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Leben von Gerhard Terhorst erforscht Auf Spuren eines Indianer-Missionars aus Wippingen

Von Gerd Schade | 08.06.2016, 22:02 Uhr

Dank der Hilfe des Familienforschers Ernst Bischoff aus Osnabrück hat Johann Tangen aus Wippingen die in der regionalen Heimatforschung bislang unbekannte Geschichte eines Wippingers nachgezeichnet, der im 19. Jahrhundert in die USA auswanderte und dort als hoch angesehener Geistlicher bis zu seinem Tod eine Indianermission betreute.

Die Spurensuche nach Pastor Gerhard Terhorst (1830–1901) beginnt in einem Sekretär aus dem Jahr 1880. Das Familienerbstück birgt jede Menge Unterlagen und alte Briefe. Mit dem Absender kann Johann Tangen, der sich sehr für Heimatgeschichte interessiert, im Gegensatz zu vielen anderen Vorfahren der Familien Tangen und Terhorst, die verwandtschaftlich miteinander verbandelt sind, zunächst wenig anfangen.

„Fast die gesamte Familie Terhorst ist nach Amerika ausgewandert“, weiß Tangen zwar. So zog es allein drei Geschwister des Pastors nach New Orleans. Die Spuren des Geistlichen müssen hingegen erst noch freigelegt werden.

Was Menschen auch aus dem nördlichen Emsland im 19. Jahrhundert in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten treibt, ist Ernst Bischoff zufolge nicht eindeutig klar. „Viele Menschen sehen keine Zukunft mehr in ihrer alten Heimat, sei es wegen Land- und Besitzlosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Arbeitslosigkeit, Ernte- und Teuerungskrisen“, erklärt Bischoff in seiner umfassenden Zusammenstellung seiner Forschungsergebnisse. Junge Männer habe vor allem die damals dreijährige Militärpflicht zur Auswanderung bewegt. Viele taten es Bischoff zufolge heimlich.

Der Familienforscher, dessen Resultate sich auf Archivrecherchen in Osnabrück, Nachforschungen bei einem Bistum in den USA und Durchforstungen im Internet stützen, fand heraus, dass Terhorst über Bremen auswanderte und Amerika im Jahr 1849 erreichte. Die weitere Spur führt in den US-Bundesstaat Michigan. Nach Theologiestudium und Priesterweihe beauftragt der dortige Bischof Frederic Baraga den Wippinger, sich als Pastor um die Indianer vom Stamm der Chippewa in der L’ Anse-Reservat im Nordwesten Michigans zu kümmern. Von dort ist es bis nach Kanada nicht mehr weit.

Wie Bischoff weiter berichtet, hatte der Bischof dort durch die Vermittlung des örtlichen Indianerhäuptlings Edward Assinins, den er als ersten in der Region getauft hatte, eine größere Anlage gekauft. Auf dem Areal werden später unter anderem ein Waisenhaus und eine Schule errichtet.

Zunächst habe sich Terhorst mit seiner Aufgabe nicht anfreunden können. „Er fühlt sich sehr einsam und würde die Indianer-Mission am liebsten verlassen“, erklärt Bischoff. Mit der Zeit aber sei ihm der Häuptling ein wichtiger Freund und Helfer geworden.

Der Erlös aus dem Verkauf einer Uhr, die ihm Bischof Baraga schenkte, ermöglicht es Terhorst, die Frachtkosten für das Gepäck von Ordensschwestern zu bezahlen, die ihm mit dem Segen des Bischofs fortan in der Missionsstation helfen. Aus Feldsteinen wird unter Terhorsts Leitung 1866 ein Kloster für die Schwestern erbaut. Sechs Jahre später lässt er eine Kirche errichten. In der Folgezeit kommen Internatsgebäude sowie eine weitere Kirche hinzu.

Aus den Briefen, die Johann Tangen in dem alten Sekretär aufgestöbert hat, geht hervor, dass Pastor Terhorst seine alte Heimat und die Familie nicht vergessen hat. In einem Brief an seine „Teuerste Mutter“ vom September 1869, dessen Abschrift unserer Redaktion vorliegt, berichtet der von ihr „so lange beweinte Sohn“ unter anderem davon, dass sie durch einen Bericht bereits erfahren habe, „wie es mir jetzt geht unter den Indianern (Wilden)“. Immer wieder entschuldigt sich Terhorst, warum er lange hat nichts von sich hören lassen. Zugleich versichert er, seine Familie nicht vergessen zu haben, bittet aber auch um Verständnis: „So darf ich nochmals um Verzeihung bitten und mich um meine armen Indianer kümmern.“

1887 nimmt Terhorst seinen jüngsten Bruder Lukas mit Familie, Johann Bernhard Tangen mit Familie sowie Heinrich Voskuhl in der Missionsstation auf. Sie waren mit dem Schiff „Trave“ in die USA ausgewandert.

Terhorst „überwacht Schule und Mission mit wachsamer Fürsorge und väterlicher Güte“, beschreibt Ernst Bischoff den Führungsstil des Geistlichen. Er sei „durch und durch ein Indianer-Missionar und wehe dem, der in seiner Anwesenheit die Indianer schlecht zu machen wagt“. Der Wippinger habe die Sprache der Chippewa vollständig beherrscht und ganz für „seine Indianer“ gelebt.

Im Alter von 71 Jahren stirbt Gerhard Terhorst. Beigesetzt wird er auf dem Friedhof von Assinins. Im Brief eines Indianermädchens über den Pastor ist nachzulesen: „Er pflegte seine Ärmel aufzurollen und mit den Indianern zu arbeiten.“

Ernst Bischoff und Johann Tangen würden sich wünschen, dass das Andenken an Pastor Gerhard Terhorst auch in seiner Heimat Wippingen in Ehren gehalten wird.