Rendezvous auf dem Acker Claas bündelt Zukunftsparte „Smart Farming“ in Dissen

Von Stefanie Adomeit

Alles im Griff: vor dem Fahrer das Display, über ihm die GPS-Antenne. Geschäftsführer Carsten Hoff lenkt die Claas-Tochter E-Systems vom Standort Harsewinkel in Richtung Dissen. Foto: Michael GründelAlles im Griff: vor dem Fahrer das Display, über ihm die GPS-Antenne. Geschäftsführer Carsten Hoff lenkt die Claas-Tochter E-Systems vom Standort Harsewinkel in Richtung Dissen. Foto: Michael Gründel

Dissen. Die Landwirtschaft ist die Industrie des 21. Jahrhunderts. Davon ist das Management des Landmaschinen-Giganten Claas überzeugt. Doch irgendwann ist der kräftigste Mähdrescher mit der größten Druschleistung gebaut. Die Zukunftssparte des Harsewinkler Weltkonzerns heißt „Smart Farming“: Wenn die klügste Technik die dicksten Kartoffeln erntet.

Claas sät kräftig in die erfolgversprechende Branche, personell und finanziell, und will natürlich auch ernten. 150 Mitarbeiter hat die Tochter E-Systems bereits. Mit der geplanten Fusion der Standorte Gütersloh und Harsewinkel in Dissen im Osnabrücker Südkreis soll das Entwicklungszentrum für Elektrik, Elektronik und Software weiter wachsen. Der kluge Kopf dahinter ist der von Geschäftsführer Carsten Hoff.

Mobiles Rechenzentrum

Denn was von außen wie ein hochmotorisierter Mähdrescher aussieht, ist im Inneren längst ein Rechenzentrum auf vier Monsterrädern. „Autos haben ein Navi und einen MP3-Player. Landmaschinen haben viel mehr Funktionen, denken Sie nur an das automatische Lenken“, erklärt Hoff.

Mithilfe eines GPS-Signals fährt der Mähdrescher vordefinierte Spuren zentimetergenau ab, während sich der Fahrer in seiner Komfortkabine entspannt zurücklehnen kann. Er sitzt nur noch für den Notfall im Cockpit. „Wenn da ein Stein oder gar ein Mensch vor dem Mähdrescher liegen würde, würde das Lenksystem das im Moment noch nicht erkennen.“ Der Fahrer kann deshalb jederzeit ins System eingreifen.

Tüftler von Kindesbeinen an

Eingreifen, tüfteln, Hand anlegen: Das liegt Elektroingenieur Hoff, seit er als Kind in Fischer-Technik geschwelgt und an Modelleisenbahnen gebastelt hat. Hoff arbeitete lange Jahre in der Automobilindustrie, entwickelte Navis für Bosch und bei Hella Elektronikprodukte. Im vergangenen Sommer kam der 42-Jährige durch die Entscheidung des Unternehmens, seine Elektroniksparte zu bündeln, zu Claas. Inzwischen fließt das berüchtigte grüne Blut der großen Claas-Familie in seinen Adern.

Beeindruckende Komplexität

Was ihn am „Farming 4.0“ fasziniert? „Im Vergleich zur Autoindustrie, bei der oft eine einzelne technische Komponente im Fokus steht, finde ich es bei meiner neuen Aufgabe spannend, die Elektronik in der Maschine ganzheitlich zu betrachten.“ Die Komplexität der Maschinen beeindrucke ihn. Und die Möglichkeit, Spitzentechnologie zu entwickeln.

100 Tonnen pro Stunde

Wenn die so funktioniert, wie es sich Hoff und sein Team vorstellen, sind sie der Kuppler für das perfekte Rendezvous auf dem Acker: Hochleistungsmähdrescher säbeln pro Stunde bis zu 100 Tonnen Weizen vom Feld. Damit sind die Korntanks alle zehn Minuten voll. Weil die Maschinen zu mehreren in einer Erntekette arbeiten und der Traktor mit Überladeanhänger passend an die Mähdrescher-Riege andocken muss, stellen sich x-mal am Tag die Fragen: Wie voll sind die Korntanks? Und wo ist der Mähdrescher mit dem vollsten? Die Antwort heißt: „Fleet View“.

Digitale Choreografie

Wo dem Bauern bisher nur die Suche nach dem Mähdrescher mit dem gelb-rotierenden Lämpchen auf dem Führerhaus und das Handy am Ohr blieben, folgt das Ballett der Maschinen nun einer ausgeklügelten digitalen Choreografie. Harmoniert der Pas de deux von Mähdrescher und Trecker, schwenkt das Abtankrohr im passenden Moment aus und spuckt das gedroschene Getreide in den Überladewagen.

Wetterdaten aufs Tablet

In der Zwischenzeit erhält der Mähdrescherfahrer neue Wetterdaten aufs Tablet. In vier Stunden soll es regnen. Der richtige Zeitpunkt, mit maximaler Geschwindigkeit statt minimalem Spritverbrauch zu ernten. Farming 4.0, das Claas in Sachsen-Anhalt gemeinsam mit der Deutschen Telekom erprobt. Das Ergebnis: höhere Effizienz, niedrigere Kosten. „Das Feedback der Lohnunternehmen ist super positiv“, sagt Hoff, sogar für die Testversion, die die Landwirte am liebsten gleich behalten möchten.

Maschinen werden vernetzt

Big Data auf der Scholle. Denn die Landmaschine weiß so ziemlich alles – und erzählt es gerne weiter: In Zukunft sind Meldungen wie „In vier Wochen möchte ich frisches Öl haben. Mein Lager läuft heiß. Du bedienst mich falsch“ denkbar. „Für Fehler gibt es eine Remote Diagnosis und einen Support. Wir können in die Maschine gucken, die Daten werden gesammelt und vernetzt“ und zwischen Bauernhof und Maschine ausgetauscht. Bei Claas landen sie aber nur dann in der Harsewinkler Firmenzentrale, wenn der Landwirt das will.

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Das gesamte System funktioniert dank Telematik, der Verbindung von Telekommunikation und Informatik. Die ersten Gehversuche von Claas in dieser Sparte reichen bis in die 90er-Jahre zurück. Heute ist E-Systems ein Lieblingskind des Weltunternehmens, das die Innovationsführerschaft in der Landtechnik sichern soll.

Testgelände geplant

Deshalb plant das Unternehmen in Dissen nicht nur seine Entwicklungszentrale mit Büros, Labors und Werkstatthallen für die Prototypen, sondern auch ein 5000 Quadratmeter großes Testgelände. „Keinen Hockenheimring, aber eine Bahn zum Erproben von Überladungs- und Lenkvorgängen“, sagt Hoff. Für 250 Mitarbeiter baut E-Systems im ersten Schritt – mit der Option, auf der fünf Hektar großen Fläche weiter zu wachsen und noch mehr Fachkräfte wie Informatiker, Elektroingenieure, Maschinenbauer, Produktmanager und studierte Landwirte einzustellen.

Gute Verkehrsanbindung

Kurze Wege auf dem Acker, kurze Wege zum Käufer: Ausschlaggebend für die Entscheidung, sich im benachbarten Niedersachsen niederzulassen, sei die erstklassige Verkehrsanbindung über die Autobahn 33 und den Haller Willem und die Lage am Stadtrand gewesen.

Noch arbeiten die E-Systems-Experten in provisorischen Containerbüros in Harsewinkel und in der Gütersloher Innenstadt: „Maschinen im städtischen Bereich zu bewegen macht aber wirklich keinen Spaß“, sagt Claas-Sprecher Wolfram Eberhardt. Und dass der neue Firmensitz Dissen in Niedersachsen liegt, dem Land, das die dicksten Kartoffeln erntet, schadet auch nicht.


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