Siedlung für Teilselbstversorger An der Schützenstraße halten die Dissener zusammen

Die künftigen Hausbesitzer spuckten beim Baubeginn in der Schützenstraße in die Hände. Eigenleistung war damals selbstverständlich. Archivfoto: Siedlergemeinschaft DissenDie künftigen Hausbesitzer spuckten beim Baubeginn in der Schützenstraße in die Hände. Eigenleistung war damals selbstverständlich. Archivfoto: Siedlergemeinschaft Dissen

nde Dissen. Die Schützenstraße gehört zusammen mit Blumen-, Feld- und Kurzer Straße zur Ostsiedlung, früher „Schmiedebreede“ genannt. Sie führt zum Schützenheim Röwekamp, das den Schützenverein zu Dissen 1657 beherbergt.

Hier wurde 1937 mit dem Bau einer Siedlung für sogenannte „Teil-Selbstversorger“ begonnen. Teilselbstversorger deshalb, weil Lebensmittel wie zum Beispiel Hefe, Salz und Öl hinzugekauft werden mussten, Obst und Gemüse wurden angebaut und Vieh für den Eigenbedarf gehalten. Denn nicht nur in Dissen herrschte zu dieser Zeit Wohnraumknappheit. Das Bauland war einstmals „Pastorenland“. Die Gemeindeverwaltung erwarb es von der lutherischen Kirchengemeinde im Austausch gegen anderes Gelände.

„Früher war hier nur ein Feldweg, der Friedhof war kleiner als heute“, erinnert sich Dieter Mäscher. Sein Vater war einer der Ersten, die in der Schützenstraße bauten. Die Neuigkeit, dass es nunmehr möglich war, ein Eigenheim zu bauen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Interessierten waren sowohl Arbeiter als auch Handwerker. Sie mussten Mitglied der NS-Organisation Deutsche Arbeitsfront (DAF) sein und sich ihre „Erbgesundheit“ ärztlich bescheinigen lassen, erinnert sich Mäscher. Wer nachweislich über mindestens 1000 Reichsmark Kapital verfügte, konnte für 0,70 Reichsmark pro Quadratmeter (1 RM = 0,82 Euro) ein Grundstück erwerben. Beim Bau half jeder mit. Gut waren die Bauherren dran, die einen Maurer „an der Hand“ hatten. Bis 1945 hieß die Siedlung DAF-Siedlung.

In der Schützenstraße wurden insgesamt 13 Häuser gebaut, alle in fast identischer Bauweise. Zur Straße hin befindet sich der Wohnbereich, direkt an den Wohntrakt angeschlossen war ein Stall für ein Schwein, Hühner oder Kaninchen. Hinter dem Haus das sogenannte „Pottstück“. Hier wurden Kartoffeln und all das angepflanzt, was später im „Pott“ landete. Auch die einzige Stelle mit fließendem Wasser fürs ganze Haus fand sich in diesem Bereich. Am Eingang unter dem Vordach steht auch heute noch eine Bank bei Dieter Mäscher: „Diesen Platz nannten wir früher nasse Ecke“, schmunzelt er. Denn hier genehmigten sich die Nachbarn nach getaner Arbeit ein Schlückchen und plauschten über die neuesten Neuigkeiten. Sowieso hatte Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. Seit 1937 besteht mittlerweile die Siedlergemeinschaft Dissen.

Dieter Mäscher selbst war von 1973 bis 1984 Gemeinschaftsleiter. Alle Siedler zahlten einen monatlichen Beitrag. Von dem Geld wurden Anschaffungen für alle getätigt, ein Vertikutierer oder mal ein Dampfentsaftgerät. Saatgut konnte günstiger erworben werden als Mitglied im Siedlerbund. Aber auch Siedlerbälle und Reisen wurden von dieser Einlage finanziert.

Auch heute noch reihen sich am Berg die weißen Häuser wie Perlen an einer Schnur auf. Schon lange baut hier niemand mehr Kartoffeln an oder hält gar eine Ziege im Stall. Dem Betrachter bietet sich heute an der Schützenstraße das Bild einer beschaulichen Siedlung mit gepflegten Vorgärten. Hier, wo einmal bis zu drei Generationen unter einem Dach lebten und fürs junge Eheglück nicht viel Privatsphäre blieb, die Stube mit dem Kohleofen geheizt und abends zum Akkordeon gegriffen wurde, ist es still geworden. „Früher war die Arbeit zwar härter, aber es gab auch mehr Zusammenhalt und Geselligkeit“, sagt Dieter Mäscher nachdenklich. Und seine Frau nickt zustimmend.