Die Sache mit der PEG-Allergie Fünf Stunden in einer Dissener Impfschlange - und am Ende war alles vergebens

Fast am Ziel: Unser Autor bei der Anmeldung im Impfzentrum. Noch ahnt er nicht, dass er das MVZ ungeimpft verlassen wird.Fast am Ziel: Unser Autor bei der Anmeldung im Impfzentrum. Noch ahnt er nicht, dass er das MVZ ungeimpft verlassen wird.
Petra Ropers

Dissen. Am Pfingstsamstag gab es am Dissener MVZ Astrazeneca für jeden. Unser Autor ging hin und stand fünf Stunden in der Schlange. Am Ende verweigerte ihm eine Ärztin die Impfung - und rettete ihm so vielleicht das Leben.

Am Samstag konnte sich beim MVZ Dissen jeder, der älter ist als 18, für eine Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca anstellen. Eine vorherige Anmeldung war nicht notwendig, daher war der Andrang entsprechend groß. Auch ich habe mich am Pfingstsamstag diesem Abenteuer gestellt. Es war ein Tag mit Höhen und Tiefen – und einer bösen Überraschung.

Organisiert wurde die Impfaktion vom MVZ, einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis. Unterstützung kam von der Freiwilligen Feuerwehr und der Stadtapotheke Dissen. Eine Voranmeldung war nicht nötig, lediglich die Versichertenkarte, der Impfausweis und ein ausgefüllter Anamnese- und Einwilligungsbogen des Robert Koch-Instituts. 

So viele Menschen sieht man sonst selten 

Ähnliche Veranstaltungen gab es auch andernorts in der Region. Bei einer Impfaktion in Osnabrück am gleichen Tag warteten einige Impfwillige sogar schon seit dem vorherigen Abend. Auch ich hatte mich auf lange Wartezeiten eingestellt, dennoch wurde ich überrascht.

Wie groß der Andrang sein würde, konnte ich nicht einschätzen. Ab 9.00 Uhr sollten die Türen des MVZ geöffnet werden und die ersten Impfungen verteilt werden – ich stand bereits um 7.45 Uhr in der Warteschlange. Mein Optimismus bekam einen herben Dämpfer als ich der Schlange zu ihrem Ende folgte. So viele Menschen hatte ich seit über einem Jahr nicht mehr auf einem Fleck gesehen. 

Petra Ropers

Würden die Dosen reichen? Ursprünglich hätten etwa 600 Dosen verfügbar sein sollen. Am Freitag hieß es allerdings bereits, dass es nur 200 sein würden. In dem Fall war ich vielleicht schon zu spät. Laut Feuerwehr befand ich mich in der Schlange etwa an Platz 250. 

Um 8.15 Uhr kam die Ansage, dass genaue Aussagen über die Zahl der Dosen in Kürze bekannt gegeben würde. Die ersten Wartenden würde man danach nach Hause schicken. Langsam wurde ich pessimistisch. Die Stimmung der Wartenden war angespannt.

Pessimismus, Euphorie und Festival-Feeling

Etwa um 8.30 Uhr kam die endgültige Information von der Feuerwehr, dass 300 Impfdosen zur Verfügung stehen und was noch wichtiger war, dass ich zu denen gehören würde, die dran kommen werden. Um mich herum merkte ich riesige Erleichterung, die Stimmung erhellte sich schlagartig und die Leute fingen plötzlich wieder an, mit ihren Nachbarn zu sprechen. Jetzt ist es wirklich nur noch Warten und kein Bangen mehr, dachte ich. 

Die erste Euphorie machte sich bei mir breit und ich schickte Nachrichten an Familie und Freunde:

„Heute werde ich geimpft“

Der einsetzende Regen machte mir nichts mehr aus. Mit Powerbank, Regenschirm und Podcast bewaffnet konnte ich ein bisschen Wartezeit schon durchhalten.

Um kurz nach neun Uhr bewegte sich die Schlange das erste Mal. In den bisherigen anderthalb Stunden hatte ich vielleicht einen Meter gemacht, nun ging es aber richtig los. Die Impfung in Aussicht, wurde das Warten schon fast ein soziales Highlight. Mein 20-jähriger Vordermann, ausgerüstet mit Campingstuhl, beschrieb es treffend als „Festival-ähnliche Atmosphäre“. Fehlte eigentlich nur noch das Bier. 

Nach der anfänglichen Euphorie fing das Wetter jedoch an, die Wartenden zu zermürben. Ich war kleidungstechnisch zum Glück gut ausgerüstet. Andere waren indes zu optimistisch gewesen. Um mich herum sah ich zitternde Hände. Auch die Schlange kam kaum noch voran. Bis 9.30 Uhr hatten wir nur ein paar Meter zurückgelegt. Laut Google Maps waren wir noch 30 Meter Luftlinie vom MVZ entfernt. Eigentlich nicht viel. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich noch einige Stunden in der Schlange warten würde. 

Ein schlechter Tag für Regenschirme 

„Mein drei-Euro-Regenschirm, den ich letzte Woche gekauft habe, macht sich auf jeden Fall bezahlt“, erzählte ich meinem Vordermann nur einen Augenblick bevor der Wind ihn mir entriss und über den benachbarten Parkplatz schleuderte. Optimistisch, die Impfung in den nächsten Stunden zu erhalten, war niemand mehr. 

Irgendwann forderte das Wetter seinen Tribut: Auch andere Regenschirme fielen reihenweise dem Wind zum Opfer. Einige Menschen wärmten sich zwischenzeitlich im Auto auf oder bekamen wärmere Kleidung per Familien-Lieferservice. Um 11:30 Uhr war meine Stimmung im Keller, ich wollte es nur noch hinter mich bringen. Eine halbe Stunde später, ich bin nur noch zehn Meter von der Arztpraxis entfernt, kehrt die Euphorie zurück. Die Aussicht auf Treffen mit Familie und Freunden, ein halbwegs normales Leben, rückt wieder näher. 

Dennoch dauerte es noch eine weitere Stunde, ehe auch die letzten zehn Meter bis zum MVZ hinter mir lagen. Zwischendurch gab es schon Sorge, dass das Astrazeneca vielleicht doch schon ausgegangen sein könnte. Das stellte sich aber schnell als unbegründet heraus. 

Petra Ropers

Dann war es soweit:  Nach über fünf Stunden betrat ich endlich das MVZ, eine Ärztin bat mich zum Vorgespräch. Jetzt sollte alles nur noch eine Formalität sein. Dachte ich. 

Dann kam alles anders. 

Auf dem Anamnesebogen zur Impfung hatte ich unter "Vorerkrankungen" eine Allergie gegen Polyethylenglycol (PEG) eingetragen. Das sind Stoffe, die zum Beispiel in bestimmten Kosmetika enthalten sind und die Hautirritationen verursachen können – bei mir kaum mehr als etwas Juckreiz und eine leichte Hautrötung. Die Ärztin allerdings wurde stutzig.

Und jetzt? 

Nach erneuter Prüfung teilte sie mit: Keine Impfung für mich. Bei meiner Allergie handele es sich um eine Kreuzallergie mit dem Impfstoff, welche einen anaphylaktischen Schock auslösen kann – ein allergischer Schock, der in schweren Fällen zum Tod führen kann. „Ich darf und kann Ihnen die Impfung unter diesen Umständen nicht willentlich verabreichen“, lautete die Ansage der Ärztin. Ich solle froh sein, dass die Kreuzallergie rechtzeitig entdeckt wurde.

Ich war enttäuscht. Fünfeinhalb Stunden bei Wind und Regen gewartet und gefroren, alles umsonst, dachte ich. Mittlerweile bin ich aber natürlich wahnsinnig froh darüber, dass diese Kreuzallergie festgestellt wurde. Ein anaphylaktischer Schock kann nicht nur von Astrazeneca, einem Vektorimpfstoff, sondern auch von allen anderen, auch den mRNA-Impfstoffen wie etwa dem von Biontech-Pfizer hervorgerufen werden. Meine Ärztin aus dem MVZ wird sich nun mit dem Paul-Ehrlich-Institut in Verbindung setzen, um herauszufinden, welche Möglichkeiten es für mich gibt. 

Bis dahin kann ich mich zumindest damit trösten, dass jemand anderes statt mir die lang ersehnte Impfung bekommen hat.


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