Aus Sorge vor Verletzung vom Fußball abgemeldet Heeder kämpft monatelang um eine Krankenversicherung für seinen Sohn

Meine Nachrichten

Um das Thema Dörpen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Heede. Mehr als vier Monate hat Klaus Karhof aus Heede vergeblich versucht, eine Mitgliedschaft in einer privaten oder gesetzlichen Krankenversicherung für seinen 25-jährigen Sohn Eike zu bekommen. Erst nach einer Petition beim Bundesgesundheitsministerium nahm ihn die AOK auf und konnte den Vater beruhigen.

Ende Dezember 2017 hatte der 75-Jährige die ersten Versuche gestartet, eine neue Krankenversicherung für seinen Sohn zu finden. Das war notwendig, weil eine Mitgliedschaft für Eike Karhof bei der Postbeamtenkrankenkasse (PBKK) im Rahmen der Familienversicherung nur bis zu dessen 25. Geburtstag, der am 28. Februar 2018 anstand, möglich war. Klaus Karhof versuchte sein Glück bei der AOK und erhielt am 7. Februar 2018 tatsächlich zunächst eine Bestätigung, dass der Sohn, der nach einem abgebrochenen Studium eine schulische Ausbildung zum Erzieher anstrebte, aufgenommen würde.

Eine Woche später erreichte den pensionierten Postbediensteten dann die Nachricht, eine Mitgliedschaft bei der AOK sei doch nicht möglich. „Die Kasse hat uns mitgeteilt, Eike erfülle die Vorlaufzeiten nicht“, erklärt der alleinerziehende Vater. Voraussetzung für eine Aufnahme in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) sei, dass der zuletzt zwölf Monate ununterbrochen oder in den letzten fünf Jahren mindestens 24 Monate in einer GKV Mitglied gewesen sei. Dies könne Eike Karhof nicht, so die Ortskrankenkasse, die demnach davon ausging, dass die Postbeamtenkrankenkasse eine private Krankenversicherung (PKV) sei. Ein Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellte. Aber dazu später mehr.

Fußball und andere Aktivitäten eingeschränkt

Klaus Karhof legte per Fax Widerspruch bei der AOK ein, auch dieser wurde abgelehnt – am 27. Februar, einen Tag vor dem 25. Geburtstag seines Sohnes. Auch der Versuch, eine private Krankenversicherung für seinen Sohn zu finden, war nicht von Erfolg gekrönt. „Von denen hieß es, das Risiko sei ihnen zu hoch, weil Eike im Herbst 2017 eine Schulteroperation hatte und noch eine Folge-OP ansteht“, berichtet der Heeder. Ebenso scheiterte der Versuch, weiter bei der Postbeamtenkrankenkasse bleiben zu können. „Die PBKK sieht sich selber als Sozialeinrichtung für ehemalige Postbeamte, die ab dem 25. Lebensjahr auch nur denen offensteht“, erklärt der 75-Jährige, der fortan also davon ausgehen musste, dass sein Sohn ohne Krankenversicherung dasteht.

Die Folgen für die Familie waren durchaus erheblich: Klaus Karhof schlief nach eigenen Angaben aus Sorge um die Situation fortan schlecht, Eike Karhof meldete sich vom Fußball ab aus Angst, sich zu verletzen, auch andere Freizeitaktivitäten schränkte er ein. Den Weg zur Berufsschule in Papenburg und zum Praktikum im Heeder Kindergarten, um die Ausbildung zum Erzieher fortzusetzen, trat der 25-Jährige jeden Tag aufs Neue mit Sorge an, dass etwas passieren könnte, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt.

Wegen Schulter-OP Risiko für private Kasse zu hoch

Mitte März suchte Klaus Karhof die Öffentlichkeit, meldete sich erstmals bei unserer Redaktion, schrieb die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (CDU) an und rief den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages an. Am 21. März erhielt er die Nachricht, die Petition wurde angenommen und das Bundesgesundheitsministerium beauftragt, sich des Falles anzunehmen.

Unsere Redaktion nahm Ende März Kontakt auf zum Verband der Privaten Krankenversicherung. Ein Sprecher des Verbandes teilte wenig später mit: „Es ist die Regel, dass Kinder von Versicherten der Postbeamtenkrankenkasse nach Vollendung des 25. Lebensjahres die Voraussetzungen für die Versicherungsfähigkeit in dieser Kasse verlieren. In diesem Fall müssen die Betroffenen einen Versicherungsschutz in einer privaten Krankenversicherung abschließen, weil sie aufgrund der Vorversicherungszeit dem PKV-System zugeordnet werden. Die privaten Krankenversicherungsunternehmen bieten dafür spezifische Tarife an.“ Der Sprecher betonte zudem: „Grundsätzlich gilt für den Basistarif eines Unternehmens der sogenannte Kontrahierungszwang: Der Versicherer muss jeden Antragsteller im Basistarif aufnehmen, der dem System der Privaten Krankenversicherung zugeordnet wird.“ Trotz dieser Rückmeldung versuchte Klaus Karhof es im April und Mai mehrfach vergeblich, bei einer „Privaten“ aufgenommen zu werden. Die Hanse Merkur lehnte beispielsweise mit Verweis auf die ausstehende Schulteroperation ab, wie aus einem Schreiben vom 23. Mai 2018 hervorgeht, das unserer Redaktion vorliegt. Wegen der Vorerkrankung liege „das Risiko über dem Durchschnitt“, daher schließe man einen Versicherungsschutz für sämtliche Tarife aus, teilte die Kasse den Karhofs mit.

Antwort auf Petition im Juni

Erst in der zweiten Juni-Woche folgte die Erlösung für die Familie Karhof: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortete die Petition. Ein Ministerialdirektor teilte mit, dass die Postbeamtenkrankenkasse weder als private, noch als gesetzliche Krankenkasse gilt und verwies auf ein Urteil des Sozialgericht Marburg vom 9. Juli 2014. Darin heißt es: „Die Voraussetzung für eine Versicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung liegt auch dann vor, wenn der Antragsteller vorher in der Postbeamtenkrankenkasse versichert war.“ Im Übrigen seien Bürger versicherungspflichtig in der gesetzlichen Krankenkasse, die bisher weder gesetzlich noch privat in Deutschland krankenversichert waren oder die nicht der privaten Krankenversicherung (also auch der Postbeamtenkrankenkasse) zuzuordnen sind. Der Ministerialdirektor empfahl den Karhofs, noch einmal bei der AOK vorstellig zu werden. „Meiner Meinung nach muss diese gesetzliche Krankenkasse oder eine andere den Patienten aufnehmen“, schrieb der Ministeriumsmitarbeiter.

Das tat Klaus Karhof dann auch in der AOK-Geschäftsstelle in Papenburg. Danach ging alles ganz schnell, innerhalb von zwei Tagen wurde seinem Widerspruch, den er auf die zweite Absage eingelegt hatte und die seitdem nicht beantwortet worden war, stattgegeben, Eike Karhof wurde rückwirkend zum 28. Februar 2018, seinem 25. Geburtstag, bei der AOK aufgenommen. „Seitdem schlafe ich auch endlich wieder besser. Aber den ganzen Ärger hätten wir uns alle ersparen können“, sagt Klaus Karhof.

AOK entschuldigt sich für Vorfall

Warum der AOK bei der Bearbeitung des ersten Aufnahmeantrags und des ersten Widerspruchs das Urteil des SG Marburg aus dem Jahr 2014 nicht bekannt war, begründet Petra Menger, Pressesprecherin der AOK für den Landkreis Emsland, wie folgt: „Gegen das Urteil des SG Marburg wurde Berufung eingelegt (AZ: Hessisches Landessozialgericht L 8 R 274/14). Dieses Verfahren ist noch anhängig und nicht abgeschlossen. Insofern ist das Verfahren vor dem SG Marburg noch nicht rechtskräftig.“ Um Eike Karhof und auch seinen Vater Klaus nicht noch weiter im Ungewissen zu lassen, habe die AOK „das Urteil des SG Marburg im Sinne des Kunden angewandt“. Für die lange Bearbeitungszeit des Widerspruchs entschuldigte sich die Sprecherin ausdrücklich: „Weil der Fall von Herrn Karhof ein sehr spezieller ist, hat die Prüfung leider auch länger als gewöhnlich gedauert.“

Abschließend betont Menger: „Grundsätzlich hat in Deutschland jeder einen Krankenversicherungsschutz, Herr Karhof war also zu jeder Zeit krankenversichert. Jeder wird zunächst einmal in Deutschland behandelt, auch in der Zeit des „Schwebezustandes“. Die Kosten, die bei einer Behandlung entstehen, werden beglichen und bleiben nicht am Patienten/Versicherten hängen. Das regeln die Krankenversicherungen/Kostenträger untereinander.“ Dass diese Information bei den Karhofs nicht oder nicht deutlich genug angekommen ist, sie also die gesamte Zeit davon ausgingen, nicht versichert zu sein, bedauert die AOK-Sprecherin und gelobt Besserung: „Wir sind dankbar für den Hinweis, dass unsere Schreiben etwas anderes hätten suggerieren können. Wir nehmen das zum Anlass, die Formulierung künftig deutlicher zu fassen.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN