St. Mauritius in Dissen Senioren reisen ohne Koffer: Expedition ins Leben

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Dissen. Nicht jeder kann es fassen, aber es stimmt: Auch Menschen über 70, über 80 und über 90 Jahre möchten mal frei haben. Auf das eigene Bett verzichten wollen sie dabei aber nicht unbedingt. Das Programm „Ferien ohne Koffer“ der evangelischen Kirchengemeinde St. Mauritius in Dissen macht beides möglich: Urlaub und eigenes Bett. Die 72- bis 91-Jährigen drehen dabei richtig auf. Expedition ins Leben.

Wer seinen Blick im Hummert-Bus von hinten über die Sitzreihen wandern lässt, sieht vor allem eines: wogende weiße und graue Dauerwellen. Langsam schaukelt der Bus die singenden Senioren durch das satte Grün des Emslands. Die 18 Reisenden ohne Koffer, die eine Dampferfahrt auf der Ems ansteuern, müssen ihr „Valeri, Valera“ jedoch unterbrechen, als Busfahrerin Greetlies auf eine kleine Brücke schwenkt, die zum Anleger „Hanekenfähr“ führt. „Freunde, das wird knackig eng“, ruft Greetlies ins Mikro. Die Ergrauten drücken ihre Nase an die Scheibe. Auweia. Unter ihnen die braune Suppe, dicht neben ihnen das Brückengeländer. „Ihr wolltet doch sowieso aufs Boot springen, oder?“ Lautes Gelächter. Nein, danke. Vornesitzer Hanna (78) und Lisa (78) winken ab. Die Zeiten, in denen sie auf Boote gesprungen sind, sind vorbei. Die Zeiten, in denen Greetlies Reisebus gefahren ist, auch. Wobei das nicht ganz stimmt. Die Fernreisen an die Adria und zum Nordkap mögen vielleicht vorbei sein, aber auch dies ist eine Expedition. Eine ins Leben – mit Senioren aus Dissen und Umgebung.

Fünf Tage Programm am Stück , von 9 bis 19 Uhr, haben die ehrenamtlichen Reisebegleiterinnen Gerhild Thieß und Annette Mielke organisiert. Abenteuer im Akkord – von dressierten Schafen auf dem Degenerhof in Melle über „Robin Hood“ in Tecklenburg bis zur Planwagenfahrt. „Wir sind kein Ersatz für eine Tagespflege“, betont Gerhild Thieß. Es ist Urlaub. Ferienspaß für Alte. Das Komplettpaket kostet 195 Euro und wird mit Diakoniemitteln unterstützt. Hinter den Kulissen hilft Maria Fischer, selbst schon 77, dass alles reibungslos läuft. Denn die Tage sind, wie bei jedem professionellen Reiseanbieter auch, stramm am guten Essen entlang getaktet: Zwischen Brötchen und Roulade mit Rotkohl gibt es Fitnessübungen, Gespräche oder – wie an diesem Tag – einen Ausflug zum Heimathaus Dissen. Brotmarken, Seifenkarten und andere Fetzen der Vergangenheit kurbeln Erinnerungen der Senioren an ein Damals wach, als Kinder an Diphtherie starben und Familienväter im Krieg fielen. „Hach, das waren ganz andere Zeiten“, flüstert eine alte Dame sichtlich bewegt, während von draußen das fröhliche Geschrei der Kinder von heute in die Ausstellung vom Ersten Weltkrieg dringt. „Lass uns man wieder rausgehen“, hört man sie murmeln.

Mittagsruhe mit Marga

Die Senioren machen sich im Rudel auf den Weg in den „Schlafsaal“, wo sie mit Wolldecken bereits die besten Liegestühle reserviert haben. Kein Konfirmandenunterricht, kein Chor, sie haben das Lutherhaus in den Ferien ganz für sich allein. „Die Musik lief gestern zu lang“, hört man aus dem dunklen Raum erste Kritik an den Entspanne-dich-Klängen. Zustimmendes Nicken auf den Stühlen. Die CD ist abgewählt. Viel besser als jede CD ist ja auch Marga. „Ich bin frisch 73“, verkündet die zweitjüngste Teilnehmerin ihr zartes Alter, über das die 91-jährige Liegenachbarin Hedwig Lindhorst nur lachen kann. Marga lebt auf einer Avokado-Plantage bei Málaga, kommt jedes Jahr im Sommer für fünf Wochen in ihre Heimat Dissen und presst spanische Lebensfreude in „Ferien ohne Koffer“. Sie lehnt sich in ihrem Liegestuhl zurück und stimmt einen Schützenfest-Schlager an. Alle klatschen mit. „Früher habe ich dazu auf den Tischen getanzt“, sagt sie. „Das lass man lieber“, sagt Wolfgang. Die Gruppe johlt. Statt in die Luft kommen Margas Beine heute auf den Hocker. Der große Schnarcher vom letzten Jahr ist nicht dabei. Glück gehabt, Augen zu.

Zwei Senioren sind zum ersten Mal dabei. Die anderen 16 Teilnehmer kennen sich aus der Kirchengemeinde oder von den Tagesausflügen aus den Vorjahren. Denn seit vier Jahren bietet die Gemeinde „Ferien ohne Koffer“ an. Es kommen die, die noch so fit sind, dass sie allein oder bei ihren Familien leben. Die, die gern etwas Besonderes erleben möchten, und die, die von ihren Kindern diese Reise geschenkt bekommen haben. Manche, wie Luzia oder Horst, sind selbst mit dem Auto gekommen, andere nehmen den Hol- und Bringdienst der Gemeinde in Anspruch. Früher hatte die Gemeinde auch Fernreisen für Senioren im Repertoire, nach Ungarn etwa, aber die hätten sich nicht mehr gelohnt, erzählen die Reiseleiterinnen. Zu wenig Anmeldungen. „Schade. Ich hätte noch Lust“, sagt die Älteste.

Wem gehört der Stock?

Der Bus hält so nah am Anleger „Hanekenfähr“ wie eben möglich. Nicht alle sind gut zu Fuß. „Oh, ist das dein Stock?“, hört man noch aus dem Innern des Busses, bevor ein brauner Holzkrückstock über die Bustreppe auf den Parkplatz saust. „Mag sein.“ Dann sieht man, wie sich ein orthopädischer Schuh vorsichtig aus der Bustür schiebt und Halt auf dem Gehweg sucht. „Komm, gib mal Händchen“, sagt Marga und hilft ihren Freundinnen aus dem Bus und über den Steg zum Dampfer. Am Ende sitzen alle auf dem Grachtendampfer „Santa Maria“ – die mit neuem Hüftgelenk genauso wie die ohne. „Diese Generation ist unwahrscheinlich zäh“, sagt Begleiterin Annette Mielke, die sich in praller Sonne den Schweiß von der Stirn wischen muss. Stimmt. Und diese zähe Generation verputzt nun mit Blick auf die Kühe, die am Emsufer in der Sonne liegen, zufrieden den Streuselkuchen. Glück in Krümeln.

Elf Kilometer geht es auf der Ems auf und elf Kilometer wieder ab. Ilse und Erika lassen sich an Deck den Wind durchs Haar wehen. Schon als Kinder haben sie auf einem Taufstein gelegen, erzählen sie, jetzt schauen beide durch die getönten Gläser ihrer Sonnenbrillen auf das, was sich im Wasser und am Ufer präsentiert: Fischreiher, Teenager auf selbst gebauten Booten und jede Menge Gegend. „Mir war das zu windig oben. Ich hab Angst wegen der Ohren“, sagt Erna, die wieder unter Deck gegangen ist. Die anderen am Tisch nicken. „Nicht, dass sie rausfallen.“ Denn ihre Hörgeräte brauchen sie noch. Nicht zuletzt, um Karl, dem Akkordeonspieler, der extra aus Oelde angereist ist, zuzuhören. Der 81-Jährige ist der Einzige, der mit Koffer an Bord gegangen ist. Ausnahmeregel für die Quetschkommode. Er sitzt auf einem kleinen Hocker direkt gegenüber der Bordtoilette und spielt unermüdlich. „Ich höre erst auf, wenn getanzt wird“, sagt er. Und schon wenig später drehen die Ersten zu „An der Nordseeküste“ ihre Runde. Niemand braucht das Mittelmeer.

„Die Teilnehmer tauen von Tag zu Tag auf, am Ende gibt es Trennungsschmerz“, weiß Gerhild Thieß aus den Vorjahren. Kaum auszumalen, wie der fünfte Tag aussehen muss, wenn man sieht, wie viel gelöste Stimmung in den zweiten passt. „Es gibt viele schöne Momente, viele andächtige, auch wehmütige“, sagt Annette Mielke. Beim Essen zum Beispiel. Wolfgang und Horst nehmen den Männer-Tisch unter die Lupe. „Oh, ein Löffel. Pudding gesichert“, freut sich Horst. Pudding ist wie Eis. Und Eis geht immer. An der Damentafel scheint man dagegen was anderes in den Nachtisch gemischt zu haben. Hier wird gegeiert, bis die ersten Tränen fließen – vor Freude, versteht sich. „Ich glaube, ich muss den Frauen mal in die Handtasche schauen“, schlägt Wolfgang vor. „Es ist doch besser, als wenn wir traurig wären?“, fragt eine Teilnehmerin und wischt sich mit ihrer Serviette eine Freudenträne ab und eine Spur Schokopudding ins Gesicht. Sie hält inne: „Nächste Woche sitzen wir wieder allein.“


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