Kluser erlebt aufwühlende Nacht Trecker wird im emsländischen Schneechaos von 1979 zum Leichenwagen

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Im Februar 1979 hat Heinrich Heuer aus Kluse auf einem Traktor eine abenteuerliche Nacht verbracht. Den Traktor von damals hat er allerdings nicht mehr. Foto: Mirco MoormannIm Februar 1979 hat Heinrich Heuer aus Kluse auf einem Traktor eine abenteuerliche Nacht verbracht. Den Traktor von damals hat er allerdings nicht mehr. Foto: Mirco Moormann 

Kluse. Gleich zu Beginn des Schneeunwetters im Emsland vor 40 Jahren hat Heinrich Heuer aus Kluse eine Nacht durchlebt, die er nie wieder vergessen wird. Alles fing damit an, als der Bruder seines Nachbarn tot in der Küche umkippte.

Es muss ziemlich genau vor 40 Jahren gewesen sein, aber an den Tag erinnert er sich nicht mehr ganz genau, meint Heuer. "Das Schneechaos hatte gerade begonnen", erinnert sich Heuer (67) im Gespräch mit unserer Redaktion. Den Tag über hatte es schon durchgeschneit. Gegen 22.30 Uhr, er wollte sich gerade zum Schlafen fertig machen, klopfte es an die Jalousie seines Schlafzimmers. 

Pastor mit Traktor holen

Leicht verwundert ging der damals 27-jährige Landwirt an die Tür – und traf dort auf seinen Nachbarn. Der berichtete aufgewühlt von dem, was sich nur kurz zuvor abspielte. Der Bruder des Nachbarn, der zu Besuch in Kluse war, war ganz plötzlich in der Küche umgekippt und gestorben. "Der Pastor musste aus Steinbild kommen", sagt Heuer, "nur es war schon kein Durchkommen mehr durch den Schnee". Sein Nachbar hatte schon einen Bekannten, der einen Geländewagen besaß, gefragt. Doch auch der war den Schneemengen nicht gewachsen. 

So kam Heuer mit seinem Traktor der Marke Fendt ins Spiel. "Der hatte damals schon Allradantrieb", berichtet Heuer. Mit diesem machte er sich gegen 23 Uhr auf den Weg, um den damaligen Pastor Klaus von Ohr zu holen. Nach eineinhalb Stunden waren beide wieder in Kluse, sodass der Tote seine letzte Ölung bekommen konnte. 

Fahrt über die Felder

Für Heuer war die Nacht aber noch lange nicht vorbei. "Ein Sarg musste her", sagt der 67-Jährige. Nach einem Telefonat mit dem Bestattungsinstitut Kappen in Dersum machte er sich gegen 1 Uhr auf den Weg dorthin. "Für die Strecke habe ich mir aber Verstärkung geholt", sagt der Landwirt. Gemeinsam mit seinen Nachbarn Bernhard Dünhöft und Georg Bentlage – dick eingepackt in Jacken und Decken und ausgerüstet mit Schaufeln – ging die Fahrt los. "Unterwegs war es saukalt und man konnte die Straße nicht mehr erkennen", erinnert sich Heuer noch genau. Mit dem Traktor, der keine moderne Kabine hatte, sondern nur ein Verdeck aus einer Kunstfoffplane, ging es deshalb über die Felder in Richtung Ems. 

"Wir mussten aufpassen, dass wir nicht in die Gräben fahren", meint Heuer. Immer wieder mussten sie anhalten, den Blick über die überall angehäuften Schneedünen wagen und sich so langsam vorpirschen. Etliche Male kommen auch die Schaufeln zum Einsatz, da sie immer wieder feststeckten im Schnee. Um 3.30 Uhr gab es für die Angehörigen den ersehnten Anruf aus Dersum: Die drei Männer waren vorerst am Ziel. "Zum Glück funktionierte das Telefon noch", so Heuer. 

Sarg hinter dem Traktor

Der Sarg wurde an einem Siloblockschneider am Heck des Traktors befestigt und – nachdem sich bei Tee kurz aufgewärmt wurde – wieder dir Rückfahrt angetreten. "Wir haben den gleichen Weg zurück genommen, die Spuren der Hinfahrt waren aber schon wieder verweht." Um 7.30 Uhr hatten es die Männer geschafft, den Sarg unbeschadet in Kluse abzuliefern. "Dann musste ich mit dem Totem im Sarg längs hinter dem Trecker wieder nach Steinbild zur Leichenhalle fahren. Eine unheimliche Fahrt", berichtet Heuer, der völlig durchgefroren und müde gegen 9.30 wieder zu Hause war. 

Doch das Bett, auf das er sich schon so gefreut hatte, bleib noch kalt. Denn er musste sich noch um seine Tiere kümmern, Futter aus dem Silo ranholen. Gerade als er sich ans Werk machen wollte, stand sein Freund Ulrich Wagner bei ihm auf dem Hof. "Seine Tochter Kerstin war krank und benötigte dringend Medikamente", sagt Heuer. 

Um 14 Uhr ins Bett

So wurde der Traktor gegen 10 Uhr wieder angelassen – und die gemeinsame Fahrt nach Lathen ging los. Bei einem Arzt wurde die Medizin abgeholt, auf der Rückfahrt machten die zwei Halt in der Gaststätte Eilers in Melstrup. Dort waren auch zahlreiche Autofahrer gestrandet, erinnert er sich. "Es war so bitterkalt, besonders durch den starken Wind", sagt Heuer und schüttelt bei den Gedanken an damals den Kopf, kann aber mittlerweile darüber lachen. Um 14 Uhr war er dann wieder zu Hause und konnte endlich ins Bett. Denn während der Fahrt nach Lathen hatte der Vater seines Freundes die Tiere im Stall versorgt. 




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