Raus aus dem „schwarzen Loch“ Unterstützung für Jugendliche in Noller Schlucht


Dissen. Die Schule war zuletzt nur noch ein Krampf. Mit der Ausbildung hat es auch nicht geklappt. Und irgendwie ist inzwischen sowieso alles egal: Wenn die Perspektiven fehlen und Abhängen zum Alltag wird, fällt ein neuer Start schwer. Unterstützung erhalten Jugendliche im Leerraum zwischen Schule und Ausbildung im Lernstandort Noller Schlucht.

Das Spektrum der Fördermaßnahmen im Lernstandort ist groß. Doch die Probleme, die auf den Schultern der Teilnehmer lasten, sind vielfältig. Ein starres Korsett der Hilfe wird ihnen oftmals nur schwer gerecht. „Wir sind deshalb abgerückt von den zuweisenden Maßnahmen hin zu einer bedarfsgerechten Struktur“, erklärt Case-Managerin Maria Brockmeyer. Welches Angebot entspricht tatsächlich dem individuellen Bedarf? Diese Frage stellt sich für das Team des Lernstandortes unter der Leitung von Geschäftsführer Derk van Berkum bei jedem einzelnen Teilnehmer.

Die Integration in die Gesellschaft ist das oberste Ziel aller Hilfe. Die Vermittlung in Ausbildung oder Arbeit ist dabei ein, aber keineswegs der einzige Aspekt. Und oft sind viele Schritte nötig, bevor an eine Ausbildung überhaupt gedacht werden kann – etwa dann, wenn im Lebenslauf nach dem Ende der Schulpflicht ein schwarzes Loch klafft: Eine Ausbildungsstelle hat sich auch nach langem Suchen nicht gefunden oder musste – aus welchen Gründen auch immer – abgebrochen werden. Die Unterstützung, die noch einmal hätte Mut machen können, fehlt.

Was bleibt, sind Resignation und Antriebslosigkeit. Die Nacht wird zum Tag, denn Aufstehen lohnt sich nicht. Jegliche Tagesstruktur gerät völlig aus den Fugen. Sie neu zu vermitteln, neuen Antrieb und damit die Chance auf Veränderung zu vermitteln, ist ein Ziel des Konzeptes „Stabil“ im Lernstandort. Es klingt so einfach – und ist doch keineswegs selbstverständlich: morgens mit dem Wecker aufzustehen, sich auf den Weg zu machen und zu einer festgesetzten Zeit an einem festgesetzten Ort zu erscheinen.

Die Forderung alleine hilft da nicht weiter, weiß Derk van Berkum: „Viele Jugendliche sind über Jahre ohne eine feste Tagesstruktur. Sie kriegen einfach den Dreh nicht mehr.“ Die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann, ist ein erster und vielleicht der wichtigste Schritt. In einem Vorgespräch setzt sich der Jugendliche daraufhin mit dem Team des Lernstandortes zusammen. Gemeinsam mit dem künftigen Teilnehmer wird ein Plan erstellt. Realistische Ziele werden formuliert und in einem Vertrag festgehalten.

„Das kann bedeuten, zunächst einmal täglich für zwei Stunden herzukommen“, erklärt Maria Brockmeyer. Im Lernstandort erwartet die Jugendlichen dann eine Beschäftigung, die ihren Interessen entspricht: Sie helfen bei der Vorbereitung des gemeinsamen Mittagessens, arbeiten in der Tischlerei oder im Garten- und Landschaftsbau. Nach zwei, drei Wochen ohne Fehltage wird die Zeit der Anwesenheit im Lernstandort und die Einbindung in verschiedene Angebote, pädagogische und präventive Maßnahmen immer weiter ausgebaut.

Dabei hilft die Erkenntnis: „Ich bin nicht egal!“ Viele Jugendliche erleben im Lernstandort zum ersten Mal, dass sie als Mensch ganz unabhängig von einer erbrachten Leistung wichtig sind. Dass es nicht gleichgültig ist, ob sie erscheinen oder nicht, ob sie sich einbringen oder nicht – im Gegenteil: Die Mitarbeiter des Lernstandortes fragen nach, rufen an, wenn der Jugendliche morgens fernbleibt, und haben jederzeit ein offenes Ohr für seine Probleme.

„Manche Jugendliche benötigen nur einen kleinen Anstoß, um wieder auf die richtige Bahn zu kommen“, weiß Maria Brockmeyer. Andere tragen trotz ihrer Jugend bereits ein schweres Paket an Problemen. Drogen oder Alkohol in der Familie, Schulden, Depressionen, familiäre Auseinandersetzungen oder gar sexueller Missbrauch müssen sehr individuell und zum Teil mit gezielten Maßnahmen aufgearbeitet werden, bevor an eine Stabilisierung und spätere Ausbildung überhaupt zu denken ist.

Dabei gilt für das Team des Lernstandortes: Jedes Leben ist anders. Und jeder Einzelne ist es wert, alle notwendige Unterstützung zu erhalten. „Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, diese Jugendlichen aufzugeben“, ist Maria Brockmeyer überzeugt. Für sie ist das Programm „Stabil“ nicht nur gesellschaftliche Verantwortung, sondern angesichts eines zunehmenden Mangels an Auszubildenden auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

„Natürlich können wir nicht jeden retten“, räumt Derk van Berkum ein. Aber über den Lernstandort finden immerhin 60 Prozent der Teilnehmer, die sonst ohne Chance geblieben wären, den Weg in Ausbildung und/oder Beschäftigung.


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