Gans ganz klassisch mit Koran Dissener Familie Özkan lebt Weihnachten nicht religiös



Dissen. Die Gans schmort ganz klassisch auf Möhren und Porree. Serviert wird sie nicht am ersten Weihnachtstag, sondern am 25. Dezember, einem Tag mit viel Familie und Geschenken, aber ohne Tannenbaum und „Stille Nacht“. Das ist der Unterschied zwischen dem, was Christen Weihnachten nennen und den gemütlichen Tagen zwischen den Jahren bei Familie Özkan.

„Ich habe auch einige türkische Freunde, die einen kleinen Tannenbaum aufstellen“, erzählt Meryem Özkan bei einem Glas türkischem Tee in ihrer gemütlichen Küche. Der Tee ist am Schwarzen Meer gewachsen, bitter und süß. Von dort stammt auch Meryem Özkan. Vier Jahre, nachdem sie 1980 in der Türkei geboren wurde, kam sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Isa nach Osnabrück. Da arbeitete ihr Vater schon 17 Jahre lang in Deutschland. Ein Jahr später zog die kleine Familie nach Dissen, damit es der Vater näher zur Arbeit in der Harsewinkler Landmaschinenfabrik Claas hatte.

Ein typischer Lebenslauf: Meryem Özkan besuchte in Dissen Grund- und Realschule und erlernte den Beruf der Medizinischen Fachangestellten. Früher nannte man das Arzthelferin. Das ärgerte sie, „wir machen viel mehr als nur helfen“.

Die 34-Jährige arbeitet in einer Glandorfer Praxis. Heute hat sie frei. Im Gegensatz zu ihrem kleinen Sohn Mikail. Der Dreieinhalbjährige ist im Kindergarten.“ Sie lacht: „Das ist ganz gut so. So haben wir Ruhe zum Reden.“

Einen Weihnachtsbaum stellen sie und Mann Sedat, der vor 13 Jahren aus der Türkei nach Deutschland zog und heute Inhaber einer Waschanlage ist, nicht auf. „Wir leben nach den muslimischen Regeln. Wir beten regelmäßig, und ich halte auch die Fastenzeit ein.“ Zum Gebet rollen Meryem und Nida Özkan im Wohnzimmer ihre Teppiche in Richtung Mekka aus und legen den Schleier an. Auf Knien versenken sie sich in ihren Glauben. Der Koran liegt griffbereit auf dem Schrank.

Im Fenster der Küche spiegeln sich währenddessen brennende rote Kerzen, die sich die Fensterbank mit kleinen violetten und silbernen Weihnachtskugeln, zwei knuffigen Nikoläusen mit Rauschebart und einem Stern aus Papier teilen müssen, der ein Teelicht trägt. „Hast du den gebastelt, Nida?“ Die Achtjährige nickt, „den haben wir in der Schule gemacht“.

Dort besucht Nida auch den christlichen Religionsunterricht, aber ebenso den Türkisch-, Russisch- und Englischunterricht. Zwischendurch streut Mutter Meryem ein paar türkische Sätze in ihr Gespräch mit Nida ein. „Ich bin als Kind auch im Religionsunterricht gewesen, und genau wie jetzt Nida auch im Türkischen Kulturverein.“ Der liegt gleich gegenüber.

Religiös geprägt ist Weihnachten bei Familie Özkan nicht, wohl aber kulturell, so wie bei vielen der vier Millionen Muslime in Deutschland. „Die Kinder bekommen Geschenke, wir Erwachsenen schenken uns nichts. Ich möchte verhindern, dass sich meine Kinder ausgegrenzt fühlen oder nicht mitreden können, oder dass sie denken, sie seien anders“, schildert Meryem Özkan ihre Beweggründe.

Deshalb dürfen Nida und Mikail jeden Tag ein Adventskalendertürchen öffnen, am Nikolausmorgen ganz tief in den Stiefel greifen und sich einfach freuen. „Meine Schwester packt den Kindern immer etwas in den Stiefel. Sie sorgt auch für die Geschenke zu Ostern“, erzählt Meryem Özkan.

Weil der heilige Nikolaus Bischof von Myra war, das heute auf dem Gebiet der Türkei liegt, kennt man den Noel Baba natürlich auch am Bosporus – und in muslimischen Familien überall auf der Welt. Auch aus welchem Anlass Weihnachten gefeiert wird, weiß Nida sehr genau. Und natürlich genießt sie mit ihren Klassenkameraden das Schulweihnachtsfest –und Mutter Meryem hilft bei den Vorbereitungen.

„Wir haben viele deutsche Freunde, und es ist einfach schön, diese Zeit mit den Kindern zu zelebrieren.“ Dabei wüssten die genau zu unterscheiden zwischen Heiligabend und Zuckerfest, Allah und Jesus. Und so weit voneinander entfernt sind die Weltreligionen in manchen Figuren und Geschichten gar nicht. Deshalb findet man auch bei den Özkans Maria, Jesus und Erzengel Michael in der Familie.

Meryem ist die arabisch-türkische Entsprechung für Maria. Ihr kleiner Sohn Mikail, der gerade noch seine Kindergartentruppe auf Trab hält, trägt den Namen des Erzengels Michael. Dessen Fürbitte empfahl sich Mohammed an seinem Totenbett.

Und Jesus? Jesus heißt Meryem Özkans Bruder, denn dafür stehe der Name Isa, übersetzt sie. Jesus oder Isa, geboren von der Jungfrau Maria oder Meryem, zu ihren Füßen der Erzengel Michael. Ein schönes Bild. Und ein schöner Grund, der Religion des jeweils anderen Respekt zu zollen – nicht nur zu Weihnachten.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN