Einmaliger Groove Roots-Jazz-Sensation im Jazz Club Dissen

Von Frank Muscheid

Meine Nachrichten

Um das Thema Dissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

„The Revivalists“ mischten Samstagabend energiegeladen und melodisch-markant den Jazz Club auf. Foto: Frank Muscheid„The Revivalists“ mischten Samstagabend energiegeladen und melodisch-markant den Jazz Club auf. Foto: Frank Muscheid

Dissen. Halleluja! So brachte der Frontmann der Band „The Revivalists“, Jonny Boston, mehrfach auf den Punkt, was im vollbesetzten Jazz Club Dissen - Bad Rothenfelde am Samstagabend mit ihm und seinen vier Jungs abging.

So müssen New Orleans Jazz, zartrauchig schmelzender Spiritual und krachender Swing Anno 2016 klingen. Wieder mal hatte die Jazz Club-Institution im Südkreis ein mutiges Händchen für einen Live-Kracher bewiesen. Und Mut zu einer, wie Vereins-Vorsitzender Hans Biewener anmerkte, ungewöhnlichen Besetzung.

So groovig klingen Jazz-Wurzeln selten

Die war mit dreiköpfiger Rhythmus-Fraktion und zweiköpfiger Melodie-Mannschaft ungewöhnlich verteilt, aber durch die begnadeten Musiker ein Glücksgriff: So groovig, so modern nach vorne preschend und lebhaft wie bei den „Revivalists“ klingen die Jazz-Wurzeln aus dem Südstaaten-Schmelztiegel New Orleans selten. Jazz, der rockt, der auch mal die Snare und ein komplettes Drum-Set aufblühen lässt. Kurzum: Wer unter dem Titel „Spirituals und Gospel“ ein weihnachtliches Kaffeetrinken erwartete, der wurde – neben großartiger Melodien und einer Stimme, die mit einer Mainstream-Größe wie Michael Bublé locker mithielt – mit wahren Sound-Raketen überrascht.

Blumig-frisch und hochemotional

Die Formation aus Amsterdam ging es mit „Thriller Rag“ blumig-frenetisch, nahezu klassisch an. Deutete hier aber bereits die instrumentale Wendigkeit und Ausdrucksstärke an, mit der jeder einzelne Musiker auch in diversen Soli aufwartete. Die Band war um keine launige Melodieschleife, um keinen griffigen Break verlegen – ob das nun Hans Mantel mit rasendem Banjo und Saiten-Glissando, cleveren Tonverlagerungen, etwa in „Higher Ground“ einfädelte. Oder ob nun Trompeten-Spieler und Background-Vokalist Jos Reijnhout Melodiegold mit Dampf hinter den Ventilen abließ. Ausgerechnet der „Gewichtheber“ unter den Instrumentalisten, Bassist Jaap de Wit senior, wippte geradezu sportlich etwa zum glamourösen „Royal Telephone“ zum Schnarren seiner Kontrabasssaiten. Tänzelte mit den anderen im luftig-leichten „Moulin á café“ oder „Promenade aux champs Elysees“. Oder legte sich das Tuba-Ungetüm zu „You always hurt the one you love“ um, um es geradezu federleicht hüpfen zu lassen und zum scheppernden Tieftöner-Solo eine Applaus-Spitze abzusahnen.

Weltklasse-Jazz im alten Bahnhof

Auf diesem erstklassigen Soundgerüst glänzte Jonny Boston mit seiner Edelstimme und vollem Vibrato energiegeladen oder auch mal einfühlsam wie „In the Garden“. Auch die Klarinette zwitscherte in seinen Händen mal flirrend als Diva im Rampenlicht, oder fügte sich zweiläufig mit der rauchig fließenden Trompete. Oder er bediente, wenn ihn der Blues packte, das Saxophon. Dass Jaap de Witt junior zum fantastischen Schlagzeugsolo ein Stick wegflog, wunderte bei dieser Live-Energie nicht, aber genauso schnell hatte er sich den Besen gegriffen und tobte weiter im maximalen Vorwärtsgang.

Schleppend vor Schwermut litten Instrumente und Boston dagegen bittersüß in tieferen Gefilden, nur um wie aus einem aufspringenden Sargdeckel pure Lebensfreude ausbrechen zu lassen. Gut, dass die „Revivalists“ den Frontmann in einer Londoner U-Bahn aufgegabelt haben, wie es hieß. Das war Jazz-Weltklasse in Dissen – so kann es 2017 gerne weitergehen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN