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Entspanntere Geburt in Heede Wie Hypnobirthing die Angst bei der Geburt nehmen kann

Foto: Maike PlaggenborgFoto: Maike Plaggenborg 

Heede. Ruhe und Entspannung sind die Zustände, die wohl kaum jemand mit einer Entbindung verbindet, insbesondere Frauen, die auf diesem Weg ein Kind zur Welt gebracht haben. Hypnobirthing, das Melanie Jansen in Heede anbietet, verspricht allerdings, dass das sehr wohl zusammengeht. Befürworter des Aspekts Entspannung ist der Papenburger Chefgynäkologe Dr. Franz Koettnitz.

"Deine Augen fühlen sich trocken an. Du wirst müde. Lasse los und schließe sie. Jetzt scheinen deine Lider verriegelt zu sein." Melanie Jansen bietet Hypnobirthing-Kurse in Heede an. An diesem Abend hat sie ein junges Paar zu Gast, das in Kürze sein zweites Kind erwartet. Dieses Mal soll es für die beiden entspannter laufen. "Ich hebe deinen Arm an, und wenn ich ihn fallen lasse, sinkst du noch zwei Mal tiefer, als du es jetzt bist", sagt Jansen zu der erneut werdenden Mutter, die lernen soll, dass sie sich in Entspannung bringen kann. In Heede macht sie die Trockenübung, anwenden soll sie sie später nach mehrfachem Üben im Kreißsaal. Hilfestellung soll der Partner geben. 

Die Situation ist seltsam, weil sie ungewohnt ist. Und weil sich die Menschen offenbaren. Wer an Jansens Kurs teilnimmt, hat oft Angst vor der Geburt. Sie sagt:


"Es hat sich festgesetzt, dass eine Geburt schmerzhaft sein muss."


Die 43-Jährige sagt aber auch klar, dass Hypnobirthing keine schmerzfreie Geburt verspricht. Als erwiesen nach der Heeder Methode nach Marie F. Morgan gelten allerdings weniger Kaiserschnitte, keine Dammschnitte und weniger Dammrisse. Gegen die Angst soll die Spannung aus dem Körper gehen. Und die Gebärmutter soll nicht verkrampfen. "Wir bleiben cool bei der Geburt." Bei der Methode gehe es nicht wirklich um Hypnose. Jansen will beruhigen und sagt: 


"Man wird nicht willenlos gemacht"


Das Erleben sei eher wie ein Tagtraum. Man blende Geräusche aus, sei in sich gekehrt. "Man kann das als autogenes Training bezeichnen", sagt Jansen. "Es liegt an der Person selber, wie sie sich in Entspannung bringen kann." Für sie gehört auch gesunde Ernährung dazu, eine Körperhaltung. Ganzheitlich ist der Ansatz also. Die Übungen sollen täglich 20 Minuten lang gemacht werden. "Die Teilnehmerinnen müssen den Körper wie ein Marathon-Läufer trainieren." Dazu gehöre auch das Beckenbodentraining. Ein trainierter Muskel lässt sich leichter wieder aufbauen, sagt sie.

Nicht pressen, sondern schieben

Auch das Atemtraining ist wichtiger Bestandteil des Hypnobirthing. Die Technik erlernen auch die Partner beziehungsweise derjenige, der die Mutter bei der Geburt begleitet. Sie soll dadurch einfacher verlaufen. "Hypnobirthing-Mamas pressen nicht, sie schieben das Kind raus." Das Drücken von Akupunkturpunkten ist ebenfalls Part des Begleiters, ebenso, wie für ausreichend Essen und Trinken für die Schwangere kurz vor der Geburt zu sorgen. Diese Rolle kann auch eine Hypnobirthing-Kursleiterin übernehmen. Jansen selbst hat bisher noch keine ihrer 16 Teilnehmerinnen bei der Geburt begleitet, seit sie die Methode in Heede im Februar 2018 anbietet. 


Foto: Maike Plaggenborg


Begonnen hatte Jansen die Ausbildung, weil sie – in der Familienhilfe tätig – immer wieder auf die Not an Hebammen stieß. Den Beruf zu ergreifen wäre "zu umfangreich" gewesen, sagt sie. Letztlich stieß sie auf die Hypnobirthing-Webseite in der Schweiz. Ein Jahr lang habe sie sich auf die Prüfung vorbereitet. Dann gab es die Zertifizierung. Alle zwei Jahre muss sie sich fortbilden. Aber, sagt Jansen deutlich: Eine Hypnobirthing-Kursleiterin ersetzt keine Hebamme. Sie unterstütze seelisch und psychisch.


Hypnobirthing: Konzept und Kosten

Eine der Grundlagen des Konzepts ist laut der Hypnobirthing GmbH das Buch "Mutter werden ohne Schmerz" (1953) des englischen Geburtshelfers Dr. Grantly Dick-Read (1890-1959), demzufolge ein Angst-Spannung-Schmerz-Syndrom den natürlichen Geburtsvorgang hemmt und zu zusätzlichen Schmerzen oder auch Komplikationen führt.
In Heede bietet Melanie Jansen Hypnobirthing als Paarvorbereitung an. Sie kann ab der 15. Schwangerschaftswoche beginnen. Der Kurs kostet in der Gruppe 390 Euro pro Paar, als Einzelpaarkurs 490 Euro. "Die Krankenkassen halten es mit den anteiligen Kosten sehr unterschiedlich, einige übernehmen einen Teil einige gar nichts", sagt Jansen. Der Kurs kann einen herkömmlichen Geburtsvorbereitungskurs ersetzen, "die meisten Frauen machen aber beides".


Tipps gibt Jansen obendrein. Zum Beispiel sollen die werdenden Mütter ihre Brustwarzen täglich mit einer Babybürste abreiben. "Das macht sie widerstandsfähiger." Oder auch die Dammmassage ab sechs Wochen vor der Entbindung, gepaart mit zwei bis drei Tassen Himbeerblättertee ab der 37. Schwangerschaftswoche.


Foto: Maike Plaggenborg


Das junge Paar lauscht gespannt. Jansen erklärt anhand eines Baby-Becken-Modells, wie das Baby durch den Geburtskanal kommt. Kommen soll. Dass Frauen sich möglichst nicht direkt einen Zugang legen lassen sollten für die Gabe von Medikamenten. Davon verkrampften die Gebärenden, und die Mittel – etwa eine betäubende PDA – würden dem Kind nicht guttun.


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Einer, der den methodischen Ansatz gut heißt, ist Dr. Franz Koettnitz, Chefarzt der Gynäkologie am Marien Hospital Papenburg Aschendorf. Er selbst, der Hypnosekenntnisse hat, wendet diese bei Untersuchungen oder auch Entbindungen an – "ohne Hokuspokus" und immer im Beisein Dritter. In den vergangenen drei Jahren habe er sich damit intensiv beschäftigt. Mit zwei oder drei kleinen, bestimmten Bewegungen  und Verhaltensweisen sorge er dafür, dass die Frauen sich "unter Eigenkontrolle so stark entspannen", dass Untersuchungen und Geburten klappen. "Das gelingt mir bei neun von zehn Patientinnen", sagt Koettnitz, der sich zusätzlich mit Akupunktur bestens auskennt. 


In den Kreißsaal allerdings kommt Koettnitz nur dazu, "wenn es schwierig ist". Dann versucht er, die Frauen "aus der Angststimmung heraus zu holen". Das habe viel mit Empathie zu tun, und die könne man lernen. "Man muss es wollen", sagt er. Dass eine Frau durch Hypnobirthing eine schmerzfreie Geburt erlebt, schließt er aus, sicherlich aber hätten es Frauen, die diese Selbsthypnose beherrschen, leichter.


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