Klanggewitter im Dissener Jazz-Club Boogiemen’s Friends rasen durch die Railwaystation

Von Rolf Habben

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Dissen. Ganz offensichtlich ist es gestandene Philosophie des Jazz Clubs Dissen-Bad Rothenfelde, seinen alljährlichen Kalender gleich zu Beginn spektakulär aufzuschlagen. Außen frostig, drinnen Klanggewitter, mit der Verpflichtung der Bamberger Formation „Boogiemen´s Friends“ konnte der Jazz Club um den Vorsitzenden Hans Biewener auch in diesem Jahr abermals ein Ausrufungszeichen setzen.

Boogie Woogie, nach Axel Zwingenberger die „heißeste Musik, die jemals auf einem Klavier gespielt worden ist“, begeisterte rund drei Stunden den restlos ausverkauften Club im Dissener Bahnhof und zeigte sich nachgerade als Jungbrunnen. Neben dem erst 26-jährigen Pianisten Ulrich Zenkel und dem 20 Jahre alten Drummer Julian Göller machte sich Marc Hupfer am Klavier mit seinen 48 Jahren geradezu als Veteran der Truppe aus. Verstärkt wurde das Trio durch die erst 25 Jahre alte studierte Jazz-Sängerin Daniela Hertje, die in ihren Einlagen mit kaum zu erwartendem Stimmenvolumen überraschen konnte. Ihre zarte Statur stand im Widerspruch zu ihrem ausdrucksstarken Gesang, der eher an wohlgeformte Gospeldiven erinnerte.

Rollend und stampfend

Mit enormem Drive und Gespür für den Aufbau von Atmosphäre erstürmten beide Pianisten, nach eigenem Bekunden reine Amateurmusiker, rollend und stampfend die Gipfel europäischen Boogie Woogies. Hupfer, von Haus aus Pädagoge, sowie Zenkel als Bauingenieur bearbeiteten ihre 176 Tasten im Zeitraffer mit einem Fingerspiel in atemberaubenden Tempo. Drummer Göller, Student der Pop-Akademie Mannheim, händelte seine Sticks und Besen nur scheinbar lässig, war mit seinen Einsätzen aber stets konzentriert und zeigte sein ganzes Können vor allem in seinem aufregenden Solo gegen Ende des Konzerts.

Das Dreigestirn Albert Ammons, Pete Johnson sowie Meade Lux Lewis, „Godfathers“ des Boogie aus dem letzten Jahrhundert, bestimmten dominierend den Auftritt. Daniela Hertjes kraftvoller Gesang brachte zudem Nummern des großen Boogie Shouters Big Joe Turner angemessen zu Gehör, immer auch mit einer Prise Blues oder gar rockig angehaucht.

Authentische Spielfreude

Ob als Solo oder vierhändig an einem Instrument gleichzeitig miteinander spielend, entfachte das Duo einen energetisch stampfenden Höhepunkt nach dem anderen, wobei Zenkels rhythmisch wippende Beine seine Knie wiederholt akrobatisch in Tastenhöhe seines Spielgeräts schraubten. Eher selten sind Spaß und nicht aufgesetzte Spielfreude so authentisch zu beobachten wie mit den Bamberger Sympathieträgern, die zugleich mit lockerer Moderation für hohen Unterhaltungswert sorgten.

Perfekt aufeinander abgestimmt bis in alle rhythmischen Finessen und mit absoluter Präzision stimmte einfach alles. Tempi wurden souverän wie ein Uhrwerk gehalten, Taktwechsel gelangen synchron und alle Überleitungen wurden souverän bewältigt, kurz, das Quartett ließ nichts anbrennen.

Enthusiastischer Applaus

Mit einer gelungenen Mischung aus Boogie Woogie, Rock’n Roll und Blues begeisterten die vier Musiker das Publikum von Beginn an. Mit Ammons „Barrel House Boogie“ wurde distinguiert ein Fass hereingerollt, und sein „Swany River Boogie“ ließ einen Millionenseller wieder aufleben. Über Klassiker wie „Basin Street Blues“ führte die rasante Fahrt von New Orleans mit „Sweet home Chicago“ direkt in die Windy City.

Damit ging es aber keineswegs schon nach Hause. In der Zugabe ging es über die „Route 66“ dann aber doch heimwärts, nicht ohne Hinweis Hupfers, dass die Zahl „gleichzeitig auch die Hausnummer des Jazz Clubs“ sei. Der Applaus des Publikums war durchgängig alles andere als artig, er war ohne Übertreibung enthusiastisch.


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