Hexen verfolgt, damit die Leute kuschen Heimatforscher Rottmann räumt in Dissen mit Mythen auf

Über die Hexenverfolgung in der Region referierte Rainer Rottmann auf Einladung der Heimatvereins-Vorsitzenden Rosemarie Rieke. Foto: Petra RopersÜber die Hexenverfolgung in der Region referierte Rainer Rottmann auf Einladung der Heimatvereins-Vorsitzenden Rosemarie Rieke. Foto: Petra Ropers

Dissen. Ein düsteres Kapitel der Geschichte schlug Referent Rainer Rottmann auf Einladung des Heimatvereins Dissen im Lernstandort Noller Schlucht auf: Der Heimatforscher räumte mit Mythen zum Thema Hexenverfolgung in der Region auf.

Schon seit über vier Jahrzehnten vertieft sich Rainer Rottmann in alte Quellen, Akten und Dokumente – vorzugsweise in jene der historischen Gerichtsbarkeit. Fakten statt Fiktion: Mit diesem Bestreben näherte er sich auch jenem Thema, das bis heute für Entsetzen sorgt. Ein Mythos, der sich hartnäckig rund um die Hexenverfolgung rankt: Als Hexen wurden im Mittelalter von der katholischen Kirche vor allem rothaarige Frauen, Kräuterfrauen oder Hebammen verfolgt?

Nicht im Mittelalter, sondern im 16. und 17. Jahrhundert lag der Höhepunkt der Hexenverfolgungen, stellte Rottmann richtig. Und die sogenannten Hexen waren keineswegs immer rothaarig und eher selten Kräuterfrauen oder Hebammen. Richtig ist zwar, dass es vor allem Frauen waren, die verfolgt, gefoltert und qualvoll getötet wurden. Doch treibende Kraft war nicht nur – im Osnabrücker Land nicht einmal in erster Linie – die katholische Kirche.

Thomas von Aquins „Dämonologie“ im 13. Jahrhundert und der „Hexenhammer“ des Dominikanermönches Heinrich Kramer im 15. Jahrhundert bildeten zwei der Grundpfeiler des europäischen Hexenbildes. Doch ihre Veröffentlichung löste zunächst keine Welle der Verfolgung aus. Im Hochstift Osnabrück kam es erst 1545 zu ersten Hexenprozessen. „Doch es waren nie mehr als zehn pro Jahr“, stellte Rottmann bei seinen Recherchen fest. Dann 1561 plötzlich 16 Verurteilungen allein in der Stadt Osnabrück. Was war geschehen?

Im Vorjahr begann, was später als „kleine Eiszeit“ in die Geschichte eingehen sollte. Die Menschen litten unter Missernten, Hunger und Epidemien. Die Zerrissenheit im Glauben in Folge der Reformation tat ein Übriges. Als 1561 dann ein außergewöhnliches Himmelsphänomen über Osnabrück gesichtet wurde, schien die überirdische Botschaft klar zu sein. Die erste Verfolgungswelle begann.

Akribisch durchforstete Rainer Rottmann eine Vielzahl an Dokumenten. Das Ergebnis seiner Recherchen: Bei den drei maßgeblichen Wellen der Hexenverfolgung in der Stadt Osnabrück wurden in den Jahren 1561, 1583 bis 1592 sowie 1636 bis 1639 insgesamt 261 zumeist weibliche Opfer getötet. Zum Vergleich: Im gesamten Hochstift ohne die Stadt Osnabrück waren es in derselben Zeit nur 92 Opfer. Von ihnen wurden 32 in Amt Iburg verurteilt. Aus Dissen wurde nur 1581 eine Frau als Hexe verurteilt und auf dem Stalbrink in Oesede verbrannt.

Nicht die katholische Kirche, sondern – zumeist evangelische – Ratsherren waren es, die in der Stadt Osnabrück die massiven Hexenverfolgungen vorantrieben, so Rottmanns Erkenntnis. Und es sei wesentlich politisches Kalkül gewesen, das sie dazu veranlasst habe: „Sie wollten die Leute ruhig bekommen.“ Diese Aussage ist nicht die einzige, die im Lernstandort nach einem leckeren "Hexensüppchen" nachdenklich stimmte. Denn Rottmann wies nachdrücklich die allzu bequeme Ansicht zurück, dass dieses düstere Kapitel eines der fernen Geschichte sei: „Heute werden in Ländern wie Saudi-Arabien, Tansania und Indien mehr Menschen als Hexen getötet als in der gesamten damaligen Zeit.“


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