Arbeitslos mit 54 Vom Techniker in Aschendorf zum Pfleger in Neubörger

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Nicht nur Körperpflege und Medikamentenvergabe gehören zu Gerhard Polls Aufgaben, sondern auch, aus der Zeitung vorzulesen. Foto: Maike PlaggenborgNicht nur Körperpflege und Medikamentenvergabe gehören zu Gerhard Polls Aufgaben, sondern auch, aus der Zeitung vorzulesen. Foto: Maike Plaggenborg

Neubörger. Vom Techniker zum Altenpfleger: Gerhard Poll aus Aschendorf war 36 Jahre lang Textilveredler bei den Ado-Gardinenwerken und wird Ende 2013 mit 54 Jahren arbeitslos. Jetzt pflegt Poll alte Menschen.

Ende 2013 wurde es sehr unruhig in Gerhard Polls Leben. Die Insolvenz der Ado-Gardinenwerke kündigte sich an. Stressig sei es zu der Zeit gewesen. „Man konnte das Schiff sinken spüren.“ 1979 startet er in Aschendorf mit der Ausbildung, wird Geselle, dann Meister, ab 1986 Schichtmeister. Dann kommt das Ende für Poll. Mit 54 wird er nach 36 Jahren arbeitslos. Sein erster Job nach der Entlassung: Fließbandarbeit in einer Verpackungsfabrik. „Das war nicht so mein Ding“, sagt Poll.

Zwei Vorstellungsgespräche nach 78 Bewerbungen

78 Bewerbungen verschickt der Aschendorfer in der ganzen Region. Zwei Vorstellungsgespräche kommen dabei herum, auch ein Probearbeiten. Das war´s. Immer wieder bekommt er positive Rückmeldung wegen seiner guten Unterlagen, die ihm nie zurückgeschickt werden. Ob der Misserfolg an seinem Alter liegt, kann er nicht sagen. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz darf das auch kein offizieller Ablehnungsgrund sein. „In einem Fall wurde einer genommen, der 15 jünger ist, als ich“, erinnert sich Poll. Die genauen Hintergründe aber sind unklar, denn auch die Qualifikation zählt. Eine Ablehnung nämlich kassiert Poll, als er sich als Gehilfe bewirbt - überqualifiziert.

Arbeitslosigkeit als Hemmnis

Der Weg zur Agentur für Arbeit bringt schließlich den Wechsel. „Seit zwei, drei Jahren sprechen wir das Thema in Beratungen an“, sagt Hubert Veenker, Arbeitsvermittler vom Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Papenburg und meint, dass Arbeitslose aus Polls Altersklasse zunehmend im pflegerischen Bereich untergebracht werden sollen. „Wir haben Pflegenotstand im Emsland“, sagt Veenker, und der Arbeitsmarkt für Ältere sei schwierig . Die Arbeitslosigkeit an sich sei ein Hemmnis. „Viele haben Angst in die Agentur zu gehen und fragen sich ‚Was passiert jetzt mit mir?‘“ Die Bereitschaft, zu wechseln, sei nicht groß, sagt Veenker. Der Mensch muss sich öffnen.

Gerhard Poll ist „ein Glücksgriff“

Poll hat sich geöffnet. Von Anfang an. „Es gibt auch keine Alternativen“, sagt der 54-Jährige, der wegen des Einkommens seiner Ehefrau auch keinen Anspruch auf Hartz IV gehabt hätte. „Das bedeutet viel Mut“, sagt Birgit Langen, die Inhaberin des Pflegedienstes Angelus aus Neubörger und Polls neue Chefin ist. Sie ist froh über Polls Schritt. Er sei zuverlässig, sehr verantwortungsbewusst und einfühlsam. „Er kommt gut an. Er ist ein Glücksgriff“, sagt Langen, die schon jetzt darauf hofft, dass Poll ihr als Rentner auf 450-Euro-Basis erhalten bleibt. Dabei ist der Aschendorfer erst seit Anfang April dabei. Vor gut einem Jahr beginnt er seine neunmonatige Qualifizierung zum Pflegeassistenten mithilfe der Agentur für Arbeit. Dazu gehören drei Praktika, die jeweils zwei Monate dauern. Poll ist seit Kurzem außerdem Fachkraft für Gesundheits- und Sozialdienstleistungen - mit IHK (Industrie- und Handelskammer)-Prüfung - Abschlussnote: sehr gut.

Körperpflege und Karten spielen

Alle Seiten profitieren. Arbeitgeber, die Menschen mit dieser Qualifikation einstellen, bekommen Veenker zufolge zusätzlich einen Eingliederungszuschuss für die neuen Kräfte, weil sie „fachfremd“ sind. Langen dagegen schätzt die Lebenserfahrung, die Poll mitbringt. „Ich habe die Altersklasse schon vorher für mich entdeckt“, sagt sie. Acht Mitarbeiter hat sie, vier davon sind älter als 50, kommen allerdings beruflich gesehen aus dem näheren Umfeld der Pflege. Und Poll bringt die Betreuung der Menschen große Freude, auch wenn er im jetzigen 35-Stunden-Job weniger verdient. Körperpflege, Karten spielen und „Platt proten“ - Plattdeutsch reden - darum geht es. Für ihn ist alles gleichermaßen selbstverständlich. „Wir werden ja alle mal alt.“


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