4000 Feldgrillen ausgesetzt Wiederansiedlungs-Projekt des BUND in der Noller Schlucht

Noch ist der Boden zu kalt, aber mit steigenden Temperaturen werden die Feldgrillen aus ihren Höhlen kommen. Das stellten (von links) Pauline Hinz (15) aus Versmold, Schülerpraktikantin beim BUND, Matthias Beckwermert, Geschäftsführer des BUND für den Landkreis Osnabrück und sein Sohn Paul (14) am Mittwoch bei einer Begehung des Grillen-Hangs in Nolle fest. Foto: Carolin HlawatschNoch ist der Boden zu kalt, aber mit steigenden Temperaturen werden die Feldgrillen aus ihren Höhlen kommen. Das stellten (von links) Pauline Hinz (15) aus Versmold, Schülerpraktikantin beim BUND, Matthias Beckwermert, Geschäftsführer des BUND für den Landkreis Osnabrück und sein Sohn Paul (14) am Mittwoch bei einer Begehung des Grillen-Hangs in Nolle fest. Foto: Carolin Hlawatsch
Carolin Hlawatsch

Dissen. Die Noller Schlucht in Dissen hat neue tierische Bewohner. Bemerken wird man sie weniger durch ihr Erscheinen als durch ihre Geräusche. 4000 nun bald zirpende Exemplare ihrer Art setzte die BUND Kreisgruppe Osnabrück im Juli 2018 in Nolle aus. Ob sich die bedrohte Feldgrille wieder ansiedeln wird, wird vom BUND beobachtet.

Ende April/Anfang Mai werden die dann ausgewachsenen Grillen anfangen zu zirpen, ausschließlich die Männchen, die damit versuchen die Weibchen anzulocken. „Dann ist der Zeitpunkt gekommen, durch Hören erste Schätzungen zur Entwicklung der Feldgrillenpopulation vornehmen zu können“, erklärt Matthias Beckwermert, Geschäftsführer des BUND für den Landkreis Osnabrück. Je nach Wetter können Wanderer vom Hermannsweg aus das Zirpen wohl bis Juli genießen, wenn es ein langer Sommer wird und sich eine zweite Generation Grillen entwickelt, sogar bis in den September hinein. 

Die Feldgrille steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten in Niedersachsen. An nur noch zehn Orten kommt sie vor, darunter im Wendland und Diepholzer Moor. Die klimatische Grenze für ihr Vorkommen liegt in Höhe Bremen, nördlichere Gefilde sind zu kalt für das Insekt. Bis vor hundert Jahren, als noch Wanderschäferei an den Hängen des Teutoburger Walds betrieben wurde, sei die Feldgrille eines der gängigsten Wiesentiere unserer Region gewesen. „Sie ist typischer Stellvertreter für viele andere bedrohte Arten die extensiv, naturschonend bewirtschaftete Wiesen als Lebensraum benötigen“, erklärt Matthias Beckwermert. Es gehe also bei dem BUND-Projekt nicht allein um den Schutz der Feldgrille. Da wo sie lebt, kommen womöglich auch andere verschwundene Arten zurück. Für viele Vögel, Kleinsäuger und Eidechsen ist die eiweißreiche Feldgrille ein essentielle Nahrungsquelle. 

Das erste Feldgrillenbild aus 2019. Hetzt. Ende April zirpen die ersten Männchen bereits. Foto: Matthias Beckwermert


Voraussetzung für die Rückkehr anderer Arten und auch für die Ausbreitung der Feldgrille sei aber nicht nur das Wiederherstellen der Lebensräume. Bedeutsam sei auch deren Vernetzung, denn nicht nur durch intensive Landwirtschaft, sondern auch durch die Zerschneidung der Landschaft mit Straßen und versiegelten Flächen habe der Mensch viele Arten weggedrängt. 

Ursprünglicher Plan der BUND-Kreissgruppe Osnabrück war es, die Feldgrillen auf einem Solarpark-Gelände in Bad Rothenfelde anzusiedeln, auf dem auch Schafe grasen sollten. „Doch kurz vor Projektstart machte der Betreiber einen Rückzieher“, blickt Matthias Beckwermert zurück. Durch das BUND-Programm „Blühender Landkreis“ fand sich alternativ das Gebiet am Südhang des Teutoburger Waldes in der Noller Schlucht. Richard Hoffmeister, Student der Landschaftspflege an der Fachhochschule Osnabrück stellte im Rahmen einer Hausarbeit im Sommer 2018 fest, dass brachliegende Wiesen rund um die ein Hektar große „Feldgrillen-Projekt-Fläche“, vor dem Zuwachsen mit Büschen frei gehalten werden müssen. Nur so könne sich die Grille ausbreiten. 

Dafür sorgt nun Schäferin Susanne Schneiker-Bekel aus Halle/Westfalen, die ihre alten Schafrassen seit dem zehnten April auf den umliegenden zweieinhalb Hektar großen Wiesen weiden lässt, und damit die nötigen offenen Strukturen schafft. Die schwarzen Feldgrillen brauchen Sonne und erwärmten Boden für ihre Erdhöhlen, in die sie ihre Eier legen. Nach der Eiablage im Sommer sterben die erwachsenen Tiere. Die Larven schlüpfen, je nach Witterung, zirka Anfang Juli und Überwintern in den Erdhöhlen. „Noch ist der Boden zu kalt, aber ab Mitte Mai werden sie wohl an die Oberfläche kommen“, schätzt Matthias Beckwermert. Aufgrund des langen, heißen Sommers ergab sich schon kurz nach Projektstart eine kuriose Ausnahme im Lebenszyklus der Feldgrillen. Die Wärme habe ihre Entwicklung derartig begünstigt, sodass noch im gleichen Jahr eine zusätzliche Generation entstand. 

Matthias Beckwertmert, Geschäftsführer des BUND für den Landkreis Osnabrück (vorne) und Biologe Robert Boczki aus Münster beim Aussetzen der Feldgrillen im Juli 2018. Foto: Matthias Beckwermert


Die ausgesetzten 4000 Feldgrillen stammen aus einer Zucht des Münsteraner Biologen Robert Boczki, der die Art bereits 2011 erfolgreich auf dem Truppenübungsplatz Dorbaum in Münster wiederansiedelte. Seine Zucht basiert auf mit Genehmigung aus der Natur entnommenen Feldgrillen aus Halle. „Es handelt sich also um eine wirklich heimische und nicht gebietsfremde Art“, betont Matthias Beckwermert. „Und auch wenn 4000 erstmal nach viel klingt, tatsächlich überleben erfahrungsgemäß nur ungefähr ein Prozent der Grillen das erste Jahr“. 

Das Projekt wird unterstützt von der Naturschutzstiftung des Landkreises Osnabrück. Wenn sich die Population gut entwickelt, sind für den Sommer umweltpädagogische Aktionen zusammen mit dem Lernstandort Noller Schlucht geplant, sowie BUND-Exkursionen zum Projektgebiet in Nolle.


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