Molkerei besteht seit 100 Jahren Milchprodukte aus Neubörger haben Tradition

Von Gerd Schade


Neubörger. Acht Bauern gründeten einst in Form einer Genossenschaft eine Molkerei in Neubörger. Heute ist das Unternehmen eine feste Größe im Deutschen Milchkontor, dem bundesweit größten Milchkonzern. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Molkerei feierten die 115 Mitarbeiter am Wochenende ein Betriebsfest mit Familien und früheren Kollegen.

Die Produktion ruht zum „Kuhbiläum“. So hatte der aus der Belegschaft rekrutierte Festausschuss die Veranstaltung mit buntem Rahmenprogramm im Vorfeld getauft. Werksleiter Dirk Fricke taucht in seiner Festansprache nicht nur in die Historie der Molkerei ein, die keineswegs immer so solide dastand wie derzeit, sondern lenkt den Blick insbesondere auch auf das Leistungsspektrum des mit Abstand größten Arbeitgebers in Neubörger.

Demnach werden in der 1600-Einwohner-Gemeinde, einem von 28 DMK-Standorten in ganz Deutschland, jährlich 60 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet – und zwar zu Joghurt, Sauermilcherzeugnissen, Buttermilch-Desserts, Schmand, saurer Sahne und Crème fraîche. Damit habe sich die Produktion seit 1960 verzehnfacht, berichtet Fricke.

Absatzmarkt für die Erzeugnisse aus dem nördlichen Emsland unter anderem unter dem Markennamen Milram sind gängige Lebensmitteleinzelhandelsketten wie Aldi, Lidl und Rewe. Immer größere Bedeutung gewinnt Fricke zufolge die Belieferung von Großhändlern und -küchen. Dabei spielt nach seinen Worten vor allem die weiterverarbeitende Lebensmittelindustrie eine Rolle. So finden Milchfrischprodukte aus Neubörger beispielsweise bei der Herstellung von Fleischsalat, Soßen, Joghurtdressing oder Zaziki Verwendung und bleiben damit nicht nur in kleinen Bechern gefragt.

Fricke macht keinen Hehl daraus, dass der Standort Neubörger im Zuge diverser Fusionen in der Branche vor einigen Jahren durchaus zur Disposition gestanden habe. Nicht zuletzt wegen der aktuellen Strategie, die sich nicht mehr nur in Richtung Einzelhandel bewegt, schreibt er der emsländischen Molkerei heute aber „eine wichtige Rolle“ im DMK-Konzern zu. „Aus meiner Sicht ist der Standort gesichert“, betont der Werksleiter und untermauert seine Argumentation mit dem Verweis auf mehrere Investitionen in Millionenhöhe in der jüngeren Vergangenheit. Vor zwei Jahren investierte das Deutsche Milchkontor rund eine Million Euro in eine neue Abfülllinie für Milchfrischprodukte in Eimern. Auch davor und danach flossen nach Unternehmensangaben mehrere Hunderttausend Euro in die Modernisierung der Anlagen.

Entscheidender Faktor für den Erfolg des Betriebes seien aber die Mitarbeiter, betont Dirk Fricke. „Und mit dieser Mannschaft ist mir um die Zukunft des Standortes nicht bange.“

Nicht nur der Werksleiter, sondern auch die Ehrengäste am Rednerpult machen deutlich, wie eng die wechselvolle Geschichte der Molkerei mit dem Namen der Familie Öing verbunden ist.

Bürgermeister Heinz-Joachim Schmitz (CDU) erinnert daran, dass die Gemeinde in für die Molkerei wirtschaftlich unruhigeren Zeiten durch den Ausbau der unmittelbaren Infrastruktur mit einem Finanzvolumen in Höhe von damals 835000 D-Mark zum Erhalt des Unternehmens beigetragen habe. Der Belegschaft attestiert er, dass sie sich in den Jahren des Umbruchs und der Ungewissheit nie habe beirren lassen.

Zum Rahmenprogramm des „Kuhbiläums“ gehörte außer Betriebsbesichtigungen ein Museumszelt mit alten Fotos, einer Videovorführung und historischer Butterproduktion durch Albert Smidt.


Öing bundesweit ein Begriff

Bevor Karl Öing senior die Genossenschaftsmolkerei im Jahr 1926 übernimmt, die seinerzeit Butter produziert, wird die Rohmilch in einem einfachen Wirtschafts- und Wohnhaus zentrifugiert und verkauft. Mit Öing – die Ära der Inhaberfamilie währt 67 Jahre – wachsen über die Jahrzehnte Einzugsgebiet, Milchmengen und Betriebsgröße.

1969 startet die Inhaberfamilie die Sauermilchproduktion. Sie bildet fortan den Schwerpunkt. In den folgenden Jahren kauft Öing die Molkerei Rhede und 1990 die Ostseemolkerei Wismar hinzu. „Der Name Öing war bundesweit bekannt“, sagt Werksleiter Dirk Fricke.

1993 geht das Unternehmen unter dem Namen Nord-West-Molkerei als 100-prozentige Tochter in der Molkereizentrale Oldenburg (MZO) auf. Zwei Jahre später wird das alte Betriebsgebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Fricke erinnert daran, dass die Inbetriebnahme neuer Maschinen Ende 1995 eine harte Zeit gewesen sein müsse. Nach seinen Worten seien 16-Stunden-Schichten damals keine Seltenheit gewesen. Und doch zeichne sich die Belegschaft bis heute durch eine hohe Betriebszugehörigkeit aus.

Nachdem mehrere Betriebe 1999 zum Nordmilch-Konzern fusionieren, schließen sich im Jahr 2010 Nordmilch und Humana zum Deutschen Milchkontor zusammen. Das DMK ist nach eigenen Angaben mit rund 9400 Milcherzeugern und genossenschaftlichen Anteilseignern sowie fast 7200 Mitarbeitern nicht nur das größte Molkereiunternehmen in Deutschland, sondern auch eine der größten genossenschaftlich organisierten Molkereien in Europa.