Dissener Diakon heiratete Partner „Herr Roggenkamp, Sie sind schwul. Müssen wir darüber reden?“

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Beziehung unter den Segen Gottes gestellt: Diakon Tobias Roggenkamp (rechts) und sein Partner Kurt-Georg Grothum haben „Ja“ zueinander gesagt. Foto: Egmont SeilerBeziehung unter den Segen Gottes gestellt: Diakon Tobias Roggenkamp (rechts) und sein Partner Kurt-Georg Grothum haben „Ja“ zueinander gesagt. Foto: Egmont Seiler

Dissen. Tobias Roggenkamp ist evangelischer Diakon, 45 Jahre alt, arbeitet seit 2010 in der Mauritius-Gemeinde in Dissen, ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und schwul. Er selbst votierte vor Jahren gegen die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der evangelischen Kirche. Vor ein paar Wochen hat er sich für die Eingetragene Lebenspartnerschaft mit seinem Mann entschieden – Segen inklusive.

Herr Roggenkamp, Sie sind mit dem Menschen zusammen, den sie lieben. Damit sind Sie bei Weitem nicht der Erste. Warum müssen wir trotzdem drüber reden?

Ich bin als Diakon mit einem Mann verheiratet. Für mich ist es normal, für viele andere auch, aber längst nicht für alle. Die Evangelische Kirche in Deutschland kann sich nicht einigen. Es gibt Landeskirchen, die sagen: Ja, das kann man machen. Es gibt sogar die, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften in ihre Kirchenbücher eintragen. Viele stellen es in die Verantwortung des Geistlichen, der selbst entscheiden soll. Nicht in allen Kirchen ist die Segnung selbstverständlich.

Landesbischof Ralf Meister will mehr Rechte für Schwule und Lesben. Er spricht sich klar für die Segnung aus.

Genau. Der Bischof sagt, Gott schenke die Liebe, unabhängig vom Geschlecht. Er hat dafür viel Kritik einstecken müssen. Schließlich haben wir in der Kirche Kreise von ganz links bis ganz rechts. Die evangelikalen Kreise sehen das Bild von Ehe und Familie, den Schöpfungsgedanken von Adam und Eva, ad absurdum geführt. Für sie macht es einen großen Unterschied, ob ein Mann einen Mann liebt oder eben eine Frau. Meister betont, dass er seine Ehe und seine Familie in keiner Weise dadurch bedroht sehe, dass gleichgeschlechtliche Paare ihre Liebe unter den Segen Gottes stellen.

War es denn für Sie immer so klar, dass Sie sich segnen lassen wollen?

Nein, ganz und gar nicht. Das hat sich entwickelt. Kollegen damals im Kirchenkreis haben gesagt, man müsse die Bibel zeitgeschichtlich lesen. Ansonsten hätten wir heute noch keine Frauenordination. Ich finde, wir müssen die Schrift zeitgeschichtlich interpretieren, nicht aber biegen. Ich selbst habe damals gegen die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare votiert. „Ausgerechnet du“, habe ich da zu hören bekommen. Aber ich dachte: Immer dann, wenn die Kirche sich von der Schrift gelöst hat, ging es in die Binsen.

Die Schrift ist heute keine andere. Im alten und neuen Testament finden sich Bibelstellen, die Homosexualität stigmatisieren. Paulus etwa nennt sie „widernatürlich“. Woher Ihr Sinneswandel?

Ich habe mich stückweise angenähert, habe mich gefragt, wie leben denn eigentlich Schwule und Lesben ihre Beziehung? Dann fällt auf, dass sie die gleichen Dinge erleben, wie heterosexuelle Paare. Sie streiten sich und versöhnen sich wieder, sie wollen füreinander einstehen, grundsätzlich ihr Leben mit nur einem Partner gestalten, in guten wie in schlechten Tagen. Auch diese Kriterien können wir aus der Schrift ableiten. Das hat bei mir zu einem langsamen Umdenken geführt.

Baustelle, Büro, Kirche – Hat Ihre sexuelle Orientierung an ihrem Arbeitsplatz besonders viel Gewicht?

Sie wird vielleicht stärker hinterfragt. Es geht um die eigene Persönlichkeit, um Haltung, um Werte. Beim Recht, das Abendmahl auszuteilen, da ging es um „meine sündigen Finger“. In einem klassischen Bürojob wäre mir das wohl erspart geblieben. In der Kirche geht es um Ideale, Normen und um Begegnung. Das kann ich nicht ausblenden. Das macht für mich den Beruf ja auch gerade so reizvoll. Ich habe schon die ganze Bandbreite begleitet – von Krabbelgottesdiensten, über Jugendarbeit bis zu Seniorennachmittagen.

Momentan arbeiten Sie hauptsächlich mit Senioren. Wie reagieren sie?

„Meine“ Senioren sind 80 plus. Sie fragen nicht viel nach, wurden eigentlich gleich mit der Tatsache konfrontiert, dass wir unsere Beziehung segnen lassen. „Ja, soll es denn dann ein Geschenk geben oder nicht?“, haben sie gefragt. Oder „Heute ist das so, aber früher hätte es das nicht gegeben“, gibt es auch kritische Bemerkungen. Ein Diakon müsse schließlich Vorbild sein. Aber das kann ich, da bin ich mir sicher.

Nervt Sie der Rechtfertigungsdruck nicht?

Manchmal schon. Bei Heterosexuellen fragt ja auch keiner nach, mit wem sie zusammen sind und warum. Wer ehrlich in die Gesellschaft blickt, muss sehen: Es hat einen gesellschaftlichen Wandel gegeben. Frauen gehen arbeiten, Kinder werden unehelich geboren, Frauen lieben Frauen und Männer lieben Männer. Es ist gut, dass es Idealbilder gibt, aber daneben gibt es auch Lebensrealitäten, die anders aussehen, und die auch gut sind. Die Realität ist bunt. Das müssen wir in unsere kirchliche Haltung zu den Menschen integrieren.

Die evangelische Kirche ist da deutlich progressiver als die katholische. Wie bewerten Sie denn die Haltung der katholischen Kirche?

In der katholischen Kirche dürfte ich zum Beispiel nicht arbeiten. Das wäre hart. Die Katholiken müssen mit vielen Verletzungen leben. Ich finde das sehr, sehr schade. So ist mein Gott nicht, ich habe die Vorstellung von einem barmherzigen Gott. An der Segnung homosexueller Paare kommt der ökumenische Dialog an seine Grenzen. Man darf das aber auch nicht überbewerten. Ich habe sehr gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit vor Ort gemacht. Wirklichkeit und offizielle Lehrmeinung klaffen eben doch manchmal auseinander. Wie will eine Kirche glaubwürdig Werte vermitteln, wenn Sie die Wirklichkeit ausblendet? Dann wird jede Theorie am Ende krautig.


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