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„Leidenschaft verändert sich“ Tipps von Dissener Paartherapeutin

Von Nadine Sieker | 19.07.2014, 15:00 Uhr

Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, sprühen sie nur so vor Leidenschaft. Doch im Laufe einer Beziehung nimmt diese ab. Paartherapeutin Dagmar Niehaus erklärt im Interview, dass das ganz natürlich ist – und nicht das Ende einer Partnerschaft sein muss.

Welche Rolle spielt Leidenschaft in einer Beziehung?

Zu Beginn einer Beziehung spielt Leidenschaft natürlich eine ganz große Rolle. Beide spüren eine starke Energie der Anziehung, die geradezu in die Verschmelzung zwingt. Intensiv Verliebte können fast von Luft und Liebe leben. So hoch ist die Energie zu Beginn und dementsprechend die Leidenschaft. So bleibt es natürlich nicht.

Wie kommt das?

Wir könnten so gar nicht dauerhaft leben. Im Laufe der Zeit, wenn sich das Paar zusammengefunden hat, alles nicht mehr als so neu und aufregend empfindet und zum Beispiel Kinder bekommt, dringen automatisch andere Themen in den Vordergrund. Es ist eine große Herausforderung, diese ganzen Aufgaben zu bewältigen, sodass die Leidenschaft bei fast allen Paaren zurückgeht, weil sie erschöpft sind. Das ist oft die erste Krisenphase.

Stören sich Männer und Frauen gleichermaßen an nachlassender Leidenschaft?

Aus meiner Praxiserfahrung heraus würde ich sagen, dass bei jungen Eltern zu 80 Prozent die Männer fehlende Sexualität beklagen. Frauen beklagen eher mangelndes Verständnis für ihre Müdigkeit und Erschöpfung. Im späteren Alter kann sich das ändern. Ich habe zunehmend Paare, bei denen Männer jenseits der 40 keine Lust mehr haben.

Was kann ein Paar tun, wenn die Leidenschaft nachlässt?

Zunächst Toleranz und viel Verständnis für die je unterschiedlichen Bedürfnisse aufbringen. Paare sollten darauf achten, sich Zeit füreinander zu nehmen – egal wie groß die Anforderungen im Alltag sind. Immer wieder Neugierde aneinander zeigen, sich wirklich dafür interessieren, was den anderen bewegt. Und ganz wichtig: den Fernseher öfter ausstellen. Sich über Wünsche und Bedürfnisse austauschen, sich sagen, wonach man sich sehnt, sich gegenseitig eine erotische Geschichte schreiben und gemeinsam ein erotisches Buch lesen.

Können getrennte Betten oder Schlafzimmer helfen?

Das kann man plakativ nicht sagen, aber es gibt Paare, die jede Nacht miteinander kuscheln und viel körperliche Nähe, aber keine Leidenschaft haben. Da kann es hilfreich sein, sich zu distanzieren, eine gewisse Fremdheit zuzulassen, den anderen nicht als selbstverständlich und immer wieder mit fremden Augen zu betrachten. Das kann die Spannung und damit die Erotik anfachen.

In dem Wort Leidenschaft steckt das Wort Leiden…

In der Intimität kann der Mensch das größtmögliche Glück erfahren und ganz erfüllt sein. Aber da sind wir eben auch sehr verletzlich. Wenn wir in der Intimität verletzt werden, ist das die schmerzhafteste Erfahrung, die es gibt. Es verletzt massiv den Kern der Seele. Die Lösung ist aber nicht, Leidenschaft zu vermeiden. Denn damit vermeiden wir auch die Erfüllung. Stattdessen: achtsam und wertschätzend im Umgang miteinander sein.

Verändert sich Leidenschaft im Laufe des Paarlebens?

Ja, mit dem zunehmenden Lebensalter verändern sich Lust und Leidenschaft. Sie müssen aber deswegen nicht nachlassen, wenn wir bereit sind, die Veränderungen unserer Körper anzunehmen. Es gibt Paare, die sind über 70 und haben noch eine tolle Sexualität. Sie ist nur anders, in der Regel sanfter, aber nicht weniger innig.

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