Ems-Achse und Hochschule helfen Neulehe: Vom Studienabbrecher zum Auszubildenden


Neulehe. Vom Maschinenbau-Studium in Wilhelmshaven zur Elektroniker-Ausbildung in Neulehe – diesen Schritt hat Georg Becker nach zehn Semestern vollzogen. Unterstützt wurde der 27-jährige Studienabbrecher dabei vom Wirtschaftsnetzwerk Wachstumsregion Ems-Achse.

Mit dem Projekt „Erfolgreich 2.0“ vermittelt die Ems-Achse gemeinsam mit der Hochschule Emden/Leer Studienabbrecher in eine (duale) Berufsausbildung. „Ziel ist es, kleine und mittlere Unternehmen bei der Rekrutierung von Auszubildenden zu unterstützen“, erklärt Birte Wiegratz, die das Projekt bei der Ems-Achse leitet. Sie stellte auch den Kontakt zwischen Becker und dem Neuleher Familienunternehmen Elektro Radtke her, bei dem sich der 27-Jährige seit seinem Ausbildungsbeginn am 1. August nach eigenem Bekunden sehr wohl fühlt.

Die Reißleine gezogen

Für sein Studium galt dies nicht mehr, wie der Dornumer im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt. Nach zehn Semestern Maschinenbau-Studium mit der Fachrichtung Produktionstechnik an der Fachhochschule Wilhelmshaven habe ein Praxissemester den entscheidenden Ausschlag gegeben. Während dieser Zeit, die er beim VW-eigenen Zulieferer Sitech (Sitztechnik) in Emden absolvierte, sei ihm endgültig klar geworden, „dass ich beruflich nicht auf Dauer am Schreibtisch sitzen wollte“, sagt Becker. Also zog der Ostfriese die Reißleine. „Ich war scheinfrei und hätte nur noch meine Bachelor-Arbeit schreiben müssen.“

Unkompliziert und unbürokratisch

Das ließ er aber bleiben und schlug stattdessen einen anderen Weg ein. Über einen Zeitungsartikel wurde auf das Jobstarter-Projekt der Ems-Achse aufmerksam und ergriff selbst die Initiative. „Ich wollte etwas im handwerklichen oder gewerkschaftlich-technischen Bereich machen“, erklärt Becker. Birte Wiegratz vermittelte ihm daraufhin zunächst ein zweiwöchiges Praktikum bei Elektro Radtke – ganz unkompliziert und unbürokratisch, wie sie sagt. In dieser Zeit half Becker unter anderem beim Verlegen von Leitungen in landwirtschaftlichen Ställen, arbeitete im Kundendienst mit und wurde in Neubauten eingesetzt.

Das Praktikum mündete schließlich in eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Georg Becker ist mit seinem Neuanfang „sehr zufrieden. Ich bin froh, dass ich hier bin. Es war genau der richtige Schritt.“

Keine Extrawürste

Seniorchef Wilhelm Radtke weiß seinen neuen Auszubildenden zu schätzen. Davon abgesehen, dass es ohnehin zunehmend schwieriger sei, gute Azubis zu finden, profitiere das Unternehmen von der Reife und Erfahrung des 27-Jährigen. „Georg hat sich super integriert“, sagt Radtke. Extrawürste würden für ihn aber nicht gebraten. Das Unternehmen beschäftigt rund 30 Mitarbeiter, davon zehn Auszubildende, und ist in einem Radius von rund 100 Kilometern um Neulehe tätig. „Ausbildung ist unsere Stärke“, betont der Seniorchef und verweist unter anderem darauf, dass der Betrieb jeden Montag von 19 bis 21 theoretischen Zusatz-Unterricht anbietet – auf freiwilliger Basis. „Georg Becker ist immer dabei“, betont Radtke.

Nur mit Praktilum

Sein Unternehmen hat zum ersten Mal einen Studienabbrecher in seinen Reihen. „Wir würden wieder einen nehmen“, sagt Radtke. Voraussetzung sei allerdings ein Praktikum, damit beide Seiten wüssten, auf was und wen sie sich einlassen.

Wie Birte Engelberts von der zentralen Studienberatung der Hochschule Emden/Leer erläutert, brechen bundesweit rund 40 Prozent der Studierenden ihre Hochschulausbildung vorzeitig ab. „Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich“, sagt sie. Bei der Beratung ginge es darum, zu vermeiden, dass die Betroffenen in die nächste Abbruchsituation stürzen. „Unsere Kernbotschaft ist, dass es noch gute Alternativen zum Studium gibt und es auch mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung Aufstiegsmöglichkeiten gibt“, erklärt Engelberts.

Birte Wiegratz zufolge wurden im Rahmen des Projektes, das seit Februar 2015 läuft und auf drei Jahre angelegt ist, bislang bis zu 25 Studienabbrecher in Ausbildungsbetriebe vermittelt, die meisten davon in Ostfriesland. „Wir sind stark vernetzt – unter anderem mit der Agentur für Arbeit, der Industrie- und Handelskammer und Handelskammer“, sagt Wiegratz.


Studienabbrecher als Auszubildende gewinnen – das ist das Ziel des Projektes „Erfolgreich 2.0“, das die Wachstumsregion Ems-Achse und die Hochschule Emden/Leer partnerschaftlich umsetzen. Es ist eines von derzeit 18 sogenannten Jobstarter-Plus-Projekten, mit denen das Bundesbildungsministerium durch Förderung regionale Ausbildungsstrukturen verbessern will. Finanziert wird es aus dem Bundeshaushalt sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union. Die Laufzeit für das Projekt beträgt drei Jahre. Sie endet im Januar 2018. Weitere Infos gibt es unter www.emsachse.de .

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