„Niemand wird fallengelassen“ Dissener Lernstandort bietet zweite Chance auf Schulabschluss

Auch praktische Einheiten gehören beim Bildungskurs zum Stundenplan. Foto: LernstandortAuch praktische Einheiten gehören beim Bildungskurs zum Stundenplan. Foto: Lernstandort

Dissen. Zuhause gab’s nur noch Stress. Für die Schulnoten hatte sich da schon lange keiner mehr interessiert. Gut sahen ohnehin nicht aus. Wie auch? Auf Mathe oder Deutsch war der Kopf gerade so gar nicht gepolt. Mit dem Abschluss hat es dann auch nicht geklappt. Und nun? Hilfe bietet der Lernstandort Noller Schlucht.

Ohne Schulabschluss sieht die berufliche Zukunft düster aus. Eine zweite – und auch dritte oder vierte – Chance bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen deshalb der Lernstandort Noller Schlucht. In einem einjährigen Bildungskurs bereiten sie sich intensiv und mit enger pädagogischer Betreuung auf die Hauptschulabschluss-Prüfung für Nicht-Schüler vor. In kleinen Lerngruppen von maximal 15 Teilnehmern wird Versäumtes aufgeholt, werden schulische Inhalte in greifbare Praxis transferiert.

Den Teilnehmern kommen dabei die Angebote der Jugendwerkstatt zugute. Denn je nach Interesse ergänzen Hauswirtschaft oder Holztechnik den wöchentlichen Stundenplan. Da kommt der verhasste Dreisatz plötzlich ganz schmackhaft auf die Zunge, wenn für das gemeinsame Mittagessen ein Rezept umgerechnet werden muss. Die Flächenberechnung wird am hölzernen Werkstück im besten Wortsinne be-greifbar.

Und auch der Deutschaufsatz ist kein Buch mit sieben Siegeln mehr, wenn darin die Vorbereitungen für die gemeinsame Weihnachtsfeier im Lernstandort beschrieben werden. Eine enge Zusammenarbeit mit der Hauptschule Dissen gewährleistet, dass die Inhalte des Bildungskurses dem angestrebten Abschluss entsprechen. Bei der Prüfung selbst haben die Teilnehmer „Heimvorteil“: Sie findet durch jeweils einen Prüfer des Lernstandortes und einen der Hauptschule direkt in den Räumen des Lernstandortes statt.

Dabei zeigt die Erfahrung, dass rund 90 Prozent der Teilnehmer, die sich zur Prüfung anmelden, diese auch bestehen. Gleichzeitig gilt jedoch: Nicht jeder, der über den Bildungskurs den nachträglichen Abschluss anstrebt, meldet sich auch zur Prüfung an. Denn manchmal erweist sich im Verlaufe der Förderung, dass die Voraussetzungen für einen Hauptschulabschluss einfach nicht gegeben sind. Dann bietet der Lernstandort Noller Schlucht andere Wege und Optionen an. „Wir wollen die Teilnehmer nicht malträtieren“, erklärt Case-Managerin Maria Brockmeyer.

Was humorvoll klingt, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Denn die Teilnehmer des Bildungskurses blicken oft auf eine lange und schmerzhafte Reihe schulischer Misserfolge zurück. Die Ursachen sind so individuell wie die Lebensläufe. Probleme im Elternhaus, mit dem ersten Freund oder der Freundin, Unglücksfälle, Krankheit und Trennung in der Familie oder eigener Drogenkonsum werfen Schüler aus der Bahn. „Die Regelschule kann derartige Belastungen oft nicht auffangen“, weiß Derk van Berkum, Geschäftsführer des Lernstandortes Noller Schlucht.

Die Teilnehmer des Bildungskurses bringen diese Belastungen mit – und setzen sich mit ihnen vor dem Beginn der eigentlichen Lerneinheiten auseinander. Sechs Wochen lang haben sie im Lernstandort Gelegenheit, innerlich anzukommen, einander kennenzulernen, sich über die eigenen Ziele klar zu werden. Soziale Kompetenzen werden gefördert und Beziehungen aufgebaut – zu den anderen Teilnehmern und auch zu den Mitarbeitern. Schnell stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dabei fest: „Es gibt immer jemanden, der für mich da ist und mit dem ich reden kann.“

Für Maria Brockmeyer ist diese Phase des „Ankommens“ entscheidend, um mit den Lerninhalten später anders umzugehen, als es in der Schule der Fall war. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass es kein Sitzenbleiben und kein Versagen gibt. Stattdessen wird ein gleitender Wechsel in andere Angebote ermöglicht, sobald erkennbar wird, dass es trotz aller Förderung für den Hauptschulabschluss nicht reicht. „Bei uns wird niemand fallengelassen“, betont die Case Managerin. Damit ist der Lernstandort für viele Jugendliche der einzige, verlässliche Partner in ihrem Leben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass das Miteinander ohne Regeln auskommt. Grenzen müssen gesetzt werden. Doch Regelverletzungen oder auch fortgesetzte Verweigerungen werden nicht mit einer „Strafarbeit“ oder gar einem Verweis geahndet. Vielmehr bekommt der Teilnehmer die Gelegenheit zu beweisen, dass es ihm ernst ist – mit dem Bildungskurs und auch mit der eigenen Zukunftsperspektive. Und wenn trotz allem die nötige Reife noch fehlt? Dann ist auch ein zweiter oder dritter Anlauf im Bildungskurs möglich.

„Wir geben den Teilnehmern die Zeit, die sie benötigen“, erklärt Maria Brockmeyer. Das Ergebnis halten sie am Ende stolz in ihren Händen: das Hauptschul-Abschlusszeugnis, neutral ausgestellt von der Landesschulbehörde.


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