Kein Asylantenheim im Krankenhaus Dissener Klinik-Aus: Protest soll Fahrt aufnehmen

Von Stefanie Adomeit

Empörung, Trauer, Verzweiflung: 250 Menschen waren zur Bürgerversammlung in die Grundschule gekommen.Foto: Anke SchneiderEmpörung, Trauer, Verzweiflung: 250 Menschen waren zur Bürgerversammlung in die Grundschule gekommen.Foto: Anke Schneider

Dissen. Es war eine explosive Mischung: 250 Südkreis-Bürger, ein Bürgermeister, ein Krankenhaus-Fördervereinsvorsitzender und eine geschlossene Klinik. In der Dissener Bürgerversammlung gab es nur ein Thema: das Klinik-Aus und seine Folgen.

Der Stand der Dinge: Bürgermeister Hartmut Nümann nahm kein politisches Blatt vor den Mund, als er berichtete, dass die 123 Betten des Krankenhauses so gut wie aus dem Krankenhausplan gestrichen seien. Im Ruckzuck-Umlaufverfahren sollten die Mitglieder des Krankenhaus-Planungsausschusses zustimmen. Das Ministerium sei „dankbar für eine kurzfristige Rückmeldung“. Damit hätten der Träger, das Klinikum Osnabrück, Dissen im Schulterschluss mit dem Sozialministerium den Garaus gemacht. „Der Standort ist weg. So ehrlich müssen wir sein.“ Eine Klage gegen die Schließung habe nach Expertenmeinung keine Erfolgsaussicht. Mit Blick zur rot-grünen Landesregierung sagte SPD-Mann Nümann: „Ich habe noch nie etwas anderes gewählt, aber dieses Mal kann ich die SPD nicht wählen. Es ist traurig, dass ich das sagen muss.“

Wie geht es weiter: Dem Gerücht, dass aus dem Krankenhausgebäude ein Aufnahmelager für Asylbewerber werden könnte, erteilte Nümann eine Absage. „Das wäre nur mit Zustimmung der Stadt Dissen möglich. Allerdings wolle das Klinikum Osnabrück die Klinik am liebsten abreißen.

Nümann dankte allen, die sich seit Monaten mit aller Kraft für den Erhalt der Klinik eingesetzt haben. Auch er werde weiter dafür einstehen, dass Dissen eine Erstversorgung bekomme, räumte aber ein: „Ich habe es noch nie erlebt, dass das Ministerium Geld für ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) gibt. Den Vorwurf eines Zuhörers, dass er nicht genügend getan habe, um das Krankenhaus zu retten, wies Nümann zurück. „Wir als Stadt haben darauf leider überhaupt keinen Einfluss.“ Er habe permanent Gespräche geführt, um eine Lösung für die Misere zu finden. Hoffnung schürte der Fördervereinsvorsitzende Wilfried Meyer: „Auch eine politische Entscheidung kann korrigiert werden. Ich kämpfe weiter, bis wir ein MVZ bekommen.“ „Wir müssen mit unserem Protest aggressiver werden“, forderte ein Zuhörer alle SPD- und Grünen-Mitglieder dazu auf, aus ihrer Partei auszutreten.

„Ihr solltet keine gegenseitigen Fronten aufbauen“, mahnte Campotel-Inhaber Johan Bosch, der in der Hochsaison dreimal in der Woche mit Urlaubern im Krankenhaus war. Sein Vorschlag: „Schafft starke Bilder, Bilder, an denen niemand vorbeischauen kann. Wozu haben wir hier eine Autobahn?“

Die Notfallversorgung: Seit fünf Wochen müssen Rettungswagen mit ihren Patienten bis Osnabrück, GMHütte oder Halle fahren. Weitere Fahrten bedeuten längere Einsatzzeiten pro Patient – damit weniger Gelegenheit, anderen Patienten zu helfen. Von wahren Rettungsodysseen wussten viele Zuhörer zu berichten. Wo in Dissen schnell und gut geholfen worden sei, müssten nun auch ältere Patienten in den Osnabrücker Notaufnahmen stundenlange Wartezeiten und unwürdige Situationen ertragen: „Meine Frau lag auf dem Flur. Als endlich ein Arzt kam, sagte der: Machen Sie sich schon mal frei – und verschwand für 20 Minuten.“ Auch der Bericht über einen Schlaganfall-Patienten, der zunächst in der Schüchtermann-Klinik landete, die dafür nicht zuständig ist, dann im Klinikum, wo ein OP-Saal außer Betrieb gewesen sei, und schließlich mit dem Hubschrauber nach Gelsenkirchen geflogen worden sei, empörte die Zuhörer.

Ein Rettungssanitäter bestätigte: „Wir fahren uns den Hintern ab, weil wir für jede Kleinigkeit nach Osnabrück müssen.“ Hin- und Rückfahrt könnten da schon mal anderthalb Stunden dauern. Zwar werde seit Dienstag ein zusätzlicher Rettungswagen eingesetzt, allerdings nur zwischen 8 und 14 Uhr, denn das Fachpersonal fehle. Außerdem komme es vermehrt zu Aufnahmestopps in den drei Osnabrücker Kliniken.

Die nächste Mahnwache für das Krankenhaus findet am Freitag um 16 Uhr auf dem Rathausplatz statt. Warme Socken nicht vergessen.