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Werke in Dissen und Bad Essen schließen Millionensubventionen für Homann-Ansiedlung in Sachsen?

Von Jean-Charles Fays

Die sächsische Landesregierung plant, Millionensubventionen zu bezahlen, um Homann zur Zusammenführung der gesamten Produktion in Leppersdorf zu bewegen. Mitarbeiter von Homann in Dissen waren Freitagmorgen vor der einberufenen Belegschaftsversammlung zur Schließung des Werks schockiert. Foto: Jörn MartensDie sächsische Landesregierung plant, Millionensubventionen zu bezahlen, um Homann zur Zusammenführung der gesamten Produktion in Leppersdorf zu bewegen. Mitarbeiter von Homann in Dissen waren Freitagmorgen vor der einberufenen Belegschaftsversammlung zur Schließung des Werks schockiert. Foto: Jörn Martens

jcf/sph/as Osnabrück. Die sächsische Landesregierung ist offenbar bereit, Subventionen in zweistelliger Millionenhöhe zu bezahlen, um Homann zur Zusammenführung der gesamten Produktion im sächsischen Leppersdorf zu bewegen. Dafür sollen bis 2020 neben zwei anderen Standorten die Werke in Dissen und Bad Essen geschlossen werden.

Die Umsiedlung der Produktionsstätten ins sächsische Leppersdorf soll nach Angaben der CDU-Landtagsabgeordneten Gerda Hövel aus Melle angeblich von der sächsischen Landesregierung mit einem Betrag in Höhe von 25 Millionen Euro gefördert worden sein. „Sollte sich dies bewahrheiten, sehe ich hier einen Fall von Wettbewerbsverzerrung“, sagte die CDU-Landtagsabgeordnete am Freitag und forderte den niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies zum Handeln auf.

„Standortverlagerungen dürfen nicht ohne Weiteres gefördert werden“

Lies rügte: „Sollten in Sachsen tatsächlich Subventionen auch aus EU-Mitteln zugesagt worden sein, so wäre dies zu überprüfen, denn Standortverlagerungen dürfen nicht ohne Weiteres gefördert werden.“ Lies forderte zudem ein Gespräch mit dem Vorstand des Nahrungsmittelkonzerns Theo Müller, zu dem auch der Feinkosthersteller Homann gehört. Er bedauerte: „Das ist eine wahre Hiobsbotschaft für die 1200 betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die Standorte Dissen und Bad Essen und für den Landkreis Osnabrück. Es gab auf der kommunalen Ebene große Anstrengungen, die Homann-Standorte zu halten.“

( Weiterlesen: Den Liveblog zur Schließung des Homann-Werks in Dissen finden Sie hier)

Das Land Niedersachsen habe die Gespräche im Sinne des Traditionsunternehmens begleitet und unterstützt. „Wir hatten dabei selbstverständlich auch Kontakt zur Vorstandsebene der Konzernmutter Müller. Von der aktuellen Entscheidung sind wir nicht informiert worden“, beteuert Lies. „Auch nicht über den Zeitpunkt, sodass wir keine Möglichkeit mehr hatten, Argumente für die niedersächsischen Standorte vorzubringen und somit die Entscheidung zu beeinflussen.“ Das sei mehr als bedauerlich. Lies werde jetzt unmittelbar das Gespräch mit dem Vorstand des Konzerns suchen und ihn auffordern, die Entscheidung der Standortschließung noch einmal zu überdenken. „Vor allem die Verfügbarkeit der Fachkräfte an den Traditionsstandorten scheint mir nicht ausreichend berücksichtigt worden zu sein“, betonte Lies.

( Weiterlesen: Mehr als 1000 Jobs in Dissen in Gefahr)

Sächsisches Wirtschaftsministerium will Millionensubventionen nicht kommentieren

Der Sprecher des sächsischen Wirtschaftsministeriums, Jens Jungmann, wollte auf Anfrage unserer Redaktion weder bestätigen noch dementieren, ob dem Standort in Leppersdorf 25 Millionen Euro an Subventionen von der sächsischen Landesregierung gewährt werden sollen und ob dabei auch europäische Mittel geflossen sind. „Aus Verhandlungsdetails können wir nicht berichten. Schließlich hat Homann den Standort Leppersdorf zwar priorisiert, sich aber noch nicht darauf festgelegt.“ Dass Homann Leppersdorf favorisiert und sich für die Schließung der Werke Dissen, Bad Essen, Bottrup und des thüringischen Floh-Seligenthal entschieden habe, sei eine unternehmerische Entscheidung. Der sächsische Wirtschafts-Staatssekretär Hartmut Mangold kommentiert: „Wir befinden uns seit längerer Zeit in intensiven Gesprächen mit der Firma Homann, welche unmittelbar vor dem Abschluss stehen. Wir freuen uns, dass die Firma Homann den Standort Leppersdorf priorisiert und würden eine solche Standortentscheidung sehr begrüßen.“ Mangold sieht das als einen Beleg dafür, dass der Standort Sachsen eine hohe Akzeptanz habe und attraktiv sei.

( Weiterlesen: Müller-Milch-Vorsitzender bei Homann ausgepfiffen)

Unternehmensgruppe Theo Müller: Zukunftsfähige Produktion nur durch einen Neubau

Der Pressesprecher der Unternehmensgruppe Theo Müller, Alexander Truhlar, ließ die Anfrage unserer Redaktion, welchen Einfluss die Millionensubvention der sächsischen Landesregierung bei der unternehmerischen Entscheidung hatten, die Homann-Produktionsstandorte nach Leppersdorf zu verlagern, unkommentiert und verwies auf eine Pressemitteilung des Unternehmens. Darin schreibt das Unternehmen von einer „Krise des Unternehmens, die durch scharfen Wettbewerb auf dem Feinkost-Markt und mangelnde Entwicklungs- und Synergie-Potenziale an den vier genannten Produktionsstätten entstanden ist“. Eine Lösung der bestehenden logistischen Schwierigkeiten sowie eine moderne, zukunftsfähige Produktion könne nur durch einen Neubau entstehen. Die favorisierte Lösung sei das sächsische Leppersdorf, wo die Unternehmensgruppe bereits Europas modernste Molkerei betreibe. In den kommenden Jahren sollen bis zu 500 Millionen Euro investiert werden.

Gewerkschaft spricht von „extremer Wettbewerbsverzerrung“

Bei den vier Homann-Werken arbeiten aktuell 1000 Mitarbeiter in Dissen, 200 in Bad Essen-Lintorf, 200 in Bottrop und 150 im thüringischen Floh-Seligenthal. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) für Region Osnabrück, Uwe Hildebrand, fühlte sich nach der Betriebsversammlung am Freitagmorgen „veräppelt“, weil er kein Rederecht hatte. Er bezeichnete die Subventionen der sächsischen Landesregierung als „extreme Wettbewerbsverzerrung“. Er prognostizierte, dass das Unternehmen große Probleme haben wird, den Fachkräftebedarf in Leppersdorf zu decken. Der Tarifvertrag unterscheide sich deutlich. Während in Niedersachsen eine Fachkraft für Lebensmitteltechnik 2400 Euro pro Monat verdiene, liege der Tarif für Facharbeiter in Sachsen bei 1800 Euro. Bei der Leppersdorfer Molkerei Sachsenmilch, die zur Unternehmensgruppe Theo Müller gehört, werde wegen des Fachkräftemangels bereits eine Prämie von 1800 Euro für einen neuen Mitarbeiter bezahlt. „In Leppersdorf sollen 1000 neue Mitarbeiter angestellt werden. Damit fallen bei insgesamt rund 1550 Mitarbeitern mindestens 550 Arbeitsplätze weg“, erläuterte Hildebrand.

Landkreis will mit Homann und Müller-Gruppe sprechen

Der Landkreis Osnabrück zeigte sich von der Standortentscheidung der Firma Homann völlig überrascht. Sprecher Burkhard Riepenhoff bezeichnete sie „als nicht nachvollziehbar“. Aus Sicht des Landkreises sei eine derartige Entscheidung gegen Dissen in keiner Weise nachvollziehbar und weder betriebswirtschaftlich begründbar noch für die Mitarbeiterschaft in Dissen sowie Bad Essen-Lintorf zu erklären. Die Stadt Dissen und der Landkreis hätten ein mögliches Erweiterungsvorhaben der Firma Homann seit November 2015 intensiv begleitet. In diesem Zusammenhang seien in den vergangenen Monaten alle Bedingungen der Firma Homann erfüllt und sämtliche Voraussetzungen geschaffen worden.

„Bereits seit Oktober 2016 konnten alle notwendigen Gewerbeflächen für eine Neuansiedlung von über 20 Hektar erworben werden. Zugleich sind alle offenen Erschließungsfragen geklärt, Gutachten erstellt und die notwendigen bauplanungsrechtlichen Rahmenbedingungen von der Stadt Dissen geschaffen worden“, bekräftigte Riepenhoff. Im Ergebnis stehe „einer positiven Entscheidung des Unternehmens für Dissen seit längerer Zeit nichts mehr im Wege“. Entsprechend sei die Firma Homann mehrfach informiert und zu konkreten Grundstücksgesprächen eingeladen worden. Der Landkreis werde nun kurzfristig mit der Geschäftsführung der Firma Homann und der Müller-Gruppe sowie dem Betriebsrat in Kontakt treten, um für den Standort in Dissen zu kämpfen. Dabei setze der Landkreis auch auf die Unterstützung des Wirtschaftsministeriums in Hannover und aller politisch Verantwortlichen im Landkreis Osnabrück.

IHK bedauert die Entscheidung zur Standortschließung in Dissen und Bad Essen

Der Hauptgeschäftsführer der IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim, Marco Graf, erklärte: „Ich würde es sehr bedauern, wenn Homann die Standorte Dissen und Lintorf in unserem IHK-Bezirk aufgibt. Homann gehört zu den wichtigsten Traditionsunternehmen unserer Region – eine lange Geschichte, die verbindet.“ Ein Hoffnungsschimmer sei, dass sich bis zum Jahr 2020 für die beiden betroffenen Produktionsstandorte und die dort Beschäftigten zunächst nichts ändere und dass die Grundsatzentscheidung auch noch nicht endgültig getroffen sei. Graf betonte: „Auch wenn die Weichen zugunsten des sächsischen Standortes Leppersdorf gestellt zu sein scheinen, sollte die Region nun alles daran setzen, das Unternehmen doch noch von den Vorzügen der Standorte Dissen und Lintorf zu überzeugen.“

CDU: Mit der Förderpolitik der Länder stimmt etwas nicht

Für den Glandorfer CDU-Landtagsabgeordneten Martin Bäumer ist die unternehmerische Entscheidung der Müller-Gruppe, die Produktionsstandorte in Bad Essen und Dissen zu schließen, „nicht nachvollziehbar“. Er konstatierte: „Wenn es stimmt, dass in Sachsen Fördermittel in Millionenhöhe gewährt werden, um hier bei uns qualifizierte und langjährig erfahrende Menschen zu entlassen, dann stimmt etwas mit der Förderpolitik der Länder nicht.“ Es komme jetzt darauf an, abseits aller Parteipolitik gemeinsam mit allen Beteiligten alle Möglichkeiten auszuloten, um Homann zumindest am Standort Dissen zu halten. Wenn das keinen Erfolg habe, werde die Region den Kopf nicht in den Sand stecken. In Dissen gebe es an der A 33 ein 20 Hektar großes Industriegrundstück, dass für eine alternative Ansiedlung kurzfristig zur Verfügung steht. „Und das Beispiel der Klöcknerflächen in Georgsmarienhütte hat gezeigt, dass auf einer Industriebrache mit kluger Förderung ein attraktiver Branchenmix entstehen kann.“

Grüne: Schwerer Schlag für Dissen

Die Bramscher Grünen-Landtagsabgeordnete Filiz Polat sieht die Standortverlagerung als einen „schweren Schlag für Dissen und die Region“. Sie appellierte an den Mutterkonzern: „Um die Marktposition der Homann zu stärken, wird die Unternehmensgruppe Theo Müller laut eigener Aussage in den kommenden Jahren Investitionen von bis zu 500 Millionen Euro tätigen. Sie sollte bei diesen Investitionen auch den traditionsreichen Standort Dissen berücksichtigen.“ Die starke Wirtschaftsregion Osnabrück und Homann könnten hier voneinander profitieren und in Zukunft genauso erfolgreich sein, wie es bisher der Fall war.

SPD: Massiver Eingriff in den Wettbewerb aus Steuermitteln

Der Osnabrücker SPD-Landtagsabgeordnete Frank Henning kommentierte: „In der Sache ist die Entscheidung für mich nicht nachvollziehbar, da nach meiner Kenntnis der Rat der Stadt Dissen und auch die Verwaltung der Stadt alles nur Erdenkliche getan haben, um die Schließung des Werkes der Firma Homann in Dissen abzuwenden.“ Alle für den Bebauungsplan und für das Bauvorhaben der Firma Homann notwendigen Grundstücke seien gekauft und notwendige Rechte gesichert worden. Die Planverfahren seien weitgehend zum Abschluss gebracht worden. Auch das Land Niedersachsen und Wirtschaftsminister Olaf Lies hätten sich stark engagiert, um eine Standortverlagerung zu verhindern. Mit Blick auf die Millionenförderungen fügte er hinzu: „Völlig unverständlich wäre es für mich, wenn sich die Gerüchte bewahrheiten sollten, dass in Sachsen tatsächlich Subventionen auch aus EU-Mitteln zugesagt worden sind. Wenn das Land Sachsen eine Umsiedelung von Homann mit massiven Infrastrukturmitteln aus Landesmitteln unterstützen will, wäre das ein massiver Eingriff in den Wettbewerb aus Steuermitteln.“ Das wäre laut Henning schon alleine deshalb unakzeptabel und sicher auch EU-rechtlich noch zu überprüfen, da es in Niedersachsen keine vergleichbaren Prämien für Firmenansiedlungen gebe. Ob das unter Beihilfegesichtspunkten EU-konform wäre, werde sich sicher noch zeigen.


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