrensbeteiligten aus dem Emsland kommen, tagt das Gericht am Dienstag ab 9.15 Uhr in den Räumen des Amtsgerichtes in Papenburg. Es sind mindestens zwei Folgetermine geplant. Zudem gilt als wahrscheinlich, dass die parallel laufenden Verfahren gegen das Unternehmen und den Beamten zusammengelegt werden.

Die Firma Hero-Glas hat mehr als 250 Mitarbeiter und stellt an mehreren Standorten Standard- und Spezialglas her, beispielsweise auch für den maritimen Bereich.

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