Tank leer – Halt mitten auf der Autobahn Klassenfahrt-Panne: Wieder Ärger um Dissener Busunternehmen

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Erst nach stundenlangem Halt direkt an der Autobahn ging es für die Schüler weiter. Eine Schülerin kollabierte wegen der Hitze im Bus. Symbolfoto: Colourbox.deErst nach stundenlangem Halt direkt an der Autobahn ging es für die Schüler weiter. Eine Schülerin kollabierte wegen der Hitze im Bus. Symbolfoto: Colourbox.de

Osnabrück. Neuer Ärger für das Busunternehmen „Kettler‘s Reisedienst“ aus Dissen: Nach Pannen bei einer Klassenfahrt weigerten sich Schüler und Lehrer, in einem Kettler-Bus weiterzureisen. Die Tour war über Deutschlands größte Busvermietung gebucht. Die will den Dissener Betrieb nun aus der Kartei schmeißen. Das Unternehmen hingegen sieht die Schuld bei den Schülern: „Die haben gesoffen wie die Löcher.“

Romi Raudßuz hatte Angst um ihre Tochter. Die Elftklässlerin aus Sachsen war mit ihren Klassenkameraden auf Stufenfahrt im Saarland. Ihre Tagesauflüge unternahmen die Schüler des Martin-Luther-Gymnasiums Harta mit einem Bus des Dissener Unternehmens „Kettler‘s Reisedienst“. Doch auf der Rückfahrt von einer Tour ins französische Verdun ging einiges schief.

Unerträgliche Hitze im Bus

Es war der 1. Juli, einer der heißesten Tage des Jahres. Die Klimaanlage habe ohnehin nicht viel ausrichten können, berichtet Betreuungslehrer Torsten Kittler später. Aber als der Bus am Abend direkt auf der Autobahn liegenblieb, gab die Anlage vollständig den Geist auf. In dem Reisebus auf dem Standstreifen herrschte schnell eine unerträgliche Hitze, doch verlassen durften die Schüler den Bus zu ihrer Sicherheit nicht. Vom Fahrer habe es keinerlei Information über die Panne gegeben, sagt Kittler. Eine Schülerin erlitt eine Panikattacke und hyperventilierte. Ein Rettungswagen musste kommen. Auch die Polizei war vor Ort.

Später stellte sich heraus: Der Tank des Busses war offenbar komplett leer. Deshalb machte das Fahrzeug mitten auf der Strecke schlapp. „Wegen Spritmangels liegengeblieben“, vermerkte die Polizeiinspektion Nohfelden-Türkismühle in ihrem Einsatzbericht. Bis der Bus mithilfe der Polizei weiterfahren konnte, vergingen Stunden. Die 16- und 17-Jährigen gingen an dem Tag ohne Abendessen ins Bett. Am nächsten Tag fiel ihr Ausflug ins Wasser, weil sie sich weigerten, noch einmal in den Pannenbus zu steigen. Das Dissener Busunternehmen „Kettler’s Reisedienst“, aus dessen Fuhrpark der Bus stammte, wiederum weigerte sich, einen Ersatzbus zu schicken.

Immer wieder aus dem Verkehr gezogen

Als Romi Raudzuß von ihrer Tochter angerufen wurde, die von der Bus-Odyssee erzählt, begann die Mutter in Sachsen zu googlen. Sie erfuhr, dass die Polizei im vergangenen Jahr immer wieder Kettler-Busse mit erheblichen Mängeln aus dem Verkehr gezogen hatte. Und sie las, dass ein Bus der Kettler-Flotte im Juni 2014 während eines Schülerausflugs auf einer Autobahnraststätte ausgebrannt war. Die Schüler hatten sich gerade noch rechtzeitig aus dem Bus retten können.

Voller Sorge rief die Mutter bei dem Dissener Busunternehmen an. Doch was sie dort ihren Erzählungen nach hörte, konnte sie nicht beruhigen. Im Gegenteil. Der Busunternehmer habe den Schülern die Schuld in die Schuhe schieben wollen, berichtet sie empört. Die kollabierte Schülerin habe keine Panikattacke bekommen, sondern einfach nur zu viel getrunken, soll Busunternehmer Hans-Jochen Kettler Raudzuß gegenüber unterstellt haben.

„Die haben gesoffen wie die Löcher“

Im Gespräch mit unserer Redaktion geht Kettler mit seinen Schuldzuweisungen an die Schüler sogar noch einen Schritt weiter. „Die haben gesoffen wie die Löcher.“ Das sei der Grund für die Fahrtunterbrechung gewesen – auf einer Raststätte, nicht auf dem Standstreifen. Der Busfahrer habe die Schüler schützen wollen, einen leeren Tank habe es zu keiner Zeit gegeben. Erst mit Hinweis auf den offiziellen Polizeivorgang räumt Kettler ein, dass der Bus auf dem Standstreifen halten musste. Aber er behauptet weiterhin: „Tatsache ist: Es war genug im Tank.“

Betreuungslehrer Kittler ist entsetzt über die Vorwürfe. Seine Schüler nimmt er in Schutz. „Auf der Fahrt ist kein Tropfen Alkohol geflossen.“ Das Busunternehmen bezeichnet er nach seinen schlechten Erfahrungen als „schwarzes Schaf“ der Branche. Besonders ein Ausspruch Kettlers sei ihm im Gedächtnis geblieben. „Wie Sie nach Hause kommen, ist uns egal“, soll der Busunternehmer auf die Anfrage nach einem Ersatzbus erwidert haben, behauptet Kittler.

Ein „hypermoderner Ersatzbus“

Schon vor der Tankpanne waren die Lehrer des Gymnasiums Harta nicht zufrieden mit der Leistung des Dissener Unternehmens gewesen. Der Bus war mit weniger Sitzplätzen als angefordert an der Schule angekommen. Nur weil ein Schüler erkrankt zuhause blieb, konnte die Stufenfahrt mit dem Bus stattfinden. Außerdem wunderten sich die Elftklässler über Sicherheitsgurte, die mit Kabelbindern befestigt gewesen sein sollen.

Der Tonfall während der Pannentelefonate brachte das Fass dann zum Überlaufen. Betreuungslehrer Kittler beschwerte sich bei der Busvermietungsfirma, über die seine Schule „Kettlers Reisedienst“ vermittelt bekam. Die Zusammenarbeit mit der Busvermietung sei „1a“ gelaufen, so der Lehrer. Die Vermittler hätten sich sofort um einen Ersatzbus gekümmert und damit ein anderes Unternehmen beauftragt. Mit einem „hypermodernen Bus“ seien die Schüler zurück ins sächsische Harta kutschiert worden.

Gymnasium fordert Geld zurück

Das Busvermietungsunternehmen mit Sitz in Hamburg – mit 400.000 beförderten Personen im Jahr die nach eigenen Angaben größter Bus-Charteragentur Deutschlands – bestätigt die Schilderungen des Betreuungslehrers. Dass ein Bus bei einem Schulausflug den Tank leer fährt, sei ihm noch nie untergekommen, sagt einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Das kann ich mir nicht erklären und das wird es bei uns auch nie wieder geben“, fügt er an. Die Charteragentur will künftig keine Aufträge mehr an „Kettlers Reisedienst“ vergeben und das Dissener Unternehmen aus seiner Kartei schmeißen. „Was dort geleistet wurde, ist nicht unser Standard.“

Die Vermittlungsagentur kam nach eigenen Angaben zunächst für die Regress-Forderungen des Gymnasiums auf. Mehr als die Hälfte des Reisepreises von 4500 Euro übernahmen die Hamburger demnach. Das Geld wollen sie von Kettler erstattet haben. Notfalls mithilfe von Gerichten. Die Agentur ist überzeugt: Der Ersatzbus hätte von den Dissenern gestellt werden müssen.

Verkürzte Genehmigungen für den Reisedienst

Nachdem „Kettler’s Reisedienst“ 2014 mit unzureichend gewarteten Bussen in die Negativschlagzeilen geraten war, hatte der Landkreis Osnabrück als Aufsichtsbehörde genauer hingesehen und zusätzliche Prüfungen der Busse angeordnet. Das Unternehmen bestand sie einwandfrei.

Die Konzession erhielt der Reisedienst im Herbst 2014 daraufhin zwar wieder. Allerdings nur für den verkürzten Zeitraum von einem Jahr. Üblich sind Genehmigungen für bis zu zehn Jahre. Eine Verlängerung der Konzession über den Herbst 2015 hinaus habe Kettler inzwischen beantragt, heißt es beim Landkreis. Aktuell liege nichts gegen das Unternehmen vor, was dagegen spräche, sagte Sprecher Burkhard Riepenhoff unserer Redaktion.


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