Auslandspraktikum Heeder Tischlerei schickt ihren Lehrling nach Italien

Vor und auch jetzt nach dem Praktikum können Azubi Joel Suhlmann (links) und sein Chef Reinhard Wilkens gut zusammenarbeiten. Foto: Maike PlaggenborgVor und auch jetzt nach dem Praktikum können Azubi Joel Suhlmann (links) und sein Chef Reinhard Wilkens gut zusammenarbeiten. Foto: Maike Plaggenborg

Heede. Drei Wochen Italien: Was nach Urlaub klingt, war für den Tischlerlehrling Joel Suhlmann viel mehr als das. In seinem dritten Lehrjahr in der Tischlerei Wilkens in Heede erlaubte ihm sein Chef, ein Auslandspraktikum in Vicenza zu machen. Beide profitieren davon.

Joel Suhlmann hatte es nicht etwa mit New York, wie es Udo Jürgens einst in seinem Hit besungen hat. „Ich war noch nie in Italien“, sagte sich der angehende Tischler, als er durch einen Zeitungsartikel auf die Möglichkeit stieß, während seiner Lehre ein Praktikum im Ausland machen zu können – vermittelt durch die Handwerkskammer Oldenburg. Irland, England und Malta wären auch Optionen gewesen. Aber die ließ er links liegen. Suhlmann landete in Vicenza. Wegen der Architektur, der Baukunst und auch der Nähe zu Venedig. „Atemberaubend“ sagt er und kommt direkt wieder ins Schwärmen.

Padua, Mailand, Verona und Venedig

Er besuchte Padua, Mailand, Verona und Venedig, das nur 60 Kilometer von Vicenza entfernt ist. Er machte Abstecher in Bars, Museen und in die Berge. Alles bei T-Shirt-Wetter. Für Suhlmann aber gab es nicht nur „Dolce Vita“ – das süße Leben, sondern er musste auch arbeiten. In einem Familienbetrieb machte der 21-Jährige Holzfensterbau, auch mithilfe automatisierter Fräsenmaschinen und Küchenbau. Besonders war für ihn das Restaurieren von alten Möbeln. Was er von dem Aufenthalt hauptsächlich mitgenommen hat? „Erfahrungen über Menschen“, sagt Suhlmann und dass es Unterschiede gebe, etwa in der Kommunikation und der Lebensart. Die war entspannter, aber „die konnten genauso ranklotzen, wie wir“, sagt er über seine italienischen Kollegen. Auch vom technischen Know-how und der Ausstattung sei es ähnlich wie in Deutschland gewesen.

Das Praktikum kostet die Betriebe Geld

Während im Norden Italiens eine Kraft hinzukam, fehlte eine im Emsland. „Das kostet ja auch Geld“, sagt Suhlmanns Chef Reinhard Wilkens, aber das war es ihm wert. „Ich möchte, dass der Auszubildende nach innen und nach außen trägt, dass der Beruf klasse ist.“ Außerdem steigere das Praktikum die Motivation nach der Rückkehr, aber auch die Attraktivität für folgende Azubis. „Es gibt Betriebe, die verschenken Roller zum Ausbildungsbeginn“, sagt Wilkens, der solche massiven Probleme allerdings nicht kennt, wenn es darum geht, geeignete Bewerber für seine Firma zu finden.

Für Studierende selbstverständlich

Suhlmann kritisiert, dass die Auslandspraktika für Azubis zu wenig bekannt sind. „Für Studierende ist ein Auslandspraktikum schon fast selbstverständlich geworden“, teilt Martina Arndt, Sprecherin der Handwerkskammer Oldenburg mit. Sie hat 2016 34 Auszubildende – darunter den Weeneraner Joel Suhlmann – und frisch abgeschlossene Gesellen für Aufenthalte nach Italien, Frankreich, Irland, England, Malta und Österreich vermittelt. Die Betriebe erhalten dafür keine finanzielle Unterstützung von der Kammer, sie profitieren aber von der Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute. Das Praktikum steigere die Selbstständigkeit und das Engagement. Die Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim dagegen hatte noch bis vor circa vier Jahren Aufenthalte in Tschechien und Frankreich organisiert. Nach Angaben von Pressesprecher Andreas Lehr haben sich die Partnerorganisationen nach und nach zurückgezogen. Das sei auf die unterschiedlichen Ausbildungssysteme zurückzuführen. Aber auch die Anfragen von Azubis seien sehr gering gewesen und die Sprachbarriere groß.

Suhlmann hat weitere Pläne

Wilkens jedenfalls erfährt Dankbarkeit von seinem Lehrling. Und das steigere die Bindung, sagt er. Die allerdings ist bei Suhlmann bereits befristet. Wilkens kann auf eine langfristige Gesellenstelle nicht hoffen, erzählt der Tischlereiinhaber. Sein Lehrling hatte von Anfang an andere Pläne. Während der Ausbildung stellte er fest, dass er Berufsschullehrer werden möchte. Suhlmann, der nun im dritten Lehrjahr ist, wird im Oktober Holztechnik und Politik studieren, vielleicht nun auch mit einem Auslandsjahr. Seine Kontakte nach Italien jedenfalls sind noch aktiv.


Die über die Handwerkskammer Oldenburg vermittelten Auszubildenden erhalten für das Praktikum eine Förderung aus dem EU-Förderprogramm Erasmus plus, um die anfallenden Kosten für Hin- und Rückreise, Unterkunft und Verpflegung teilweise zu decken. Grundvoraussetzung ist eine Freistellung vonseiten des Betriebes und der Berufsschule. Das Mindestalter beträgt 18 Jahre. Auszubildende können nach Paragraph 2 Absatz 3 des Berufsbildungsgesetzes bis einem Viertel der Lehrzeit im Ausland verbringen, sofern es dem Ausbildungsziel dient.

Die Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim verfügt nicht über eigene Kooperationen mit Parnterorganisationen, berät aber bei der Vermittlung von Praktika.

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