Denkmalgeschütztes Ensemble verkauft Dissener Frommenhof wird endlich wachgeküsst

Von Stefanie Adomeit


Dissen. Auf dieses Schild haben viele Dissener gewartet - fast 15 Jahre lang. Solange drohte der ältesten Dissener Hofstelle der Totalschaden. Jetzt geht es bergauf: Die Steinhagener Familie Reckmann hat den Hof gekauft, plant dort Wohnungen und Ladengeschäfte.

Der Schandfleck soll zum Schmuckkästchen werden, das Röschen hinter Dornenhecken wird wachgeküsst. Dafür haben die Söhne Jan und Lasse, 30 und 28 Jahre alt, und Vater Burkhard Reckmann die besten Voraussetzungen. Alle drei kommen aus der Branche, Lasse und Jan sind Tischler und Schreiner, ebenso der Vater. Wenn sich jemand mit der Sanierung denkmalgeschützter Bauten auskennt, dann das Trio aus Steinhagen.

Die Tinte unter dem Kaufvertrag ist gerade erst trocken, schon am Montag wollen sie ans Werk gehen und das Dach vor Nässe schützen. Mit Leidenschaft und Sachverstand: „Sachen anzupacken und sie durchzuziehen ist unser tägliches Brot“, erzählt Vater Burkhard Reckmann. Zum Glück sei der Dachstuhl intakt.

Zwei bis drei Wohnungen

Im Hauptgebäude sind in den oberen Etagen zwei bis drei Wohnungen geplant. Unten sollen ebensoviele Büros und Läden einziehen. „Das ist sicher keine einfache Überlegung gewesen, sich zum Kauf zu entschließen. Aber wenn es einer schafft, dann sie“, lobte Bürgermeister Hartmut Nümann die Käufer der 4400 Quadratmeter großen Fläche, die auch den idyllischen Garten wieder aufforsten möchten.

So sollen direkt am Dissener Bach wieder Erlen gepflanzt werden. „Das wird eine unserer ersten Arbeiten sein, damit das Grundstück schnell eingrünt“, sagt Burkhard Reckmann, und Jan Reckmann ergänzt: „Der Bauerngarten soll wieder so aussehen wie auf den alten Fotos“.

Gauben ins Dach

Aufs Dach kommen neue Pfannen, Gauben werden Licht in die oberen Geschosse bringen. Die Reckmanns haben ein Faible für historische Bauten, leben selbst in einem alten Bauernhaus auf dem Land. Den Kontakt zur Familie knüpfte Petra Weitzel, die nicht nur erste Vorsitzende des Fördervereins für den Frommenhof, sondern auch Maklerin ist. „Das war Zufall – und der Glaube, dass das Projekt zu wuppen ist.“

2018 soll das Herrenhaus fertig sein. Später kommt die Scheune dran, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Jugendherberge für Mädchen, die „Mädeleherberge“, erzählt die zweite Vorsitzende Rosemarie Rieke. Über den Baufortschritt wollen die Reckmanns auf einer eigenen Internet-Seite informieren.

Demo in drei Stunden organisiert

Schon von 1973 bis 1980 und um Ende der 90er Jahre hatte sich der Dissener Heimatverein mit der Aufforderung an den damaligen Stadtdirektor Johann Hinderks gewandt, den Frommenhof zu erhalten. Der gehörte zu dieser Zeit Ludwig Schulte.

Nichts passierte. Bis zum 27. September 2002. An diesem Tag mussten Petra Weitzel und Rosemarie Rieke innerhalb von drei Stunden eine Mini-Demo gegen den von Neu-Eigentümer Theo Maass geplanten Abriss organisieren. Daraus wurde die Bürgerinitiative „Pro Frommenhof“.

„Rosemarie Rieke und ich trafen uns an dem Tag zufällig im Supermarkt“, erzählt Petra Weitzel. Am Abend sollte die Bauausschusssitzung beginnen, in der über den Abrissantrag beraten werden sollte. Blitzschnell bastelte man ein Protestplakat zusammen, mit dem der Ausschuss im Rathaus empfangen wurde. Der Rat erklärte sich für nicht zuständig.

Bis vors Bundesverfassungsgericht

Und der Widerstand gegen den Abriss nahm Fahrt auf: Innerhalb von sechs Wochen sammelte die Initiative, aus der im Januar 2003 ein Förderverein mit 22 Mitgliedern wurde, 933 Unterschriften. Heute sind es 77 engagierte Dissener, denen der Frommenhof auch offiziell am Herzen liegt, von Anfang an dabei ist der heutige Bürgermeister Hartmut Nümann.

Seit den Gründungstagen setzt sich der Verein – oft im Hintergrund, aber unbeirrbar – für den Erhalt der Hofstelle ein. Gegen den Willen von Maass, der bis vor das Bundesverfassungsgericht zog , um die Gebäude abreißen zu dürfen. Erfolg hatte er nicht, auch weil Bauunternehmer Arno General regelmäßig Kaufangebote abgab.

Vier Mal organisierte der Verein auf eigene Kosten und mit viel Eigenleistung Sicherungsmaßnahmen, dichtete Dach und Balkon ab, entfernte Efeu, stärkte Türen und Fenster. „Wir haben immer daran geglaubt, aber es zwischendurch kaum noch für möglich gehalten“, bekennen Weitzel und Rieke.

So schön wie früher

2010 dann ein Etappensieg: Die Stadt entwickelte einen städtebaulichen Rahmenplan, ein Jahr später kaufte sie den Frommenhof, erarbeitete Nutzungsmöglichkeiten, betraute die Niedersächsische Landgesellschaft mit der Vermarktung . Gesucht wurde ein Käufer, der Charme und Einzigartigkeit des Hofes zu schätzen weiß. Jetzt ist er gefunden. Für den Förderverein aber ist seine Arbeit erst beendet, wenn der Frommenhof wieder so schön ist, wie er einmal war.

Die Sanierung soll auch Initialzündung für Ortskern und Große Straße werden, deren rückwärtige Gebäudeteile mit Blickachse auf den Frommenhof aufgewertet werden können. Der Parkplatz wird neu angelegt, „und wenn in die Große Straße drei richtige Geschäfte ziehen würden, wäre schon alles gut“, findet Nümann.


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