Intensivpädagogisches Angebot Johannesburg Surwold gewährt Einblick in Wohngruppe


jed Neubörger. Eine lang gezogene Pflasterstraße führt durch ein Wohngebiet von Neubörger direkt zu einem großen Haus aus den 1970er-Jahren. Es steht auf einem eingezäunten Areal mit einer weit geöffneten Pforte am Ende der Wohnsiedlung. Die pädagogischen Mitarbeiter Jörg Pruin und Martin Schmees geleiten mich hinein. Rap-Musik hallt über den Flur. Eine Mischung von Duschgel und Schweiß steigt mir in die Nase.

„Wir haben den Jungs erzählt, das heute ein Reporter von der Zeitung kommt“, sagt Pruin. „Das sorgt natürlich für Unruhe und stört den ganz klar strukturierten Abendablauf, der aus einfachen Regeln besteht“, erklärt der 40-Jährige. Seit vier Jahren ist er Erzieher in einer Intensivgruppe. Seine Arbeit mit dieser besonders auffälligen Zielgruppe sieht er als spannende Herausforderung zu seiner früheren Tätigkeit in einer Regelgruppe. Dort durfte er zumindest einfache Grundregeln voraussetzen. Hier ist vieles anders.

Pruin führt mich ins Esszimmer, wo zwei große Fenster mit Tageslicht den Raum erhellen. An einem großen Holztisch sitzen sechs Jugendliche. Der Tisch ist bereits gedeckt. Ungeordnete Rufe in Halbsätzen, unkontrolliertes Aufstehen und Platznehmen bestimmen den Moment. Einer der Älteren gibt einem neuen Mitbewohner den eindringlichen Rat, den Platz vom 19-jährigen John zu meiden. Sein Sitznachbar fordert eine Scheibe Brot ein. „Wir fangen gemeinsam an“, ermahnt Pruins Kollege Schmees. Ein 15-jähriger Jugendlicher überschüttet seinen Keramikbecher mit Milch und Kakaopulver, sodass sich eine Lache auf dem Tisch bildet. Unvermittelt verschwindet er. „Wer hat gleich noch Küchendienst?“, wirft einer der Jugendlichen in den Raum und lacht.

Die Gesprächsthemen wechseln beinahe im Sekundentakt. Dass jeder aß, sein Geschirr wegräumte und einige sich zum Abendsport in die Johannesburg abmeldeten, werten Pruin und Schmees schon als Erfolg. Das sind einige der einfachen Regeln, die in Neubörger genauso vorherrschen wie der regelmäßige Mahlzeitenbeginn oder die für jeden Bewohner geltende Reflexion des Tages zu einer festen Zeit.

Die Zahl von besonders auffälligen Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden nimmt seit mehreren Jahren deutlich zu. Entsprechend steigt auch in der Region der Bedarf an intensivpädagogischen Hilfen. Nach dem Prinzip Bindung, Beziehung und einfache Regeln helfen fachlich geschulte Sozialpädagogen und Erzieher der Johannesburg, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Geduld und konsequentes Verhalten sind Grundvoraussetzung für die Arbeit.

Einzelunterricht

Für viele Jugendliche und Heranwachsende ist das hier die letzte Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe. Eine enge Verzahnung zwischen Werkstätten, Sozialpädagogik und Psychologischem Dienst hilft dabei. So erfahre ich einiges über die unterschiedlichen Tagesabläufe der einzelnen Bewohner: Der 14-jährige Florian* bekommt derzeit für zwei bis drei Stunden am Tag Einzelunterricht durch einen speziell geschulten Pädagogen im Haus. Schon nach der kurzen Zeit wird er so unruhig, dass keine weitere Beschulung möglich ist. Andere Bewohner nehmen am Tag stundenweise am Schulunterricht im Berufsvorbereitungsjahr oder in einer Berufseinstiegsklasse in der Johannesburg teil oder sind zur Berufsorientierung in einer der Werkstätten in Surwold aktiv. Außerdem gibt es regelmäßigen Kontakt mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aschendorf oder dem hausinternen Psychologischen Dienst der Johannesburg.

Später erfahre ich mehr über die Hintergründe der Auffälligkeiten. So haben einige der Jugendlichen Erwachsene aus ihrem persönlichen Umfeld oft bisher nicht als Vorbilder kennenlernen können. Ganz im Gegenteil: Viele von ihnen erfuhren körperliche, psychische und sexuelle Gewalt oder sie wurden von ihren Erziehungsberechtigten beispielsweise wegen Alkohol- oder Drogenkonsums oder psychischer Probleme vernachlässigt. Starke Bindungsstörungen, hyperaktives Verhalten oder extreme Forderungen nach Aufmerksamkeit sind nur einige Auffälligkeiten, die sich anhand der bisherigen Erfahrungen der Jugendlichen entwickelten.

Fünf-Stufen-Plan

Systematisch werden in der Intensivpädagogik einfachste Dinge in fünf Stufen erprobt und täglich in einem Grundbogen erfasst und reflektiert. Der erste Schritt: Keine Beleidigungen, regelmäßige Körperpflege, aber auch Gruppenregeln einhalten und an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen. Akribisch führen die Erzieher täglich darüber Buch und vergeben mit den Werkstätten, Schulen und den Therapeuten Punkte. Jeden Abend wird das Verhalten anhand des Punktezettels gemeinsam mit den Bewohnern reflektiert. Eine Erhöhung der Anforderungen erfolgt in kleinen Schritten und nach den individuellen Möglichkeiten. Nicht die Fehler, sondern die Ressourcen stehen dabei im Mittelpunkt.

„Falsche Freunde“

Große Fortschritte macht derzeit der 19-jährige John*: Stolz berichtet er, seit zwölf Wochen in der Betreuungsstufe fünf, also in der höchsten zu stehen. „Mit so schnellen Fortschritten hat hier keiner von uns gerechnet“, resümiert Pruin. John stammt aus einer niedersächsischen Kleinstadt. Mit vielen „falschen“ Freunden hing er ab, verweigerte den Schulunterricht, trank bereits morgens Alkohol und nahm synthetische Drogen. Seine Sucht finanzierte er mit Diebstählen. Sein Vater wurde aufgrund eines Schlaganfalls zum Pflegefall, die Mutter war mit der Situation des pubertierenden und schulmüden Jungen überfordert. „Das ist nun vorbei“, sagt John und lächelt. „Wir schauen hier sehr intensiv auf die Ressourcen der Jugendlichen“, sagt Pruin.

John sucht den Blickkontakt zu mir und erzählt von seinen Begabungen und Neigungen: „Breakdance finde ich cool.“ Aber er beherrscht auch das Spiel mit dem Feuer. „Feuer, bist du etwa Feuerschlucker?“ will ich wissen. Er nickt. „Verbieten wäre der falsche Ansatz, denn in allem Verbotenen stecken bekanntlich Reize“, sagt Pruin. John berichtet, dass er diese Eigenschaft in einer anderen Einrichtung bei der Erlebnispädagogik gelernt habe, und fragt Pruin nach dem unter Verschluss stehenden Lampenöl. Draußen erhellt er mit zwei rotierenden Brennstäben seinen Nahbereich und bringt damit nicht nur seine Mitbewohner, sondern auch seine Erzieher zum Staunen. Später erzählt er von seinem Mountainbike, dass er sich selbst zusammengebaut hat. Diese Fähigkeiten will John künftig in seinem Beruf einbringen. Zurzeit absolviert er sein Berufsvorbereitungsjahr in der Kfz-Werkstatt der Johannesburg, wo er im kommenden Jahr eine Ausbildung machen möchte. In wenigen Tagen steht ein sogenanntes Hilfeplangespräch mit dem Jugendamt auf dem Terminkalender. Dann wird über seine Zukunft entschieden.

*Anmerkung der Redaktion: Da es sich um eine beschützende Einrichtung handelt, sind in dieser Veröffentlichung die Namen geändert und die Bilder zum Schutz der Jugendlichen unkenntlich gemacht worden.


Intensivpädagogik der Johannesburg

Die Intensivpädagogik der Johannesburg in Surwold ist ausgerichtet auf Jugendliche und Heranwachsende, die bisher in Regeleinrichtungen gescheitert sind.

Folgende Verhaltensauffälligkeiten können in verschiedenen Ausprägungen einzeln oder in Kombination festgestellt worden sein: unangemessenes, aggressives Verhalten, geringe Frustrationstoleranz, starke Bindungsstörungen, hyperaktives Verhalten, extremes Bedürfnis an Aufmerksamkeit, Schul- und Leistungsverweigerungen, massive Impulsdurchbrüche. Kennzeichnend für die Lebensläufe ist oft ein Psychiatrieaufenthalt.

Grundvoraussetzung für eine Aufnahme ist, dass sie pädagogisch erreichbar sind. Sie benötigen eine strukturierte und reizarme Umgebung.

Das pädagogische Konzept sieht vor, dass die Gruppe sich selbstständig versorgt. Durch Tätigkeiten wie Einkauf, Zubereitung von Mahlzeiten, Gestaltung der Räume und Außenfläche oder Wäschepflege werden Tagesstruktur und lebenspraktische Kenntnisse vermittelt. Auch erlebnispädagogische Ansätze, wie Klettertouren in der Natur oder Ferienfreizeiten auf dem Schiff „Gesine von Papenburg“ begleiten die intensivpädagogische Arbeit.

Der Betreuungsschlüssel beträgt 1:1, sodass pro Schicht zwei bis drei erfahrene und speziell ausgebildete Mitarbeiter vor Ort sind.

Eine zusätzliche Festigung erfolgt durch die Beschulung und Berufsausbildung in der Johannesburg.

Ziel ist es, die jungen Menschen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Menschen zu erziehen.