Namensgeber Hermann Freye Dissener Gesamtschule stellt ihr pädagogisches Konzept vor


Dissen. Am 1. August öffnet die erste Gesamtschule im Südkreis. Aus der Haupt- und der Realschule in Dissen wird die Hermann-Freye-Gesamtschule. Eine Arbeitsgruppe aus Lehrern, Schüler, Eltern, Verwaltungskräften und einer Schulentwicklungsberaterin knüpft das pädagogische Konzept. Und das hat es in sich.

Im Januar hatte die Landesschulbehörde den Dissenern ins Klassenbuch geschrieben, dass sie ihre IGS für die Jahrgänge fünf bis zehn planen dürfen. Das bedeutet: im August werden drei oder vier fünfte Gesamtschulklassen mit dem Unterricht beginnen.

Die Planungsgruppe ist mit Schwung bei der Arbeit. Das begeistert auch Jürgen Westphal, den zuständigen Dezernenten der Landesschulbehörde, der die Gruppe berufen hat und sie unterstützt: „Eine Schule zu gründen, ist etwas Besonderes“, machte er den Planern den Wert ihrer Aufgabe bewusst.

Auch die Bürgermeister von Dissen und Bad Rothenfelde, Hartmut Nümann und Klaus Rehkämper, machten Lehrern, Eltern und Schülern beim Pressetermin vor der Arbeitsgruppensitzung Mut. „Das wird gut“, sind beide überzeugt.

Für die Schulform, die jeden Schüler individuell fördert, „haben die Ratsmitglieder parteiübergreifend gekämpft“, hieß es aus der Politik. Und die Eltern? In Dissen waren 67 Prozent der Eltern dafür. Geringer war der Zuspruch aus Bad Rothenfelde. Immerhin 37 Prozent halten die IGS für eine gute Idee.

Was soll die neue Schule auszeichnen? Realschul-Leiter Jan Wessels: „Kontinuierliches und langes gemeinsames Lernen und aussagekräftige, sehr persönliche Leistungsrückmeldungen.“ Die Planungsgruppe tauscht sich mit anderen Gesamtschulen aus, nicht nur denen im Osnabrücker Raum, sondern auch mit Stade und Oldenburg. „Wir schauen uns an, was in der Praxis gut funktioniert. Natürlich gibt es auch noch Baustellen. Manches möchten wir aber ganz bewusst offenlassen, damit die Eltern unsere Schule mitgestalten können“, sagt Wessels.

Schüler: Jeder Fünft- bis Zehntklässler kann die IGS besuchen, egal, ob Förderschüler, Schüler, die ein Abitur machen möchten, oder solche, die ein Fachabi anstreben. So soll eine frühzeitige Festlegung auf einen Leistungsstand oder Abschluss verhindert werden.

Die erste fünfte Klasse der Gesamtschule wird, abhängig von den Anmeldezahlen, drei- bis vierzügig. Die Landesschulbehörde geht nach dem Ergebnis der Elternbefragungen davon aus, dass die erforderliche Dreizügigkeit mit einer Mindestschülerzahl von 72 in jedem neuen fünften Jahrgang der IGS Dissen über den gesamten zehnjährigen Prognosezeitraum erreicht wird. Auch Kinder aus anderen Orten und dem benachbarten Nordrhein-Westfalen können die einzige Gesamtschule im Südkreis besuchen.

Fächer: Die Aufspaltung der Naturwissenschaften in Physik, Chemie und Bio und die der Gesellschaftswissenschaften in Geschichte, Erdkunde und Politik fällt weg. Zusätzlich kommen die Unterrichtsfelder Arbeit, Wirtschaft und Technik hinzu. Diese beinhalten bekannte Fächer wie Hauswirtschaft oder Textiles Gestalten.

Hinzu kommen Projekte, die die Schüler ganz nach Neigung auswählen können, zum Beispiel in Sprachen, Sport, Musik, Theater oder Kunst. Auch dieser Projektunterricht findet im Klassenverband statt. Erst werden die Schüler angeleitet, dann arbeiten sie eigenverantwortlich an ihrem Projekt und präsentieren es hinterher auch.

In der neunten und zehnten Klasse ist in den Kernfächern Deutsch, Englisch, Mathe und Naturwissenschaften eine Leistungsdifferenzierung über ein Kurssystem vorgesehen.

Ganztagsschule: Die Freye-Schule wird eine teilgebundene Ganztagsschule. Das heißt, an drei Tagen ist von 7.30 Uhr bis 12.45 Unterricht, an zwei Tagen bis 15 Uhr – mit Arbeitsgemeinschaften und Unterricht am Nachmittag. Dazu gehört das gemeinsame Mittagessen in der Mensa mit dem Klassenlehrer.

Jeden Vormittag gibt es persönliche Lernzeiten (Perle), in denen die Schüler Selbstorganisation bei gestellten Aufgaben lernen. Dafür fallen die Hausaufgaben weg. „Das entlastet die Eltern und die Unterrichtszeit“, erklärte die Planungsgruppe.

Ein wöchentliches Forum bietet allen Schülern und Lehrern Raum für die Vorstellung ihrer Projekte, für Ehrungen und Rituale. Diese Gewohnheit soll die Schulgemeinschaft stärken.

Klassengemeinschaft: Sie soll über die sechsjährige Schulzeit konstant bleiben. Jeder Jahrgang erhält ein Jahrgangsteam von Lehrern, die in ihrem eigenen Jahrgangsflur sitzen. Kriterien für die Bildung einer Klasse werden Freundschaften unter den Schülern, die Geschlechtermischung und die Leistungsdurchmischung sein.

Klassenräume: Die Fünftklässler ziehen in frisch renovierte Klassenräume mit sogenannten Differenzierungsräumen, die mit einem Fenster vom Klassenzimmer getrennt sind. Hinzu kommen die Fachräume. Für Umbau und Sanierung des Schulgebäudes hat die Stadt Dissen 250000 Euro eingeplant.

Mensa: In der neuen Mensa wird täglich frisch gekocht – für eine Schulmensa keine Selbstverständlichkeit.

Philosophie: „Wir möchten die Stärken der Schüler stärken und ihre Schwächen schwächen“, formulierte eine Lehrerin das Konzept. Dabei gehe es nicht primär um die Verringerung von Defiziten, sondern um individuellen Unterricht, das gemeinsame Lernen aller und die Förderung im Fachunterricht. Der Individualität der Schüler wird durch Aufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und angepasster Zeit zum Üben Rechnung getragen. Wichtige Lernziele sind dabei Selbsteinschätzung und Feedback-Fähigkeiten.

Noten und Beurteilung: Was ist eine gerechte Beurteilung? Sie soll transparent, kriterienorientiert, vielfältig und motivierend sein, Ziele definieren und – im Idealfall – mit der Selbsteinschätzung übereinstimmen. Werden Zensuren diesen Anforderungen gerecht?

Nein, sagt die Arbeitsgruppe, gehe es doch um Lernprozesse, Diagnose, individuelle Förderung, Kompetenzen und Lernergebnisse. Diese Informationen soll der Lernentwicklungsbericht für die Gesamtschüler enthalten. Hinzu kommen für jedes Fach in Lehrerbrief an den Schüler und eine entsprechende briefliche Antwort des Schülers. Ab der neunten Klasse gibt es zusätzliche Noten.

Was passiert mit Haupt- und Realschülern? In der Realschule und in der Hauptschule Dissen werden nach den Sommerferien keine neuen Fünftklässler mehr aufgenommen. Die Schüler der Jahrgänge sechs bis zehn können ihre Haupt- und Realschulabschlüsse an ihren alten Schulen und nach dem üblichen Lehrplan in aller Ruhe in Dissen ablegen. Die IGS wächst nach und nach in die beiden Schulen hinein und ersetzt sie schließlich ganz.

Dissen und die anderen: Träger der Dissener IGS ist die Stadt, weil der Landkreis mit seinen Planungen für eine Südkreis-Gesamtschule nicht in die Puschen gekommen war. Hagen plant, ab dem Schuljahr 2018/2019 das Oberschulangebot um einen gymnasialen Zweig zu erweitern. Die Meinungen der GMHütter sind gespalten: SPD und FDP, Grüne und Linke sind für die Gesamtschule, die CDU dagegen. Jetzt sollen die GMHütter Eltern befragt werden, welche Schulform sie sich wünschen.

Anmeldung und Auftakt: Anmeldetermine für die Hermann-Freye-Gesamtschule sind der 26. April von 7.30 Uhr bis 18 Uhr und der 27. April von 7.30 Uhr bis 15 Uhr. Zum Kennenlernnachmittag sind Eltern und Schüler am 19. Juni um 16 Uhr in die Realschule eingeladen. Die von Haupt- und Realschule gestaltete Einschulungsfeier findet am 4. August um 10 Uhr in der Aula statt. Im Internet findet sich schon die Startseite der neuen Schule: www.hfg-schule.de.

Und sonst? Die Klingel kann die Klappe halten. Nach den guten Erfahrungen anderer Gesamtschulen mit dem Verzicht auf den üblichen Gong zu Beginn und Ende der Schulstunden wird auch Dissen auf die Schulklingel verzichten. Eine Randnotiz, aber eine mit Symbolkraft.


Namensgeber Hermann Freye

Kaum jemand hat die Dissener Schullandschaft so geprägt wie Hermann Freye. Der Pädagoge war von 1861 bis weit nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1877 an verschiedenen Schulen als Lehrer und Schulleiter tätig. Freye wollte den ganzen Menschen bilden. 1850, gab es im damals recht kleinen Dorf Dissen eine höhere Privatschule, ab 1857 eine dreiklassige öffentliche Bürgerschule, die von Lehrer Hermann Freye geführt wurde. Gemeinsam mit seiner Ehefrau baute er diese zu einem Lehrinstitut mit Internat aus, das bald weit über Dissens Grenzen hinaus bekannt wurde.

Er baute intensive Kontakte ins Ausland auf und holte Gastschüler aus allen Erdteilen an seine Schule. Dieses Internat, dessen Gebäude noch heute in der Stievenstraße vorhanden ist, beherbergte Schüler aus England und Frankreich und wurde deshalb im Ort auch als „Ausländerpensionat“ für junge Lords bezeichnet. Die Jugendlichen sollten ein akzentfreies Schriftdeutsch erlernen. Aber sie brachten auch etwas mit: Fußball. Englische Gastschüler sollen hier das erste Fußball- und das erste Rugby-Turnier auf deutschem Boden ausgetragen haben. Der Name Hermann-Freye-Gesamtschule für die neue Dissener Schule steht fest: Der Rat hat sich einstimmig für diesen Namen ausgesprochen. Der offizielle Beschluss fehlt noch, dürfte aber eine Formsache sein.

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