Erstes Treffen nach Stammzellspende Heederin rettet Blutkrebs-Patientin aus Hessen

Meine Nachrichten

Um das Thema Dörpen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

„Blutsverwandte“: Melanie Schaa (links) und Stefanie Röder. Foto: privat„Blutsverwandte“: Melanie Schaa (links) und Stefanie Röder. Foto: privat

Heede. Der Augenblick ist Emotion pur. Noch bevor Stefanie Röder den Klingelknopf an der Haustür von Familie Schaa in Heede drückt, kullern ihr die Tränen über die Wangen. Als Melanie Schaa öffnet, gibt es kein Halten mehr. Schluchzend fallen sich die Emsländerin und ihre Besucherin aus Hessen in die Arme. Die beiden Frauen sehen sich zum ersten Mal. Und doch haben sie eine ganz besondere Bindung zueinander. Melanie Schaa hat Stammzellen gespendet, ohne die die an Leukämie erkrankte Stefanie Röder wohl nicht mehr am Leben wäre.

„Sie ist eine Heldin“, sagt die 37-Jährige aus Rodheim vor der Höhe im Wetteraukreis über ihre sechs Jahre jüngere Spenderin. Die zweifache Mutter von Söhnen im Alter von drei- und eineinhalb Jahren wehrt jedoch bescheiden ab. „Ich habe doch gar nichts Besonderes getan“, meint Schaa. Seit ihrer Stammzellspende sind inzwischen fast drei Jahre vergangen.

Lange wusste die Heederin nichts über ihre Empfängerin. Umgekehrt war es genauso. Die Anonymität zwischen Spender und Empfänger ist von Organisationen wie der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) oder der Deutschen Stammzellspenderdatei zum Schutz beider Seiten gewollt. Richtlinien zufolge dürfen sich Spender und Patient erst zwei Jahre nach der Spende persönlich kennenlernen. Über die Hilfsorganisationen ist aber bereits zu einem früheren Zeitpunkt eine anonyme Kontaktaufnahme möglich.

Diagnose alle 16 Minuten

Aber der Reihe nach: Vor etwa fünf Jahren koppelt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) einen Blutspendetermin in Heede mit einer Typisierungsaktion, bei der sich potenzielle Stammzellspender rekrutieren lassen können. Melanie Schaa hat sich bis dahin mit dem Thema Kampf gegen Blutkrebs – nach Angaben der DKMS erhält im Schnitt alle 16 Minuten in Deutschland ein Mensch die Diagnose Leukämie – nicht auseinandergesetzt. Und doch lässt sie sich kurzerhand als potenzielle Spenderin registrieren. „Das war keine große Sache“, sagt Schaa.

Drei Jahre später bekommt sie Post von der Deutschen Stammzellspenderdatei. Aus dem Schreiben geht hervor, dass sie als Stammzellspenderin in die engere Wahl kommt. Für das weitere Prozedere sind zusätzliche Blutproben nötig, die sich Schaa bei ihrem Hausarzt entnehmen lässt. Danach wird die Angelegenheit immer konkreter, was grundsätzlich selten genug vorkommt. Nach Angaben der DKMS sucht jeder fünfte Blutkrebspatient vergeblich nach einem passenden Spender. Dabei ist eine Stammzellspende die einzige Chance auf Heilung. Die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender außerhalb der eigenen Familie zu finden, ist jedoch sehr gering. Die DKMS spricht von der „Nadel im Heuhaufen“.

Melanie Schaa weiß zunächst nicht, was auf sie zukommt, als sie im Dezember 2011 zur Stammzellspende in die Uniklinik Münster gebeten wird. Die Unsicherheit der jungen Mutter wächst, als sie erfährt, dass sie deshalb sofort abstillen muss. Ihr erster Sohn Simon ist damals erst wenige Monate alt. Doch Melanie Schaas Mann Holger bestärkt seine Frau. „Er hat gesagt: Mach das!“, berichtet sie.

Ihre letzten Zweifel verfliegen, als sie für ihre Spende auf der Krebsstation der Uniklinik weilt. „Als ich die Patienten gesehen habe, viele durch die Chemotherapie ohne Haare und im Rollstuhl, darunter auch Kinder, wusste ich: Ich tue das Richtige.“ Schaa werden die Stammzellen ähnlich wie beim Blutspenden entnommen. In den Tagen zuvor hat sie sich mithilfe von Mitarbeitern des Heeder Pflegedienstes St. Barbara ein Kontrastmittel in den Bauch spritzen lassen. Das war auch der Grund fürs Abstillen. „Das Kontrastmittel wäre in die Muttermilch übergegangen und hätte bei Simon schlimme Schmerzen verursacht“, sagt Schaa.

Ansonsten sei die gesamte Prozedur nicht der Rede wert gewesen. Die Spenderin kann sich noch gut erinnern, wie sich sofort ein Bote aus der Klinik mit ihren Stammzellen auf den Weg machte. Wohin, wusste sie damals noch nicht.

Ein Brief von der Mutter

Ein Jahr später bekommt die Heederin zu Weihnachten anonym einen Dankesbrief von der Mutter „ihrer“ Patientin. „Das war sehr ergreifend. Da wusste ich, dass sie lebt und ihren zweiten Geburtstag feiert – mein schönstes Weihnachtsgeschenk.“

Nach Ablauf der Zwei-Jahres-Frist können Melanie Schaa und Stefanie Röder endlich ihre Daten offen austauschen. Briefwechseln seit Anfang 2014 folgt ein Besuch der Hessin in Heede im Sommer. Aus dem Wochenendbesuch, der keine Eintagsfliege bleiben soll, „ist eine Bindung entstanden, als wenn wir uns schon lange kennen würden“, sagt Schaa. „Die Chemie hat gleich gestimmt“, betont Röder. Außerdem seien sie ja jetzt „Blutsverwandte“, meint die 37-Jährige, die den Blutkrebs durch zwei Chemotherapien zwar bezwungen hatte, die Spende aber dennoch dringend brauchte. „Ohne wäre ich gestorben“, sagt Röder, die sich im Übrigen auch schon vor ihrer Erkrankung gesundheitsbewusst ernährt und viel Sport getrieben hat. Um so mehr habe sie die Diagnose Blutkrebs von einem auf den anderen Augenblick komplett aus der Bahn geworfen. Ihr Genesungsprozess war überaus beschwerlich und ist auch nach der Stammzellspende noch nicht abgeschlossen. Und doch ist Stefanie Röder ein einfaches Danke an Melanie Schaa zu wenig. „Danke, dass du mein Leben gerettet hast“, sagt sie zu ihrer Freundin. Die Heederin würde es jederzeit wieder tun. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie und wünscht sich vor allem eines: dass sich noch viel mehr Menschen typisieren lassen.


Blutkrebs und die weltweite Suche nach Spendern

Blutkrebs ist nach Angaben der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks bzw. des blutbildenden Systems. Bei diesen Erkrankungen ist die normale Blutbildung durch die unkontrollierte Vermehrung entarteter, weißer Blutzellen gestört. Diese Krebszellen bewirken, dass das Blut seine lebensnotwendigen Aufgaben wie Infektionen zu bekämpfen, Sauerstoff zu transportieren oder Blutungen zu stoppen nicht mehr ausführen kann. Um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden, kommt es bei der Transplantation von Blutstammzellen auf eine möglichst hohe Identität der Gewebemerkmale an. Bei der DKMS, die weltweit nach Spendern sucht, sind mehr als vier Millionen Stammzellspender registriert. In der Region kümmert sich vor allem der Verein Leukin um Typisierungsaktionen zur Gewinnung weiterer Spender. Die Deutsche Stammzellspenderdatei ist eine Initiative des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg-Hessen und Nord-Ost.

Weiterführende Links: www.dkms.de; www.leukin.net; www.stammzellspenderdatei.de

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN