Wegen „erheblicher Mängel“ beanstandet Dissener Busse schon vor Brand im Fokus der Polizei

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Ausgebrannt: 78 Schüler aus Schleswig-Holstein kamen mit dem Schrecken davon. Auf einer Raststätte an der A 7 konnten sie sich rechtzeitig aus dem brennenden Bus retten. Foto: dpaAusgebrannt: 78 Schüler aus Schleswig-Holstein kamen mit dem Schrecken davon. Auf einer Raststätte an der A 7 konnten sie sich rechtzeitig aus dem brennenden Bus retten. Foto: dpa

Osnabrück. 78 Schüler auf Klassenfahrt kamen mit dem Schrecken davon: Ihr Reisebus ging an der A 7 kurz vor Hamburg in Flammen auf. Eine Recherche unserer Redaktion zeigt: Busse des Dissener Reisedienstes, aus dessen Fuhrpark der ausgebrannte Bus stammte, fallen immer wieder wegen erheblicher Mängel bei Polizeikontrollen auf. Der Fall wirft viele Fragen auf – auch nach der Zuverlässigkeit amtlich bestellter Prüfer.

Allein fünf Mal wurden Busse des Dissener Busunternehmens „Kettlers Reisedienst“ in den vergangenen drei Monaten nach Recherchen unserer Redaktion vorläufig aus dem Verkehr gezogen. Am 6. Juni stoppte die Autobahnpolizei Elmshorn einen Reisebus, der Grundschüler nach einer Klassenfahrt zurück nach Braunschweig fahren sollte. Eine Lehrerin hatte während der Fahrt die Polizei verständigt, weil sie in dem Bus um die Sicherheit ihrer Schüler fürchtete. Die zuständige Polizeidirektion bestätigt den Fall. Die nach Bauteilen sortierte Mängelliste des hinzugezogenen Sachverständigen soll eine DIN-A-4-Seite gefüllt haben, heißt es in Polizeikreisen.

Keine drei Wochen zuvor war derselbe Bus bereits in Berlin überprüft und ebenfalls sichergestellt worden – wegen gleichlautender Mängel, wie Ermittler bestätigen. Unter anderem sei ein Mangel festgestellt worden, „der zu einer erhöhten Brandgefahr im Motorraum führen könnte“.

Verwunderung über erneute Meldung

Zwischen beiden Kontrollen lag die Prüfung durch einen öffentlich bestellten Fahrzeugprüfer. Erst nachdem dieser Sachverständige die Mängelbehebung bestätigte, durfte die Zulassungsstelle des Landkreises Osnabrück dem Bus wieder eine Verkehrserlaubnis ausstellen. Diese Bestätigung habe das Unternehmen vorgelegt, heißt es beim Landkreis. Aber: Kurze Zeit später hinderten die Elmshorner Beamten den Reisebus wegen Sicherheitsbedenken an der Weiterfahrt. Auch dieser Fall wurde an den Landkreis gemeldet. Wie die Bescheinigung ausgestellt werden konnte? Sah der Mitarbeiter nicht so genau hin? Die Verwaltung weiß es nicht und reagiert „mit Verwunderung“ auf die wiederholte Sicherstellung, wie es auf Nachfrage unserer Redaktion heißt.

Noch ein weiterer Bus des Dissener Reisedienstes fiel Mitte Mai bei einer Kontrolle auf, ebenfalls in Berlin. Auch im April stoppte die Berliner Polizei ein Fahrzeug des Unternehmens. Die jeweils festgehaltene Prüfdiagnose: erhebliche Mängel. „Bei dem Unternehmen schauen wir inzwischen genauer hin“, sagt ein Ermittler. Der im April in Berlin beanstandete Bus wiederum wurde nun ein weiteres Mal aktenkundig: Am Montag stoppte ihn die Polizei nach einem Hinweis im bayerischen Waidhaus nahe der Grenze zu Tschechien. Eine Schülergruppe aus Karlsruhe war Richtung Prag unterwegs. Mängel am Rahmen und am Unterboden des Reisebusses stellten die Gutachter fest. Die Polizei zog den Bus aus dem Verkehr. Erst wenn die Schäden repariert sind, darf er wieder auf die Bahn, heißt es bei der zuständigen Verkehrsinspektion. Die Schüler reisten nach rund dreieinhalb Stunden Wartezeit mit einem Ersatzbus weiter nach Prag.

„Damit muss man rechnen“

Hans-Jochen Kettler, Geschäftsführer und Inhaber des Dissener Unternehmens, bestätigt, dass an Bussen seines Fuhrparks bei Polizeikontrollen immer wieder Mängel festgestellt wurden. „Das ist aber völlig normal, damit muss man rechnen. Wir werden alle ständig kontrolliert. Und das ist gut so“, sagt er unserer Redaktion. Alle bemängelten Busse seien repariert und nach wie vor im Einsatz. Nie sei ein Mangel an Bremsen oder anderen für die Verkehrssicherheit unerlässlichen Bauteilen festgestellt worden. Insgesamt bestehe sein Fuhrpark aus 23 Bussen.

Reise- und Linienbusse müssen jährlich zur Hauptuntersuchung. Rund 16 Prozent der dabei deutschlandweit geprüften Busse wiesen 2013 „erhebliche Mängel“ auf, zeigt eine Statistik des Dachverbands VD TÜV. Dass jedoch ein Reisebusunternehmen fünf Mal innerhalb von drei Monaten wegen erheblicher Mängel bei Polizeikontrollen durchfällt wie im Fall des Dissener Reisedienstes, hält der Sicherheitsexperte des Internationalen Bustouristik Verbands RDA, Johannes Hübner, für „äußerst ungewöhnlich“. Selbst wenn nicht vollkommen auszuschließen sei, dass Ermittler das Unternehmen „auf dem Kieker“ hätten: In fünf Fällen hätten unabhängige Sachverständige die Mängel festgestellt. „Da ist ein Betrieb mit hohem auch unternehmerischen Risiko unterwegs“, so der Sicherheitsexperte. Generell gelten Busse als das sicherste Verkehrsmittel im Straßenverkehr. Nur 1,5 Prozent der 2012 im Straßenverkehr verletzten Personen waren in Bussen unterwegs.

Eine Sache von Minuten

Am Montag vergangener Woche war ein Reisebus des Dissener Fuhrparks auf einer Raststätte an der A 7 bei Hamburg ausgebrannt. 78 Schüler aus Schleswig-Holstein konnten sich rechtzeitig aus dem Bus retten. „Das war eine Sache von Minuten“, sagt Schulleiterin Angelika Hartmann unserer Redaktion. Der Brand, so Hartmann, hätte wahrscheinlich einen anderen Ausgang genommen, wenn sich beispielsweise Rentner in dem Bus befunden hätten.

Geschäftsführer Kettler geht „mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit“ davon aus, dass sich das Feuer im Gepäckraum des Busses entfachte – ausgelöst durch die Explosion einer Spraydose eines Schülers. Seine Versicherung erwäge, einen Brandexperten zu schicken, der den Bus untersuchen soll. „Wir müssen alles unternehmen, damit so etwas nicht noch einmal passiert“, sagt er. Er stehe deshalb im Gespräch mit dem Hersteller des Fahrzeugs. Erst vor wenigen Wochen habe der Bus für 25.000 Euro einen neuen Motor bekommen. „Jetzt ist er ein Schrotthaufen.“

Die Hamburger Polizei gibt einen „technischen Defekt“ als Brandursache an. Die Ermittlungen wurden eingestellt – auch, weil das Fahrzeug eine gültige Prüfplakette trug.


Das schwerste Busunglück in Niedersachsen:

Die Bilder des ausgebrannten Wracks an der A 7 erinnern an ein Unglück vor etwa sechs Jahren: Bei dem bisher schwersten Busbrand in Niedersachsen waren im November 2008 auf der Heimreise von einer Kaffeefahrt 20 Menschen auf der A2 in der Nähe von Hannover gestorben. Ursache für das Flammeninferno war damals ein Kurzschluss im Kabelbaum, der die Bordküche mit Strom versorgte.

Das Feuer breitete sich über die Bordtoilette aus, als ein Fahrgast die WC-Tür öffnete, ergriff eine Feuerwalze in Sekundenschnelle den Bus. Viele zumeist älteren Menschen hinten im Fahrzeug verbrannten.

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