Zur Abholung angeordnet Dörpen gedenkt Euthanasie-Opfer Johannes Eissing mit Stolperstein

Von Jürgen Eden

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Dörpen. Was ist aus dem acht bis neun Jahre alten Kind Johannes Eissing geworden? Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Da er als geistig behindert galt, wurde er mit hoher Wahrscheinlichkeit 1942 oder 1943 Opfer der Kinder-Euthanasie im Dritten Reich. Am Dienstag, 18. Oktober 2016, soll für ihn um 15.30 Uhr ein Stolperstein an der Dörpener Hauptstraße gesetzt werden.

Nur die Kopie einer Geburtsurkunde erinnert an die Existenz des kleinen Jungen. Ein Foto gab es nicht. Vor einigen Jahren hatte der ehemalige Dörpener Bürgermeister Hermann Wacker erstmals von der traurigen Geschichte gehört. „Das hat mich einfach nicht losgelassen. Ich wollte etwas über sein Schicksal erfahren“, sagte Wacker.

Die Geburtsurkunde besagte, dass der Junge Eissing am 11. Dezember 1934 geboren wurde. Sein Vater war zunächst Postbeamter und später beim Wasser- und Schifffahrtsamt tätig. Seine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. In einem Interview mit Wacker berichtet eine Zeitzeugin , dass der Elf- oder Neunjährige 1942 oder 1943 mit einem Auto von einem Mann und einer Frau abgeholt wurde. Bei der Frau soll es sich um eine Rot-Kreuzschwester gehandelt haben. Üblich war es, dass die Eltern meistens vom Gesundheitsamt informiert wurden. Denn auch die nationalsozialistischen Euthanasiemorde wurden wie viele andere Verbrechen auch, perfide vorbereitet und durchgeführt.

Name des Jungens in keiner Einrichtung aufgeführt

Wissenschaftlicher gehen davon aus, dass es in Deutschland zwischen 30 bis 40 sogenannte Kinderfachabteilungen gab. Mindestens 5.000 Kinder wurden dort umgebracht. Das geschah durch Nahrungsmittelentzug oder durch Medikamentengabe, die zu Krankheiten wie beispielsweise Lungenentzündungen führten. „Ich habe verschiedene Einrichtungen kontaktiert, in die Johannes damals verbracht werden konnte“, so Wacker weiter. Allerdings wurde sein Name nirgendwo geführt. Das ist nach Wackers Einschätzung ein Zeichen, dass Johannes sofort nach seinem Eintreffen umgebracht wurde.

Denn die Ämter klassifizierten Kinder mit Behinderungen. Das Kürzel B stand für Beobachtung und führte zunächst zur Einweisung. Der Tarnbegriff „Behandlung“ stand für die Tötung. Johannes hatte nach den Recherchen Wackers auch eine Zwillingsschwester. Die hatte Glück: Denn an jenem Tag, an dem die beiden Kinder abgeholt werden sollten, hatte eine Dörpenerin – vermutlich die damalige Kindergartenleiterin – das Mädchen und andere Kinder zum Spielen mitgenommen in den Dünenwald. Um Aufsehen in der Bevölkerung zu vermeiden, hatten die Insassen des Fahrzeugs auf weitere Maßnahmen verzichtet und Johannes aus dem Elternhaus geholt, dass sich damals an der Hauptstraße zwischen dem Eiscafé und der Pizzeria befand.

Aktion des Künstlers Günther Demming

Das Haus wurde Mitte der 1980er Jahre abgerissen. Die verbliebenen Familienangehörigen hatten Dörpen verlassen. Zeitzeugen berichteten, dass das Schicksal von Johannes während der Nazi-Diktatur viele Dörpener bewegte. Allerdings traute sich niemand, offen darüber zu sprechen, denn auch ihnen drohte bei Nachfragen Verfolgung. Inzwischen gibt es die Aktion „Stolpersteine“ vom Künstler Günther Demming. Die Steine, die auf der Oberseite kleine Metallplatten mit den Namen der Opfer tragen, verlegt er vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster. Das Projekt hatte sich mit 40.000 Steinen im Juli 2013 in rund 820 deutschen und 200 ausländischen Städten zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. Die Aktion beginnt in Dörpen um 15.30 Uhr und wird im Rahmen einer ökumenischen Andacht von vielen Kindern und Jugendlichen, der Kirche, dem Heimatverein sowie Vertretern der Gemeinde begleitet.


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