Serie „Mein Job und ich“ Kranfahrer aus Kluse: „Auch heute ist noch das Popometer gefragt“

Meine Nachrichten

Um das Thema Dörpen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Kluse. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht diesmal Kranfahrer Dieter Hilgefort von der Firma Gertzen über die Technisierung in der Arbeitswelt, knifflige Situationen und das mitunter lange Warten auf die passenden Wetterbedingungen.

Herr Hilgefort, Ihre Arbeitstage sind oft nicht planbar, weil vieles vom Wetter abhängig ist. Müssen Sie ständig abrufbereit sein?

So schlimm ist es zum Glück nicht ganz. Der eigentliche Einsatz als Kranfahrer ist ja nur ein Teil meiner Aufgabe. Die Fahrt zur Einsatzstelle, die wegen des umfangreichen Zubehörs der Krane meist im Konvoi als Schwertransport mit zwölf bis 15 Fahrzeugen stattfindet, nimmt einen Tag in Anspruch, der Aufbau des Krans am Einsatzort ein bis zwei Tage, der Abbau später ebenso. Da ich mit dem größten Kran der Firma Gertzen fahre, ein neunachsiger 750-Tonnen-Mobilkran, ist die Logistik noch anspruchsvoller.

Wie wichtig ist eine entsprechende Planung im Vorfeld?

Die ist enorm wichtig. Dafür gibt es eine eigene technische Abteilung bei Gertzen. Sie plant beispielsweise den Anfahrtsweg zum Einsatzort und fährt ihn ab, prüft den Boden vor Ort auf Dichtigkeit und plant entsprechende Verstärkungen, zum Beispiel durch Bodenaustausch oder Platten. Sie plant auch den Aufbau des Krans auf Grundlage der Größe und des Gewichts des Teils, das in die Höhe gebracht werden muss. Dafür gibt es spezielle Computerprogramme, die bis auf den Zentimeter genau visualisieren, was gemacht werden muss. Die Planung verursacht letztlich auch Kosten, sorgt am Ende aber auch dafür, dass alles reibungslos verläuft und Einsatzzeiten minimiert werden.

Wie sehr sind Sie als Kranfahrer denn noch gefragt, wenn vieles automatisiert ist?

Sicherlich hat auch bei den Kranen die Technik zugenommen, als ich vor 30 Jahren angefangen habe, gab es einige wenige Knöpfe, und wir mussten viel improvisieren. Heute zeigt einem der Computer, wie schwer das gezogene Teil ist und ob sich der Kran in der Waage befindet oder nicht. Aber auch heute ist noch das Popometer gefragt (lacht).

(Weiterlesen: Energietechniker aus Rhede über Höhenangst, Fachkräftemangel und E-Autos)

Das was?

Ich merke mit meinem Popo sehr gut, in welcher Neigung sich der Kran befindet, also ob er nach vorne geneigt ist, nach hinten oder sich in der Waage befindet. Dafür brauche ich eigentlich keine Technik, benutze sie aber natürlich trotzdem.

Können Sie in der Kanzel unten über Kameras sehen, was oben passiert?

Ja, das könnte ich. Ich verlasse mich aber lieber auf Kollegen oder Techniker, die beispielsweise bei einer Windrad-Montage ohnehin oben sind, um das Teil einzubauen. Mit denen bin ich per Funk verbunden und kann dann auf Kommando reagieren. Häufig geht es darum, Windbewegung aus dem gehobenen Teil zu bekommen, dafür muss ich quasi gegenlenken. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Haben Sie häufiger feuchte Hände?

Nein, so gut wie nie. Man sagt mir nach: Je kribbeliger es wird, desto ruhiger bin ich (lacht).

Wo und für welchen Zweck sind Sie überwiegend mit dem 750-Tonnen-Kran, dem größten Kranfahrzeug bei der Firma Gertzen, im Einsatz?

Eigentlich bundesweit und manchmal auch im europäischen Ausland. Wir waren kürzlich für knapp zwei Monate in Irland im Einsatz und haben uns im Zwei-Wochen-Rhythmus abgewechselt. Auch in Schweden und Schottland war ich schon und habe dort natürlich auch in der Freizeit Menschen und das Land kennenlernen dürfen. Häufigstes Aufgabengebiet in jüngerer Vergangenheit ist sicherlich die Windkraft, dort können wir in Höhen von bis zu 160 Metern arbeiten. Wir sind aber beispielsweise auch oft bei der Meyer Werft aktiv, haben im Februar beim Kreuzfahrtschiff Norwegian Bliss gemeinsam mit einem zweiten Kran einer anderen Firma den Schornstein aufgesetzt. Bei Röchling in Haren haben wir kürzlich eine neue Maschine durch das Dach in eine Halle eingebracht.

Was waren die intensivsten Einsätze, die sie noch in Erinnerung haben?

Wir waren beim Transrapid-Unfall 2006 in Lathen mit Autokranen bei der Bergung dabei. Solche Erlebnisse vergisst man natürlich nicht. Einsätze bei der Meyer Werft sind auch immer wieder spannend, weil sie nicht alltäglich sind.

(Weiterlesen: Detektiv aus Weener über Observationen, Geduld und versteckte Kameras)

Haben Sie selbst schon einmal einen Unfall gehabt?

Ein einziges Mal, da hatte ich Glück im Unglück und bin unverletzt geblieben. Bei einem anderen Zwischenfall gab es einen Arbeitsunfall auf einer Baustelle, ein Mitarbeiter wurde schwer am Bein verletzt, und ich musste Erste Hilfe leisten. Deshalb steht auch Arbeitssicherheit an erster Stelle. Lieber bleibt der Kran für Stunden oder auch einen ganzen Tag außer Betrieb, wenn die Bedingungen nicht passen, zum Beispiel beim Wind, als dass etwas passiert. Ich habe da als Kranführer die oberste Entscheidungsgewalt, auch wenn es der Kunde oder der jeweilige Bauleiter manchmal gerne anders hätten.

Was hat sich, von der Technik einmal abgesehen, noch verändert in Ihrem Beruf?

Das Ansehen auf Baustellen und der Ton dort hat sich verändert, leider vielfach in negativer Hinsicht. Wir haben als Kranfahrer eine hohe Verantwortung, das wird von den anderen Gewerken aber häufig nicht wertgeschätzt. Und die Taktung ist eine andere geworden, alles muss sofort und schnell erledigt werden.

Wie läuft die Ausbildung zum Kranfahrer?

Eine Ausbildung zum Kranfahrer im klassischen Sinne gibt es eigentlich gar nicht. Grundvoraussetzung, um einen Mobilkran zu fahren, ist natürlich ein Lkw-Führerschein, die frühere Klasse zwei. Die Hersteller, wie bei uns überwiegend Liebherr, bieten theoretische und praktische Lehrgänge in ihren Schulungszentren an. Betriebsintern läuft es dann in der Regel so, dass zu Beginn kleinere Krane oder Gespanne gefahren werden, also Zweiachser. Bei Gertzen gibt es 60 Lkw-Zugmaschinen und 22 Kranfahrzeuge zwischen 30 und 750 Tonnen. Und je mehr Erfahrung man dann sammelt, umso größer können die Fahrzeuge werden. Auch ein Einstieg als Quereinsteiger, zum Beispiel Schlosser oder ein anderer technischer Beruf, sind möglich.

Denken Sie mit 58 Jahren schon langsam an die Rente?

Nein, noch lange nicht. Ich kann mir sogar vorstellen, über das 65. Lebensjahr hinaus hier tätig zu sein. Mein Sohn Florian ist inzwischen auch bei Gertzen als Lkw-Fahrer tätig. Arbeit gäbe es für mich genug, und Nachwuchs kommt leider nicht in dem Maße nach, wie es notwendig wäre.

(Weiterlesen: Hundetrainer aus Lathen über falsche Rassenwahl, Trockenfutter und TV-Shows)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN