Kritik an Lokalpoltikern Dissenerin geht für Krankenhaus vor Ort auf die Barrikaden

Von Achim Köpp

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Gabriele Schminke während ihrer emotionalen Rede zur „unfassbaren“ Schließung des Krankenhauses in Dissen. Hier mit Wilfried Meyer, Vorsitzender des Albertine-Fördervereins Klinikum OSL Dissen Foto: Achim KöppGabriele Schminke während ihrer emotionalen Rede zur „unfassbaren“ Schließung des Krankenhauses in Dissen. Hier mit Wilfried Meyer, Vorsitzender des Albertine-Fördervereins Klinikum OSL Dissen Foto: Achim Köpp

Dissen. Bei der jüngsten Klinikum-Demo in Dissen versammelten sich rund 200 Bürger, um für eine funktionierende Akut- und Notfallversorgung vor Ort zu demonstrieren. Die Dissenerin Gabriele Schminke ging dabei mit der Politik hart ins Gericht.

„Ich bin eigentlich keine echte Dissenerin“, rief die gebürtige Bielefelderin Gabriele Schminke bei der Demo für ein Krankenhaus: „Vor 20 Jahren wurde ich der Liebe wegen Dissenerin, aber an den Ort hatte ich eine komplett andere Erinnerung. Sie war wie manches in der Kindheit viel schöner als die Realität, die ich hier vorfand“.

„Ich fand hier so richtig nicht, was mich interessierte und begeisterte“, fuhr sie fort, „die Kommunalpolitik erschien mir langweilig, und etwas Besonderes geschah nur, wenn die Bürger selbst die Initiative dazu ergriffen, wie etwa bei Dissen skurril, beim Frommenhof oder beim Lernstandort Nolle. Doch jetzt, durch diese unfassbare Aktion, das Krankenhaus zu schließen, das dringend benötigt wird, bin ich auch mental in Dissen angekommen.“

Der Besuch ihrer ersten Ratssitzung mit dem Thema Krankenhaus im letzten Frühjahr erschüttere sie noch heute, rief sie: „Da wurde in einer öffentlichen Sitzung, zu der 30 besorgte Bürger gekommen waren, eine vorverfasste Protestresolution verlesen und so emotionslos von allen Ratsmitgliedern abgenickt, dass ich mich fragte: Haben die überhaupt verstanden, worum es geht? Und die habe ich noch zum Teil gewählt.“

„Ob die Politiker über alle Parteien hinweg wirklich unsere Sorgen erkennen“, fragte sie, „sie sehen wohl nur, dass alle hier heute bei der Demo nicht alles widerspruchslos hinnehmen wollen. Jedoch vieles, was an Ankündigungen in die Presse lanciert wird, dient meiner Meinung nach nur dem einzigen Zweck, uns zu beruhigen und einzulullen. Denn wenn dann just am Tag unserer großen Demo vor drei Wochen die Landesregierung verkündet, sie denke darüber nach, eine ambulante Notfallversorgung einzurichten, dann ist das genau der Punkt: Die Bürger einlullen.“

Und weiter: „Was wollen wir mit einer ambulanten Notfallversorgung? Wir brauchen eine Klinik mit Betten. Wo Menschen behandelt, operiert und gepflegt werden, wo man in Würde sterben kann, wo Schmerzpatienten kompetent und ortsnah behandelt werden und die Familie und Freunde Gelegenheit haben, bis zur letzten Stunde dabei zu sein, weil sie in Dissen oder in der Nähe wohnen“.

Dass dann der Bürgermeister mit dem Staatssekretär in Hannover ein „angenehmes“ Gespräch über Notfallversorgung geführt habe, bezeichnete Schminke ebenfalls als „Einlullen“. Auch habe sie der Rede des Bürgermeisters vor einer Woche entnommen, dass er keine Hoffnung mehr für ein Krankenhaus habe. „Er gibt sich also mit der lauen, unverbindlichen Zusage, dass irgendwas für Dissen medizinisch, vielleicht in Form einer Notfallpraxis, zufrieden. Und diese Lösung passiere auch nur dann, wenn wir alle fest weiter demonstrieren, damit Druck auf Hannover ausgeübt wird!“

„Dafür“, betonte sie, „demonstriere ich nicht! Nicht jeden Freitag, nicht in meiner kostbaren Freizeit“, und, an ihre Zuhörer gewandt, „auch sie alle hier wahrscheinlich nicht. Der Druck muss von den regionalen Politikern ausgehen, das ist ihr Job, das erwarte ich von ihnen, dafür sind sie gewählt worden. Die von ihnen akzeptierte Lösung ist für uns alle hier inakzeptabel.“

Und sie brach eine Lanze für den Vorsitzenden des Albertine-Fördervereins: „Wenn wir Wilfried Meyer nicht hätten, sähen wir alle alt aus“, urteilte sie, „hier würde nichts geschehen, und ich bewundere ihn, wie er kompetent und unbeirrbar sein Wissen und seine Kraft einsetzt, um das Ziel zum Wohl der Menschen hier zu erreichen! Herr Nümann“, rief sie, „so geht kämpfen!“ Ihr Dank galt auch dem Ehepaar Sieglinde und Manfred Schneider sowie einigen anderen Mitstreitern.

Die Zukunft des Krankenhauses Halle/Westfalen, das nach Aussagen aus Hannover die Bürger aus Dissen im Notfall aufsuchen sollten, sah die Rednein düster. Sie erinnerte an dessen Fusion 2010 mit Bielefeld: Seitdem trage das Haller Krankenhaus auch den Namen Klinikum. „Bielefeld möchte eine Geriatrie aufbauen, dazu fehlen dort 100 Betten. Ahnen Sie jetzt, warum das Krankenhaus Halle gekauft wurde?“

Gabriele Schminkes Szenario für 2025: „Kein Krankenhaus zwischen Bielefeld und Osnabrück, Hausärzte zu 75 Prozent Rentner und kein Nachfolger, Fachärzte gibt es nicht mehr, weil sie keine Belegbetten in einem Krankenhaus nutzen können, die Bevölkerung wird im Durchschnitt viel älter sein, Familien mit Kindern haben sich andere Wohnorte gesucht, wo sie besser versorgt sind, und die Industrie hat den Standort Dissen zurückgebaut und ist an andere Orte gezogen, dorthin, wo viele Arbeitnehmer nun wohnen und im Notfall besser versorgt sind.“

„Mir macht dieses Szenario zugegebenermaßen Sorgen, und ich weiß nicht, ob ich im Jahr 2025 unter diesen Bedingungen noch in Dissen wohnen möchte“, schloss Schminke.


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