Jugendwerkstätten kämpfen um Finanzierung Lernstandort Noller Schlucht ebnet Wege in den Beruf

Über den guten Weg, den Niklas (Mitte) eingeschlagen hat, freuen sich mit ihm Derk van Berkum, Geschäftsführer des Lernstandortes Noller Schlucht und Pädagogischer Leiter der Jugendwerkstatt, und Sozialpädagogin Astrid Stelter. Foto: Petra RopersÜber den guten Weg, den Niklas (Mitte) eingeschlagen hat, freuen sich mit ihm Derk van Berkum, Geschäftsführer des Lernstandortes Noller Schlucht und Pädagogischer Leiter der Jugendwerkstatt, und Sozialpädagogin Astrid Stelter. Foto: Petra Ropers

Dissen. „Eigentlich wollte ich gar nichts mehr. Nur meine Ruhe haben.“ Einen Abschluss hatte Niklas längst abgeschrieben, als er zur Jugendwerkstatt des Lernstandortes Noller Schlucht kam. Inzwischen hat er den Hauptschulabschluss in der Tasche und steht erfolgreich in der Ausbildung zum Berufskraftfahrer.

Schule? Das war rumhängen, Kaffee trinken und Blödsinn machen. „Ich war in mehreren Schulprojekten“, erinnert er sich. „Klar wurde da viel versprochen.“ Immer wieder Hoffnung, die aber immer wieder enttäuscht wurde. „Ich konnte da einfach nicht lernen.“ Warum weiß er selbst nicht so genau. Und irgendwann war es ihm auch egal. Klappt sowieso alles nicht, also warum sich noch bemühen? Ein Umzug von Nordrhein-Westfalen nach Melle brachte ihn schließlich in den Einzugsbereich des Lernstandortes Noller Schlucht.

Ganz freiwillig kam er nicht. Dazu fehlte einfach die Motivation. Aber dann stand er auf Drängen seiner Großeltern doch in Nolle vor der Tür. Eigentlich habe er im Lernstandort nur seine Zeit absitzen wollen, gesteht Niklas. Doch irgendetwas war anders: „Ich hatte das Gefühl, hier sind Leute, die sind für mich da. Die haben mir gezeigt, dass ich etwas kann. Dass ich sogar meinen Abschluss machen kann.“ Die Schwierigkeiten, die er vorher hatte, und auch jene Erfahrungen, die er vorher gemacht hatte, spielten auf einmal keine Rolle mehr.

Alles auf Neustart

„Das hier ist ein Neustart für die Jugendlichen“, formuliert es Derk van Berkum, Geschäftsführer des Lernstandortes Noller Schlucht und Pädagogischer Leiter seiner Jugendwerkstatt. Etwaige „Altlasten“ werden aufgearbeitet. Im Zentrum aber steht, jedem Einzelnen seine Stärken bewusst zu machen. „Hier findet jeder etwas, dass er gut kann und auf das wir gemeinsam aufbauen können“, erklärt van Berkum. „Selbst, wenn es erst einmal nur Rasenmähen ist.“

Das Gefühl, nicht abgeschrieben zu sein, vermittelt den Jugendlichen eine Bestätigung und Wertschätzung, die sie in ihrem Elternhaus oft nicht mehr bekommen. Die Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter knüpfen an den kleinen Siegen an: „Für einen Schulverweigerer ist es schon eine große Leistung, einfach nur hierher zu kommen“, erklärt Astrid Stelter, Sozialpädagogin für Berufsorientierung.

Praxisorientiert und lebensnah

Der Unterricht selbst – im Bildungskurs für jene, die den Hauptschulabschluss schaffen können, oder im Qualifizierungskurs - ist stark praxisorientiert, lebensnah und von einer engen, individuellen Förderung begleitet. Und der Erfolg spricht für sich: Rund 60 Prozent der Jugendlichen, die ohne Perspektive und scheinbar auch ohne Chancen zum Lernstandort kommen, werden in eine Anschlussperspektive vermittelt – viele von ihnen in eine Ausbildung.

Auch Niklas hat jetzt wieder ein klares Ziel vor Augen: Über zwei Praktika kam er zum Dissener Unternehmen Flottmann Logistik und trat mit dem Hauptschulabschluss in der Tasche die Lehre zum Berufskraftfahrer an. Hinter dem Steuer zu sitzen, macht dort nur einen Teil seiner Ausbildung aus: „Ich war im Lager, in der Werkstatt und auch im Büro. Ich weiß mir zu helfen“, sagt er stolz. Und auch die Berufsschule bereitet ihm keine Probleme – eine Erfahrung, die noch zu Schulzeiten für ihn undenkbar gewesen wäre.

30 Jahre unsichere Förderung

Schon seit 30 Jahren gibt die Jugendwerkstatt des Lernstandortes Noller Schlucht Jugendlichen wie Niklas neue Perspektiven. Doch die Finanzierung steht auf unsicheren Füßen. Denn die Fördermittel des Landes und des Europäischen Sozialfonds müssen alle zwei Jahre neu beantragt werden – und das seit 30 Jahren. Und der Gedanke an die Zukunft treibt dem Geschäftsführer des Lernstandortes die Sorgenfalten auf die Stirn.

„Es wird im Sozialbereich der EU eine Umverteilung von Fördergeldern geben“, ist er überzeugt. Deutschland werde künftig wohl weniger Mittel bekommen. Und wie soll dann die wichtige Arbeit finanziert werden? Diese Frage stellen sich derzeit Jugendwerkstätten bundesweit und rufen deshalb am Dienstag einen Aktionstag aus. „Nach uns kommt nichts mehr“, formuliert van Berkum unmissverständlich. „Wenn wir die Jugendlichen nicht mehr auffangen…“


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