Polizei Bielefeld SEK probt im Ex-Klinikum Dissen Terror-Einsätze

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Dissen. Ein schwarzer Wagen hält. Polizisten mit schusssicherer Weste, Sturmhaube und Helm springen heraus und stürmen das Ex-Klinikum. Was ist denn da los, morgens um zehn in Dissen?

„Es ist wirklich ein toller Ort zum Trainieren“, sagt Andreas Thiessen, Mitarbeiter der Führungsstelle der Spezialeinheit, in die kühle Morgenluft hinein. Ein ehemals benutztes Gebäude, lange Gänge, Keller, ein funktionierender Aufzug. Ein Haus, das die Trainingsgruppe der Spezialeinheit der Polizei in Bielefeld noch nicht kennt wie die eigene Westentasche. Denn meistens proben sie den Ernstfall in einem Trainingsgebäude auf dem Gelände der Polizei – und zwar immer im gleichen Gebäude.

Der Ernstfall: Das waren früher Geiselnahmen. Zumindest zu der Zeit, als Andreas Thiessen operatives Mitglied der Einheit war. „Ich kann mich Anfang der 1980er, Ende der 1990er an kein Jahr ohne erinnern“, sagt er. Hinzu kamen Erpressungen, Entführungen, Hausdurchsuchungen – kurzum: Alle Einsätze, bei denen es besonders brenzlig werden konnte, bei denen es „auch an die Grenzen des Möglichen ging“, wie es Thiessen ausdrückt, während er das Krankenhaus betritt.

Dann knallt es. Laut genug, dass dem arglosen Besucher der Schreck in die Glieder fährt. Doch ein Blick in Andreas Thiessens Gesicht reicht, um zu wissen: Er ist weit weniger beeindruckt – „wir legen es auf die Schrecksekunde an“, verrät er. Weniger hartgesotten sind da offenbar auch die auf diese Weise überraschten Tatverdächtigen: Tatsächlich hat diese Schrecksekunde schon mehr als einem Menschen das Leben gerettet.

„Eiskalte Klientel“

Und doch: Obwohl der Trick auch heute funktioniert, hat sich das Täterprofil verändert. Kidnapper oder Diebe – durchaus schwere Verbrecher – rauben und töten auch, um zu leben. Der Fluchtreflex ist stark ausgeprägt. Einmal in Bedrängnis geraten, hält manchen Verdächtigen weder Brückengeländer noch Hauswand auf. „Heute hat es die Spezialeinheit allerdings auch mit anderen zu tun“, sagt der Polizeibeamte. Terroristen und Selbstmordattentäter, „eiskalte Klientel“. Die Fernsehbilder, die den Einsatz der französischen Einheiten beim Anschlag auf die Konzerthalle Bataclan zeigen, haben auch Andreas Thiessen entsetzt. „Man weiß, wie schwer es die französischen Kollegen dort hatten“, sagt er. Um gerüstet zu sein, sei es daher umso wichtiger, sich vorzubereiten, Handlungsabläufe zu verinnerlichen. „Train hard, fight easy“ ist daher das Motto.

Dann gehen ein paar Männer in Deckung, links und rechts neben der Tür. Aus dem Hintergrund laufen zwei Männer mit Schild los, mit einer Ramme in ihrer Mitte stoßen sie die Tür auf – der laute Knall – Rufe – Ende.

Bestimmter Typ Mensch

Lähmende Angst vor dem, was hinter so einer Tür steckt, ist auch in der Realität fehl am Platz. „Egal, wo ich Mitglieder von einem Spezialeinsatzkommando treffe“, sagt Andreas Thiessen. Die Beamten seien sich in gewisser Weise ähnlich: leistungsbereit, mit einer gewissen Unbedingtheit ausgestattet. Hinzu käme die Bereitschaft, in gefährlichen Situationen zu agieren. Grenzgänger eben. „Vielleicht glauben Sie mir nicht, wenn ich sage, dass wir auch Menschen helfen wollen“, glaubt Andreas Thiessen und sagt es auch nicht. Doch tatsächlich gehört wohl auch eine gute Portion Idealismus dazu.

Das Ex-Klinikum wirkt wie gerade erst verlassen. Nur in den blauen Türrahmen lauern Polizisten, die Augen folgen dem Besucher durch den Gang. Seltsame Stille. Gewehre im Anschlag. „Wir trainieren nicht mit scharfer Munition“, raunt der Ausbildungsleiter leise. Und wirklich: Statt einem unfreundlichen Grau-Schwarz sind die Waffen himmelblau. „Wir schießen hier nur mit Farbe“, sagt „Drago“, wie der Ausbildungsleiter mit dem wachen, durchdringenden Blick von allen genannt wird. Duzen und Spitznamen – auch über Hierarchiegrenzen hinweg – Äußerlichkeit, die das starke Zusammengehörigkeitsgefühl ausdrücken, das entsteht, wenn das Leben in der Hand des anderen liegt.

Denn in der Realität können die himmelblauen Farbgewehre wohl niemanden schrecken. Doch wo scharfe Munition ist, sterben auch Menschen. „Wir sind uns darüber sehr bewusst“, sagt Andreas Thiessen. Und so trainieren auch die Kräfte des Spezialeinsatzkommandos der Polizei, dass sie im Notfall töten müssen – oder im Gegenteil: nicht abdrücken, wenn es die Situation verlangt. Im Einzelfall sprechen sie mit Geistlichen der Polizei über diese Dinge.

Sorge im Blick

Mittlerweile stehen die Mitglieder der Spezialeinheit am Ende des Krankenhausganges und besprechen das Training. Manche haben ihre Maske abgenommen: Alle sind etwa gleich groß, durchtrainiert. Keiner ist über 45. „Drago“ beobachtet das Team. Ist da etwa auch ein Funke Sorge im Blick? „Manchmal weiß ich, dass die Jungs den Erfolg unbedingt wollten“, sagt er. Dann ist er in Gedanken dabei. „Dann sag ich vorher auch schon mal: Fahrt vorsichtig. Nicht zu schnell.“


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