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Hamburger Fremdenblatt von 1921 Heeder finden 96 Jahre alte Zeitung in antikem Stuhl

Von Maike Plaggenborg, Maike Plaggenborg | 25.04.2017, 09:08 Uhr

Elisabeth und Heinz Plogmann aus Heede haben einen antiken Stuhl gekauft und damit auch eine fast 100 Jahre alte Ausgabe des Hamburger Fremdenblattes bekommen. Sie verbarg sich in der Sitzfläche und ist Zeugnis einer besonderen Zeit. Die Plogmanns suchen nun einen würdigen Besitzer für die Zeitung.

„Was sollen wir privat damit?“, fragt sich Heinz Plogmann, bevor sein Kopf abermals in der fast 100 Jahre alten Zeitung versinkt. Zeile für Zeile fährt er die Worte mit dem Finger ab. Die Schrift ist sehr klein, die Buchstaben kleben mitunter aneinander. Alles ist in Fraktur, also in altdeutscher Schrift, verfasst. Doch der Bann der Vergangenheit wirkt. „Was da alles drinsteht!“, sagt Elisabeth Plogmann. „Das ist tagesfüllendes Programm, wenn man das lesen will.“ Die Titel der kleinen Texte sind Zeugnis einer so ganz anderen Zeit. „Bekanntmachung über die Wochenzuteilung des Kriegsversorgungsamtes“ etwa. 1900 Gramm Brot gab es damals und 200 Gramm „Auslandshaushaltsmehl“.

Kaffee, Brillanten oder 100 getragene Hosen

Ein Artikel verkündet: „Reichsrat gegen weibliche Geschworene und Schöffen“ und beschäftigt sich mit dem Standpunkt, „dass Frauen sich grundsätzlich nicht zum Richteramt eignen“. So steht es geschrieben. Der „Drahtbericht unseres Vertreters“, also das Telegramm eines Diplomaten, ist getitelt mit „Die Balkanisierung Oberschlesiens – Der Entwaffnungsschwindel“. Aber nicht nur die Berichte katapultieren den Leser in die Vergangenheit, sondern auch die Kleinanzeigen und die Werbung: der Verkauf von Pinsel- und Bürstenwaren oder auch Lycopodium aus der „diesjährigen Ernte“ – außerdem Kaffee, Pelze, Brillanten, Schokolade. Leser boten in den Rubriken Leder und Kontor, Musik, Fahrzeuge und Kleidung unterschiedliches an, 100 Stück getragene Hosen beispielsweise oder auch Gummianzüge.

Elisabeth Plogmann hat die Zeitung lesbar gebügelt

Dass die Zeitung überhaupt lesbar wurde, dafür hat Elisabeth Plogmann selbst gesorgt. Die vergilbten Seiten hat die 67-Jährige gebügelt. Manch kleine Ecke ist dabei abhandengekommen. Manche Knicke haben hartnäckig die Stellung gehalten. Sie riecht nur aus nächster Nähe leicht muffig. Sie fühlt sich nicht porös an, und trotzdem entsteht der Drang, die Zeitung wie ein frisch geschlüpftes Küken zu behandeln.

Dabei hat das Blatt bisher einiges ausgehalten und verdient seinen Namen Druck-Erzeugnis auf doppelte Weise. Das Hamburger Fremdenblatt befand sich mindestens seit dem 15. Juli 1921 in der Sitzfläche des antiken Stuhls, den der Restaurator Mario Meyer auf ein Alter von 150 bis 200 Jahren schätzt. „Die Zeitung war da reingestopft. Das kam mir vor wie Füllmaterial“, sagt der Neuleher. Er hat das „Schätzchen“ darin gefunden und flugs bei den Plogmanns, die ihn beauftragt hatten, abgeliefert. Warum die Feuchtigkeit dem Papier nicht stärker zugesetzt hat? „In der Sitzfläche war ein Brett, dann die Zeitung, darüber noch Rosshaar. Das zieht die Feuchtigkeit“, erklärt Meyer. Die letzte Schicht bildete das Leder.

„Wer gut bezahlt, kann sie haben“, scherzt Heinz Plogmann

Allem Bann zum Trotz: Die Plogmanns sind bereit, das einst zerknüllte Zeitdokument abzugeben. „Wer gut bezahlt, kann sie haben“, scherzt der 73-jährige Heinz Plogmann. Selbstverständlich geben die Heeder die Zeitung gern kostenlos ab. „Vielleicht ist das für den Herausgeber in Hamburg interessant“ – für Heinz Plogmann die beste Variante, das Blatt an den Mann zu bringen. Albert Broschek ist der Name, der auf dem Fremdenblatt als Herausgeber mit der Hamburger Adresse Große Bleichen 38-50 angegeben ist. Dort ist die Geschichte des früheren Verlags und der Druckerei zuletzt verortet gewesen. Heute ist in dem expressionistischen Fritz-Höger-Bau à la Chilehaus das Vier-Sterne-Hotel Renaissance Hamburg beheimatet.

Stuhl war ein „Zufallsfund“

Warum der Stuhl bei den Plogmanns gelandet ist, wissen die Heeder auch nicht. Sie hatten ziemlich lange nach dem richtigen Exemplar mit der passenden Größe gesucht. Ein Hochlehner musste es sein. „Ich wollte drüber stolpern“, sagt Heinz Plogmann. Gefunden haben sie ihn in Ihrhove. „Das war ein reiner Zufallsfund“, sagt Ehefrau Elisabeth. Eigentlich hatten sie ein Möbelgeschäft in Ihrhove angesteuert, stießen dann aber auf einen Möbel-An- und Verkauf auf der anderen Straßenseite. Die Händler können nicht viel über die Herkunft des Stuhls sagen. „Er stand ein paar Jahre im Keller“, berichtet Robert Laubinger, der für den Handel und zusätzlich das Baudienstleistungsunternehmen seiner Ehefrau oft in Hamburg unterwegs ist. Dort hatte er den Stuhl bei Kunden entdeckt. So passiert es ihm häufiger. Wo der Stuhl nun verbleibt, steht fest. Nur die Zeitung braucht nun noch eine Bleibe. Andernfalls, so sagt Heinz Plogmann: „Wegwerfen können wir sie ja immer noch“.